Interview
"Der ,Tatort' macht das mit"
Ein epd-Gespräch mit Gunther Witte und Jürgen Werner
Frankfurt a.M. (epd). Der "Tatort" am Sonntagabend im Ersten ist eines der wenigen Rituale, das deutsche Fernsehzuschauer noch pflegen. Eine "Tatort"-Folge erreichte im Jahr 2015 im Schnitt 9,53 Millionen Zuschauer, das entsprach einem durchschnittlichen Marktanteil von 26,7 Prozent. Der Literaturwissenschaftler Jochen Vogt hat die Reihe als den "wahren deutschen Gesellschaftsroman" bezeichnet. Gunther Witte (81), der als WDR-Redakteur den "Tatort" vor 46 Jahren erfand, hätte damals nicht zu träumen gewagt, dass die Reihe zu solch einem Dauerbrenner werden würde. Diemut Roether sprach anlässlich der 1000. Folge mit ihm und mit dem "Tatort"-Autor Jürgen Werner (53) über den "Tatort" als Kult, Kommissare, Krimis im Fernsehen und die Kommunikation darüber in den sozialen Medien.

epd: Herr Witte, wissen Sie noch, was Sie am 29. November 1970 gemacht haben, als der erste "Tatort" im Fernsehen lief?

Gunther Witte: Ich hatte den ersten "Tatort" schon vorher gesehen. Wir hatten vor dem ersten "Tatort" eine Pressekonferenz in Hamburg, die Kommissare waren fast alle da, die Fernsehspielabteilungen der ARD-Sender waren vertreten, aber es waren wenig Journalisten da. Die Pressekonferenz wurde geleitet vom damaligen Fernsehdirektor des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, Horst Jaedicke, ein Schwabe. Die Journalisten fragten damals, was meinen Sie, wie lange die Reihe laufen wird? Und Jaedicke dachte ein bisschen nach und sagte: "Ich denke, zwei Jahre werden wir das schon machen." Daran muss ich oft denken. Wir waren damals alle ein bisschen überrascht, als die Quoten der ersten Sendung kamen, die waren fantastisch. Bei solchen großen Projekten gab es die Regel, dass die Programmkonferenz der ARD einmal im Jahr zustimmen musste, ob das verlängert wird. Ich bin mir sicher, dass sie beim "Tatort" höchstens einmal entschieden haben, dass er verlängert wird.

Was war denn damals Ihrer Ansicht nach das Neue an der Reihe?

Witte: Das entscheidend Neue war meiner Meinung nach die Regionalität. So etwas gab es vorher nicht. Man konnte damals noch nicht sagen, ob es toll laufen wird. Ich habe mich damals oft gefragt, ob man eine Krimi-Reihe mit so vielen Kommissaren machen kann, ob die Leute das akzeptieren. Aber das war nie die Frage, die Leute freuen sich über jeden neuen Kommissar. Ihnen macht das Spaß, wenn einer weg ist und wieder ein neuer kommt. Ich halte auch nichts von dem Gerede, dass es jetzt zu viele Kommissare sind.

Wer hatte die Idee für den Titel, "Tatort"?

Witte: Das war meine Idee. Günter Rohrbach, mein Chef, sagte damals zu mir, ich sollte mich um eine Krimiserie kümmern. Ausgelöst wurde das durch die Erfolge des ZDF in der Unterhaltung. Ich wusste gar nicht, was mich prädestiniert, mir etwas auf dem Gebiet des Krimis auszudenken.

Günter Rohrbach war damals Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel im WDR und hat ausgerechnet Sie damit beauftragt, sich einen Krimi auszudenken. Dabei waren Sie kein ausgesprochener Krimi-Leser...

Witte: Ich habe mir interessante Filme angeschaut, und ich habe Jack London gelesen. Ich kannte auch "Die toten Augen von London" nach Edgar Wallace, aber ich war kein Spezialist. Aber ich habe früher in Ost-Berlin gelebt, ich war DDR-Bürger, und es gab damals im RIAS, im West-Radio, eine dokumentarische Krimi-Reihe, die hieß "Es geschah in Berlin", die stark bezogen war auf die Berliner Örtlichkeit. Das fiel mir damals ein, und ich dachte, wichtig ist, dass man den Ort möglichst real macht und die Geschichten auf den Ort bezieht - und da war das Wort "Tatort" nicht weit entfernt.

