Kritik
Der Verrat
VOR-SICHT: "Die Maßnahme", Fernsehfilm, Regie und Buch: Alexander Costea, Kamera: Thorsten Harms, Produktion: Schöne Neue Filme/HFF München (ARD/BR, 4.7.17, 22.45-0.10 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Alexander Costea gelingt in seinem Debütfilm ein dramaturgischer Geniestreich. Zwei Männer stehen im Mittelpunkt der Geschichte nach einem wahren Fall. Eine Mordermittlung gibt den Anlass, aber nicht den Grund für die Freundschaftsgeschichte zweier Außenseiter, von der "Die Maßnahme" handelt. Einer, Werner Seiler, ist ein kleinstadtbekannter Sonderling. Auf dem geerbten, verwahrlosten Hof lebt er am Rand der Gesellschaft. Strähnige Haare verdecken seine Physiognomie, ein Pullover aus der Kleiderspende und eine ausgebeulte Jogginghose seinen Körper. Alles an ihm zeugt von Verbergen und Vorsicht. Einem geprügelten Hund gleich zerlegt er tagtäglich wortlos Metallschrott und sitzt in der Kantine abseits der Kollegen, in sich gekehrt.

Eigentlich könnte er einem leidtun. Aber Costea gibt ihm gleich zu Beginn eine Szene, die Mitleid nicht zulässt. Ein nett aussehender brauner Hund streift übers Feld, schnüffelt im Wald, erreicht den Hof und sondiert Seilers Schuppen. Der pirscht sich an, selbst tierähnlich wirkend, lockt er die Kreatur mit einer Wurst. Der Hund zögert, als wittere er üble Absicht, misstrauisch zurückweichend. Vertrauensbildend legt der verwahrloste Mensch die Wurst auf den Boden, gibt Sicherheitsabstand, und tritt den Hund mit aller Wucht zusammen, als dieser sich nähert. Für Empfindsame eine empörende Szene (obwohl man das Tier beim Tritt nicht sieht), zusätzlich noch mit dem kühlen Beobachtungsblick einer dokumentarischen Kamera gefilmt.

Kaum vorstellbar, dass dieser offenbar amoralische Schrat im Verlauf des Films unsere Zuneigung, wenn auch stets vermischt mit einem Hauch des Zweifels, gewinnt. Aljoscha Stadelmann spielt diesen Werner Seiler furios als Menschwerdung und Resozialisierung eines Gebrochenen. Bevor die finale Wendung, die hier nicht verraten werden soll, alles infrage stellt. Auch und vor allem den Augenschein und das Urteilsvermögen des Zuschauers.

In gegenläufiger Richtung, und das zeugt von der Brillanz des Buches, entwickelt sich die Parallelgeschichte des jungen Straftäters Roland Prengler. Eines Morgens steht er im Schrottbetrieb, ehrliches Gesicht, ruhige, offene Art und sucht Arbeit. Bald interessiert er sich für den anderen Außenseiter, sucht immer wieder den Kontakt zu Werner Seiler, der ihn zunächst schroff abwehrt. Der Fall scheint klar: Ein junger Mann, frisch aus dem Gefängnis, erkennt im anderen einen Seelenverwandten. Psychologisch geschickt umwirbt er ihn geradezu, nutzt seine Hilfsbereitschaft, vertraut ihm Intimes an. Nach einer Prügelei vor dem Wirtshaus sitzen beide zwischen Lachen und Weinen auf dem staubigen Sofa des Hofes.

Prengler lockt Seiler nach allen Regeln der Kunst aus seinem Schneckenhaus. Wir erfahren Furchtbares aus seiner Vergangenheit. Die Freundschaft wird eng. Nächtliches Angeln am See, Entrümpeln, Sorge für das Schaf Emmy, das Seiler nicht ohne Grund in einem der vielen Zimmer des Hofes hält. Eine Polizeikontrolle, bei der herauskommt, dass Seiler vor wenigen Jahren des Mordes an einer 17-Jährigen verdächtigt wurde. Seine Vorstrafe wegen eines Sexualdelikts. Die Reaktion der Kleinstadtbewohner: Mit dem wollen wir nichts zu tun haben.

Prengler verteidigt ihn, unbedingt. Und Seiler wird ein neuer Mensch, kommt gleichsam zur Sprache. Alles könnte auch ganz anders sein. Er ist ein wenig seltsam - geworden? Prengler schneidet ihm das Haar. Zivilisiert ihn. Nah und intim blickt die Kamera dabei beiden über die Schultern in den Badezimmerspiegel.

Es ist tatsächlich anders, und der Zuschauer weiß es fast von Anfang an: Roland Prengler (herausragend gespielt von Max Wagner, dem die Ähnlichkeit mit dem Sympathieträger Manuel Neuer zupasskommt) ist ein verdeckter Ermittler. Sein Auftrag ist es, Seiler, dem man nicht genug nachweisen konnte, zum Geständnis zu bewegen. Vertrauen um Vertrauen. Freundschaftszug um Freundschaftszug. Er schneidet sämtliche Gespräche mit, tippt sie regelmäßig in den Laptop. Fabriziert seine Zuneigung, die den anderen öffnet. Jedes Thema ist strategisch abgestimmt. Manipuliert mit seiner Zuneigung - und an entscheidender Stelle mit der Aussicht auf ihren Verlust. Auch die Polizeikontrolle ist mit den Kollegen inszeniert.

Diese anfangs grundsympathische Gestalt wird dem Zuschauer moralisch immer dubioser. Der Zweck - die Aufklärung eines Mordes - gerät in "Die Maßnahme", je mehr der Film sich der Auflösung nähert, immer mehr in den Hintergrund. Die Mittel der Vertrauenserschleichung wirken ekelhaft. Die Gewissheiten über Gut und Böse geraten schwer durcheinander.

Dieser Film, fast ein Zweipersonenstück, entwickelt seinen Sog ganz aus der moralischen Gegenbewegung der Figuren Seiler und Prengler. Für einen der beiden entwickelt der Zuschauer immer mehr Verständnis, sogar Zuneigung. Der andere, der Vertreter der gesellschaftlich definierten Gerechtigkeit, stößt mehr und mehr ab. Bezeichnend ist, dass die Frage, wer das junge Mädchen wirklich tötete, zum Schluss nicht mehr zu interessieren vermag. Der Verrat einer Freundschaft zählt. Costeas Film macht dennoch keine unbezweifelbaren Moralzuschreibungen. Der Titel des Films nimmt zwar Bezug auf Brecht, doch im Geiste ist Costea ein Wiedergänger Dürrenmatts.

Aus epd medien Nr. 26 vom 30. Juni 2017

Heike Hupertz