Kritik
In der Zwickmühle
VOR-SICHT: "Der Richter", Fernsehfilm, Regie: Markus Imboden, Buch: Marija Erceg, Kamera: Martin Farkas, Produktion: NFP/Neue Film Produktion Berlin (ZDF, 16.4.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Zurzeit kann man mal wieder den Eindruck gewinnen, der Berufsstand des Anwalts sei der wichtigste im deutschen Fernsehen. Selbst bei RTL wird mit der Serie "Jenny - echt gerecht!", einer Mischung aus "Doctor's Diary", "Dani Lowinski" und "Edel & Starck" nun wieder für das Recht der kleinen Leute Partei genommen. Der Detektiv dagegen, sieht man von gelegentlichen Gastspielen Claus Theo Gärtners als "Matula" und der Neuauflage von "Ein Fall für zwei" ab, ist etwas aus der Mode gekommen. Anwälte, Polizisten, hier und da Pfarrer oder Lehrer, damit ist das männliche Rollenrepertoire schon fast erschöpft. Das zeugt nicht von besonderer Vorstellungskraft der Drehbuchautorinnen und -autoren oder von Fantasie in Redaktionen. Beim Fernsehen gilt fast ausnahmslos immer noch und immer wieder der Spruch: Wer Visionen hat, soll besser zum Arzt gehen.

Auch der ZDF-Fernsehfilm "Der Richter" baut auf eine vermeintlich sichere Erfolgsnummer. Richter Joachim Glahn (Heino Ferch) bildet alle obengenannten Rollen in Personalunion ab. Er ist kämpfender Anwalt der Wahrheit; Detektiv, der beim Undercover-Ortstermin dieselbe hinderliche Beinschiene trägt wie der Angeklagte zum Tatzeitpunkt; er ist weise wie ein Pfarrer, dem man schon sämtliche Beichtgeheimnisse ins Ohr geflüstert hat und als Lehrer in Sachen außergewöhnlich gerechter Urteilsfindung ein leuchtendes Vorbild für den Nachwuchsrichter Gernot Wollenkamp (Sebastian Urzendowsky). Eine strahlende Figur, dem das Drehbuch eine schwierige Wahl zwischen einer intellektuell brillanten Geliebten und einer patenten Ehefrau andichtet, wohl um die Gloriole um den Kopf dieses Mannes ein wenig mit Asche zu beschmutzen. Immerhin ringt er mit sich, wie es auch andere Lichtgestalten tun.

Acht Monate Beziehungspause haben er und die Gerichtsmedizinerin Michaela Biel (Victoria Sordo, "Am Ende aller Tage") hinter sich, bevor sie im Richterzimmer alle Vorsicht fahrenlassen. Das Lügen, so scheint es, fällt Joachim Glahn schwer. Seine Frau Alexandra (Gesine Cukrowski) hat ihm den Rücken frei gehalten, die begabte Tochter und angehende Juristin Luise (Elisa Schlott) trotz Nervenflattern durch die ersten Examina gebracht, nun kümmert sie sich um die schwer alkoholkranke Schwiegermutter Gisela (Marie Anne Fliegel). Er schuldet ihr etwas - die Wahrheit?

Die Konstruktion des aufrechten Mannes zwischen zwei Frauen knirscht im Detail ziemlich. Sie dient offensichtlich bloß dazu, das größere Dilemma - Joachim Glahns schwierige Wahl zwischen zwei Opfern - vorzubereiten. Wie bei Dürrenmatt, nur wesentlich weniger elegant, geht es um die Wahl zwischen zwei extremen Übeln, die die Überzeugung dieses großen Einzelnen und seine Maximen so oder so beschädigen werden. Entweder opfert Glahn das Recht oder seine Tochter.

Der Anfang des Films stellt wie inzwischen bei ZDF-Filmen üblich die entscheidende Szene an den Anfang: Glahn zielt mit einer entsicherten Waffe auf einen am Boden liegenden Mann, der sich windet und wimmert. Wird er abdrücken und zum Mörder werden? Man weiß nach wenigen Szenen, dass Holger Wieland (Wolfram Koch), ein kleines Licht im Baugewerbe, der eigentlich wegen Mordes an einem Gutachter für Bodenverseuchung vor Glahns Richterbank steht, es irgendwie aus der U-Haft hinaus geschafft hat.

Wie es dazu kam, wird im Folgenden ästhetisch spannender (Kamera: Martin Farkas), aber dramaturgisch wenig plausibel dargestellt. Wieland, der mit dem großkopfeten Bauunternehmer Dirk Lüders (André Jung mit schrecklich gefärbtem Haar, was wohl auf Manipulationsversuche in jeder Lebenslage deuten soll) krumme Geschäfte gemacht hat, wird von einem eitlen Staranwalt (Francis Fulton Smith) vertreten, der auf der Gehaltsliste eines anderen steht. Luise Glahn, die aus Überforderung weniger harmlosen Freizeitbeschäftigungen nachgeht, als es ihr leistungsorientierter Vater weiß, bändelt mit dem Nachtclubbesitzer Maik Fechner (Sebastian Hülk wie immer als brutaler Bösewicht) an. Man hat den Unbestechlichen im Visier. Um Wieland frei zu pressen, wird Luise entführt.

Luises Leben gegen Wielands Freiheit. So etwas nennen Pressetexte "die schwerste Entscheidung seines Lebens". Das könnte fesselnd sein - aber dazu müssten die Figuren, die das Buch um Heino Ferchs übermännliche Gestalt herum gruppiert, mehr fesseln. Den besten Part haben noch die beiden Frauen. Sordo spielt herausragend, Cukrowski hat die Rolle, in der sie sich vor allem laut aufregen muss. Wolfram Kochs Wieland bleibt bei aller behaupteten Gefährlichkeit uninteressant, Jungs Lüders ist ein Baulöwenklischee, Fulton Smiths Anwalt hat vor Gericht ein paar seltene Momente.

Dass sich Schlotts Luise mit voller Berechnung mit einem halbseidenen Ausputzer einlässt, ist genau so wenig glaubhaft wie ihr Drogenkonsum. Vollends verschenkt ist Sebastian Urzendowskys Rolle als Nachwuchsrichter Wollenkamp. Mehr als Stichworte bekommt er nicht - und darf, damit der Film nach aller moralischen Dramatik auf einem leichten Ton endet, ganz zum Schluss die attraktive Staatsanwältin anflirten. Schwierige Rechtsfragen und scheinbar aussichtlose ethische Zwickmühlen sind ein beliebtes Fernsehsujet - siehe die Verfilmungen nach Ferdinand von Schirach. Dass sie bei einem wenig subtilem Drehbuch dramatisch an Zugkraft verlieren, zeigt dieser Film.

Aus epd medien Nr. 15 vom 13. April 2018

Heike Hupertz