Herr Werner, Sie sind seit vielen Jahren "Tatort"-Autor. Erinnern Sie sich daran, ob Sie als Jugendlicher "Tatort" geschaut haben?

Jürgen Werner: Als der erste "Tatort" lief, bin ich mit meinem neuen Fahrrad mit Bananensattel durch die Gegend gefahren. Heute darf ich "Tatort" schreiben und kämpfe mit Altersweitsicht. Der "Tatort" hat eine lange Reise hinter sich. Ich bin durch Schimanski auf den "Tatort" aufmerksam geworden, also zu Beginn der 80er.

Herr Witte, Sie waren auch ein Fan von Schimanski…

Witte: Wenn ich alles überblicke, auf jeden Fall. In der Aktualität halte ich Axel Prahl und Jan Josef Liefers für die interessantesten und lustigsten Kommissare, obwohl das mit meinen Kriterien, die ich am Anfang hatte, nicht übereinstimmt.

Welche Kriterien meinen Sie?

Witte: Der "Tatort" kam zustande aufgrund einer Idee von mir und einer Initiative des WDR. Aber möglich wurde die Reihe nur durch die Regionalität. Denn damals saßen die ARD-Sender noch mehr als heute auf ihrem Geld. Wenn der WDR nach vorne marschiert wäre und die anderen hätten nur eingezahlt, wäre das nie zustande gekommen. Daher war die Regionalität auch medienpolitisch die richtige Entscheidung. Neben der Regionalität war ein weiteres Kriterium die Vorherrschaft des Kommissars, und das dritte Kriterium war: Die Geschichten müssen mit unserer Realität zu tun haben. Das bedeutet, dass die Serie realistisch sein muss, dass die Geschichten, die wir zeigen, möglich sind. Die "Tatorte" mit Liefers und Prahl sind reine Komödien, und ich finde es stark, dass der "Tatort" das verträgt. Der "Tatort" macht das mit.

Und das Publikum freut sich auch. Liefers und Prahl sind Publikumslieblinge, beim "Tatort" aus Münster schalten auch schon mal mehr als 13 Millionen Zuschauer ein. Herr Werner, der erste "Tatort", den Sie geschrieben haben, war 2008 "Verdammt", mit den Kommissaren Max Ballauf und Freddy Schenk. Wie war das damals für Sie, den Auftrag zu bekommen, einen "Tatort" zu schreiben?

Werner: Für mich war das die absolute Krönung. Ich hatte vorher jahrelang Soaps und Vorabendserien geschrieben. Ich habe mich 10, 15 Jahre lang da rangerobbt und bekam dann über Sonja Goslicki von der Colonia Media beim WDR die Chance. Da war ich stolz wie Bolle.

Wie sind Sie damals an den "Tatort" rangegangen? War das schwieriger als andere Bücher vorher?

Werner: Das war natürlich ein Highlight. Ich finde, es gibt zwei große Sachen, die man als Autor geschrieben haben muss: "Tatort" und "Traumschiff".

Bücher für das "Traumschiff" hatten Sie ja schon geschrieben.

Werner: Das war vielleicht nicht so förderlich, um eine Chance für den "Tatort" zu bekommen. Aber der WDR hat sie mir gegeben, und am Anfang war ich natürlich hochnervös. Ich hatte das Thema vorgegeben bekommen, es ging um Pädophile. Da dachte ich mir, Halleluja, da brauchen wir über Gut und Böse nicht zu verhandeln. Ich hab mir dann überlegt, wie kriegst Du einen anderen Einstieg und wie kannst Du die Geschichte noch einmal anders erzählen. Danach durfte ich noch weitere Kölner "Tatorte" schreiben.

Sie haben auch die Dortmunder "Tatort"-Kommissare erfunden, das sind zurzeit vier. Und wenn der "Tatort" aus Münster der zum Lachen ist, ist der Dortmunder "Tatort" eher düster. Wie kam das? War das Ihre Idee, so etwas Düsteres zu machen?

