Tagebuch
Der vergessene Herr Buschmann. Dieter Wedel zum 75. Geburtstag
Frankfurt a.M. (epd). Dieter Wedel, bis 2022 Intendant der Festspiele Bad Hersfeld, hat für das Fernsehen zuletzt den ARD-Zweiteiler "Gier" (2010) über einen von Ulrich Tukur gespielten Hochstapler gedreht. Wer sich Wedels offenbar abgeschlossenes TV-Schaffen vor Augen führt, dem kommen auch andere Figuren in den Sinn: die Allerwelts-Familie Semmeling, Mario Adorf als "Der große Bellheim" (Boss eines wankenden Kaufhaus-Konzerns) oder Stefan Kurt als verdeckter Ermittler Charly Held im "Schattenmann". Aber wer kennt noch Willi Buschmann, gespielt vom großartigen Ralf Schermuly? Er war "Der Mann, der keine Autos mochte", ein leider zu Unrecht vergessener Held aus dem Wedel'schen TV-Kosmos, an den hier zum 75. Geburtstag des Autors und Regisseurs am 12. November erinnert werden soll.

Es ist das Jahr 1984, das Privatfernsehen erwacht gerade zum Leben, da bringt das ZDF diese Serie (sechs Teile à 45 Minuten) ins Programm, jeweils samstags um 19.30 Uhr. Ein übermäßiger Erfolg ist es wohl nicht gewesen, 1991 wiederholte der Sender das Werk noch einmal im Nachmittagsprogramm, auch bei 3sat war es zwei Mal zu sehen. Seit 1993 lagert es offenbar unangetastet im Archiv. Aber die Pflege des öffentlich-rechtlichen Programmguts wird ja auch auf anderen Plattformen betrieben, und so kann man sich alle sechs Folgen kostenlos auf dem Videoportal eines global operierenden Medienkonzerns anschauen.

Willi Buschmann trägt wohl die längste Berufsbezeichnung eines Serienhelden aller Zeiten: Er ist Kraftfahrzeugshaftpflichtschadenssachbearbeiter. Ralf Schermuly kommt das ganz flüssig über die Lippen, Dieter Wedel in einem Cameo-Auftritt übrigens auch. Buschmann ist ein Angestellter in den mittleren Jahren, korrekt, solide, aber durchaus nicht langweilig. Zu Beginn sieht man ihn als nörgelnden Beifahrer seiner Frau in einem R4-Cabrio. Wunderbare Szenen sind das, nicht nur wegen der alten Auto-Modelle: München steht im Stau, Blech an Blech, am Straßenrand verheißen große Werbeplakate eine heile Verkehrswelt, doch es geht nur zentimeterweise voran, wobei viele Fahrer unsinnigerweise hupen und brüllen: "Fahr doch!"

Wedel hält der Autonation Deutschland den Spiegel vor, der mobilen Gesellschaft im Stop-and-go-Tempo, eingehüllt von Abgas und Lärm. Mittendrin mühen sich liebenswürdige Protagonisten, im Verkehr und in der Liebe nicht abgehängt zu werden. Buschmann wird am Ende der ersten Folge von seiner Frau verlassen (dies ist übrigens die sanfteste Trennung der Fernsehgeschichte). Jetzt glaubt er, doch noch seinen Führerschein machen zu müssen.

Die Patina der Serie ist ein ganz eigenes Vergnügen, auch wegen des Ensembles, in dem die heutige Prominenz (Iris Berben, Udo Wachtveitl, August Zirner) nur in kleineren Rollen auftaucht und neben Jutta Speidel noch Katerina Jacob, Andrea Bürgin und der wie Schermuly bereits verstorbene Jörg Pleva im Fokus stehen. Wedel, der seine Stoffe akribisch recherchierte, dekliniert das ganze Elend durch: Fahrstunden, theoretische und praktische Prüfung, Autokauf, der erste Urlaub mit einem Wohnmobil. Pannen, Diebstahl, Führerscheinentzug - was schiefgehen kann, geht schief.

Aber das macht nichts, denn das Auto bringt Buschmann zumindest in der Liebe ganz schön voran. Jedenfalls bei einer anderen Fahrschülerin sowie einer Fernsehredakteurin, die von den üblichen Unterhaltungsshows genervt ist ("Gott, ist das blöd") und ihrem Vorgesetzten als Thema für eine neue Serie vorschlägt: "Wie wär' denn Auto?" Dem Fernsehvolk jubelt Wedel hier auch ein paar medienkritische Pointen unter. "Wer dem Publikum hinterherrennt, sieht nur seinen Arsch", sagt Anna, die Redakteurin, frei nach Goethe. Wedel hat den Sendern oft genug das erhoffte Millionenpublikum geliefert - aber gewiss ist er nicht nur hinterhergerannt.
Aus epd medien Nr. 45 vom 10. November 2017

Thomas Gehringer