Tagebuch
Des Krimis Kern. ARD will weniger Experimente beim "Tatort"
Frankfurt a.M. (epd). Das schöne Wort Obergrenze ist jetzt auch in der Diskussion über den "Tatort" im Ersten angekommen. Die ARD will künftig besser darauf achten, dass im Sonntagskrimi nicht zu viele Experimente gewagt werden: Maximal zwei experimentelle "Tatorte" soll es pro Jahr noch geben, bestätigte der für die Koordination der Krimireihe zuständige WDR dem epd. ARD-Programmdirektor Volker Herres hatte bereits im März - nach der Ausstrahlung des SWR-Films "Babbeldasch" - gesagt, er stehe für den "Markenkern, und der heißt Krimi". Zum "Tatort" gehörten zwar "immer wieder auch einmal mutige Experimente". Das sei aber nur okay, "solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert".

Was "experimentell" ist, entscheidet die ARD-Koordination "im Einzelfall". Das lässt für das kreative Klima in den ARD-Fernsehfilmredaktionen Böses ahnen. Welcher der neun Sender darf künftig einen der zwei experimentellen "Tatorte" drehen? Hat der HR sein Kontingent für die nächsten sieben Jahre ausgereizt, nachdem er mit "Weil sie böse sind", "Das Dorf", "Im Schmerz geboren", "Wer bin ich?" und zuletzt "Fürchte Dich" in den vergangenen sieben Jahren fünf außergewöhnliche Stücke zu der Reihe beisteuerte? Zählen die Klamauk-"Tatorte" mit Christian Ulmen und Nora Tschirner, die den "Markenkern" gern ins Lächerliche ziehen, auch zu den Experimenten oder laufen sie außer Konkurrenz?

"Der ,Tatort' hält viel aus", sagte der Erfinder der Reihe, Gunther Witte, im vergangenen Jahr anlässlich des tausendsten "Tatorts" im Ersten. In der Tat, das Spektrum der "Tatorte" reicht von der Komödie aus Münster bis zu den Hamburger Action-"Tatorten" von Til Schweiger. Nicht zu vergessen die komplexen Filme eines Dominik Graf, bei denen manchmal schon die ersten fünf Minuten - wie in "Aus der Tiefe der Zeit" - einen ganzen Essay über eine Stadt erzählen. "Tatort"-Fans erinnern sich denn auch eher an die ungewöhnlichen Filme der Reihe als an jene, welche die geglückte Überführung des Täters am Ende mit einer Currywurst feiern.

Der "Tatort" konnte nur deshalb zum letzten Lagerfeuer des Fernsehens werden, weil er immer wieder Neues ausprobiert und viel gewagt hat. Hätte er stets die Erwartungen des Publikums zu 100 Prozent erfüllt, hätte er es wohl kaum auf 1.000 Folgen gebracht. Dass "Bild" sich zuverlässig am Montag über den "Porno-Tatort" des BR ereifert oder nach dem Halloween-Experiment des HR fragt: "Gibt es Geister wirklich?", zeigt ja nur, welchen Gesprächswert die Reihe auch dadurch hat, dass sie immer wieder provoziert.

Der "Markenkern" des "Tatorts" droht eher dadurch verloren zu gehen, dass die Filme - auch aus Kostengründen - die regionale Verwurzelung aufgeben. So steht das Haus, in dem die Münsteraner "Tatort"-Ermittler Boerne und Thiel wohnen, in Bonn. Das Café mit Außengarten, in dem die Dortmunder "Tatort"-Kommissarin Martina Bönisch mit ihrem Sohn telefoniert, befindet sich im wirklichen Leben in Köln. Für die Innenaufnahmen der SWR-"Tatorte" aus Konstanz, Ludwigshafen und Stuttgart musste ein und dieselbe ehemalige Schule in Baden-Baden herhalten.

Regionale Verwurzelung bedeutet auch, genau zuzuhören, wie in der jeweiligen Region gesprochen wird. Die Wiener "Tatorte" werden für ihren Schmäh geliebt. Im "Frankentatort" wird selbstverständlich Fränkisch gesprochen. Doch der neue "Tatort" im Schwarzwald wurde ausschließlich mit Darstellern gedreht, die reines Hochdeutsch sprechen. Ein Zeichen, dass die Macher die Region wenig kennen. Natürlich gibt es auch im Schwarzwald Menschen, die Hochdeutsch sprechen, doch ist ihnen dann auch anzuhören, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Eine Untergrenze für regionale Dialekte, das wäre mal eine sinnvolle Vorgabe im Sinne der regionalen Vielfalt.
Aus epd medien Nr. 44 vom 3. November 2017

Diemut Roether