Werner: Ich habe damals überlegt, was es in der Landschaft noch nicht gibt, außer den klassischen Zweier-Teams. Münster gab es schon, lustig war zu. Für mich war das Wichtigste, dass vier Kommissare zu einer anderen Erzählweise zwingen. Für die Besetzung wurden hochkarätige Schauspieler gesucht, die wollen alle bedient werden, und mir war klar, wenn ich mit dem Konzept durchkomme, muss ich anders erzählen. Du musst alle vier Ermittler ständig am Laufen halten, dadurch musst Du komplexer erzählen, Du brauchst mehr Stränge, höheres Tempo. Das war für mich der Hauptgrund, aus der Dramaturgie der zwei Kommissare herauszugehen.

Wie ist die Figur des Peter Faber entstanden, der sich oft selbst nicht im Griff hat und von Jörg Hartmann gespielt wird?

Werner: Das Grundkonzept war von Sonja Goslicki und mir, dann kamen der Fernsehfilmchef Gebhard Henke und Redakteur Frank Tönsmann, die gesagt haben, da geht noch mehr. Wir haben das Konzept weiter entwickelt und Jörg Hartmann, in der Rolle des Faber, hat noch einmal einen draufgesetzt. Wir waren vielleicht in den ersten zwei, drei Folgen ein bisschen over the top, aber das haben wir bald gemerkt und korrigiert.

Witte: Man darf auch als Redakteur nicht zu einfallsreich sein. Wir hatten einen Kollegen in Hamburg, der seinen ganzen Ehrgeiz da reingelegt hat zu widerlegen, dass der Kommissar die wichtigste Figur sein muss. Er hat einen Film produziert, wo der Kommissar erst nach 45 Minuten kam. Er war glücklich, wir waren alle sauer, und das Publikum hat auch negativ reagiert. Ich glaube, er hat das nie wieder gemacht.

Was halten Sie von dem Dortmunder Team?

Witte: Ich finde das prima. Das ist eine tolle Farbe und gehört da rein. Es unterscheidet sich von dem, was war, aber es gehört dahin.

Werner: Es ist nicht Comedy oder driftet völlig aus dem "Tatort"-Schema raus. Ich finde, dass es dem WDR auch mit den gern totgesagten Kölnern immer wieder gelingt zu überraschen.

Wie stark ist der Bezug zu Dortmund? Hat die Stadt sie zu dieser düsteren Farbe inspiriert?

Werner: Ich habe einen Mentor, mein Lehrmeister im Schreiben war Michael Baier, der steht für die leichte Unterhaltung, und ich habe immer gesagt, wenn man uns dasselbe Thema gibt, macht Michael Baier eine Komödie und ich ein Drama daraus. Ich mag es düster, das liegt in meinem Charakter. Ich versuche gerne dahin zu gehen, wo es wehtut.

Witte: Was war denn Schimanski für Sie?

Werner: Vor allem war es eine große Ehre, für Götz George schreiben zu dürfen, und das auch noch bei seinen drei letzten "Schimanski"-Filmen. Da ging es auch nicht so fröhlich zu. "Schicht im Schacht" war zum Beispiel der Abgesang auf das alte Duisburg. Für mich war Schimanski immer der letzte Aufrechte, der für die Gerechtigkeit kämpft, der auch mal fünfe gerade sein lässt und über Grenzen geht. Ich glaube, es wäre hochspannend, einen Kommissar zu erzählen, der sich nicht an das Gesetz hält und uns Zuschauer dazu zwingt, selbst zu entscheiden, wo die Grenzen sind und wo nicht. Es gab ja mal den Fall Metzler. Das wäre so eine Figur.

Sie meinen den früheren stellvertretenden Frankfurter Polizeipräsidenten, Wolfgang Daschner, der dem Entführer von Jakob von Metzler Folter androhen ließ, weil er den Aufenthaltsort des Jungen erfahren wollte. Es gab mal einen Frankfurter "Tatort", wo am Schluss der Täter nicht verhaftet wurde, "Weil sie böse sind" mit Matthias Schweighöfer. Ist das noch formatgerecht? Der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres, hat einmal gesagt, zur Erfolgsformel des "Tatorts" gehöre die Aufklärungsquote von 100 Prozent. Das heißt auch, dass der Böse am Schluss bestraft werden muss.

Witte: Ich glaube nicht, dass das dem "Tatort" schadet.

Werner: Der "Tatort" hält einiges aus.

Der HR hat auf seinen "Tatort", "Das Dorf" mit Ulrich Tukur 2011, sehr böse Zuschauerreaktionen erhalten, und damals haben auch Kollegen in den Fernsehredaktionen die Frage gestellt, ob der "Tatort" das darf.

Witte: Unter den 1.000 "Tatorten" gibt es sehr wenige, die auffallend abweichen.

Dann gab es den anderen "Tatort" mit Tukur, "Im Schmerz geboren", der etwas sehr Theatralisches hatte, mit einem Shakespeare-Stück verglichen wurde…

Witte: Der hat überall abgesahnt, hat alle Preise bekommen. Obwohl ich sagen muss, als ich den das erste Mal sah, dachte ich, die haben wohl einen Vogel, als so eine altmodische Shakespeare-Szene kam. Ich dachte, was soll denn das werden. Danach habe ich nur noch gehofft, dass nicht zu viele deswegen abgeschaltet haben, denn das war ein toller Film, ganz großartig.

Werner: Ich denke, wichtig ist, dass die Zuschauer sich darauf verlassen können, dass nicht auf einmal die Kölner zu den Münsteranern werden oder die Geschichten der Dortmunder um Faber plötzlich so werden wie die um Tukur. Dann hat der Zuschauer keine Sorge, er weiß ja, was ihn erwartet. Schlimm wäre es, wenn wir die Figuren verraten und nur noch für den Effekt schreiben würden.

Bei Ihren Dortmunder Kommissaren werden gewisse Hintergründe angedeutet, aber ihre privaten Geschichten werden nie erzählt. Die Kommissarin, die von Anna Schudt gespielt wird, hat ab und zu einen Callboy, es werden familiäre Probleme angedeutet, aber die Familiengeschichte wird nicht erzählt.

Werner: Wir haben uns das Leben bewusst schwer gemacht. Bei uns ist die Regel: Alles geschieht aus Sicht der Kommissare, es gibt keine Szenen, wo einmal ein Verdächtiger zum Beispiel nur mit seiner Frau zu sehen ist, was helfen würde, Emotionen besser zu erzählen. Und es gibt keine privaten Szenen zu Hause. Das sind Regeln, die helfen, nicht in einen Trott zu verfallen. Sie zwingen, anders zu denken.

Sie sagen, "Tatort" ist die Königsklasse, das ist das größte, was einem Autor passieren kann. Warum?

Werner: Weil man die größten Freiheiten hat. Dem "Tatort" tut es sehr gut, dass er eine sehr gute Quote hat, dadurch herrscht eine gewisse Angstfreiheit bei der Arbeit. Es gibt nicht diese Ängste: Das geht nicht, jenes geht nicht.

Herr Witte, Sie sagen, der "Tatort" hält viel aus. Hält er also auch solche Action-Filme aus, wie Til Schweiger als Kommissar Nick Tschiller sie macht?

Witte: Ich möchte auch nicht, dass das überhandnimmt, aber ich habe die boshaften Kritiken beim ersten Schweiger-"Tatort" nicht verstanden. Schweiger ist ein sehr guter Regisseur, er kann was. Sein Film "Barfuss" war ein toller Film. Vielleicht hat er den Ehrgeiz an der falschen Stelle. Ich wünsche mir auch nicht, dass er drei Mal im Jahr einen solchen "Tatort" macht, aber das ist besser als die gelegentlich auch vorkommende Langeweile.

Wenn ich mir als Fernsehkritikerin das Fernsehprogramm anschaue, beobachte ich, dass es neben Krimis kaum noch andere Genres gibt. Sehr viele Geschichten werden als Krimis erzählt. Haben Sie manchmal die Befürchtung, dass die Zuschauer eines Tages übersättigt sein könnten von all diesen Kriminalerzählungen?

Witte: Darüber denke ich viel nach. Wenn ich mir das Programm anschaue, denke ich auch manchmal, es ist viel. Und es ist schade, dass man die begrenzten Plätze nicht auf andere Weise nutzt. Ich würde mir wünschen, dass es eine andere Reihe gäbe, die kein Krimi ist. Das kann ja eine Spannung haben, die aus anderen Quellen kommt.

Werner: Wir haben in Deutschland im Fernsehfilm eine sehr hohe Qualität, aber bei den Reihen und Serien, außerhalb des Krimis, geht es nicht richtig vorwärts. Es gelingt uns vor allem nicht, die Qualität aus den Fernsehfilmen in die Serie zu bekommen. Das mag auch daran liegen, dass wir kaum Sendeplätze haben, wo man etwas ausprobieren und daraus lernen kann.

Witte: Wir haben sehr viel Nachwuchs, gerade in der Regie, und ich frage mich, wo die alle bleiben. Jedes Jahr werden zig Leute ausgebildet, und man müsste mehr nachdenken, wie man mit dem Nachwuchs umgeht. Es fehlt Originalität. Der Film "Toni Erdmann" hat gezeigt, was man machen kann. Das ist eine Komödie, aber es ist eben auch mehr als eine Komödie.

"Toni Erdmann" von Maren Ade ist ein Film, der viel riskiert. Autoren erzählen oft, dass Sie ein Skript auf den Tisch legen und die Redakteure sofort sagen, so geht das aber nicht, weil sie Angst haben.

Werner: Ich weiß gar nicht, ob das Angst ist. Fernsehen ist für ein breites Publikum da. Wenn ich sage, wir müssen uns die Zeit nehmen, um uns weiter zu entwickeln, gilt das ja auch für den Zuschauer. Weniger im Kino, da passt ein Film wie "Toni Erdmann" wunderbar. Mir geht es vor allem um die Serie. Die Amerikaner haben nicht gestern "Dallas" gemacht und am nächsten Tag "House of Cards". Wir haben dagegen das Problem, dass wir in der Serie "Dallas" teilweise noch hinterherhinken oder gleich etwas machen wollen, das "House of Cards" toppt. Und dann wundern wir uns, dass wir dabei die Zuschauer verlieren. Entweder passt es handwerklich nicht oder es interessiert den Zuschauer noch nicht. Oder beides. Aber es gibt sie, die Perlen, die Mut machen.

Meinen Sie eine Serie wie "Im Angesicht des Verbrechens"? Die Serie von Dominik Graf wurde von der Kritik hochgelobt, fiel aber bei den Zuschauern eher durch.

Werner: Mir ist das ein Rätsel. Ich fand "Im Angesicht des Verbrechens" toll. Darauf hätte man aufbauen können. Aber da kommt so ein tolles Werk, dann sagt die Quote Nein, und dann war es das wieder für mehrere Jahre. "Deutschland 83" ist auch so ein Fall.

Witte: Und dann macht man das beim nächsten Mal nur noch für das Nachtprogramm.

Axel Ranisch hat kürzlich einen Improvisations-"Tatort" mit Ulrike Folkerts gedreht, auch ein Experiment. Müssen wir jetzt das Format "Tatort" nutzen, um im Fernsehen noch etwas Neues auszuprobieren?

Werner: Es wäre bedauerlich, wenn nur noch der "Tatort" Mut zulässt. Und so ist es ja auch nicht. Krimi bietet einfach nur Sicherheit, man weiß, man hat eine gewisse Zahl an Zuschauern. Man sollte es nur mit der Sicherheit nicht übertreiben. Es passiert immer wieder, dass man einen Stoff für ein gutes Drama hat, aber ohne Leiche möchte niemand die Geschichte haben. Das führt dann zu Büchern, bei denen man nicht mehr weiß, was eigentlich das Zentrum der Geschichte ist. Was will ich erzählen und wozu ist der Zuschauer gebeten?

Wie erklären Sie sich, dass die Krimis beim Publikum immer noch so gut ankommen?

Werner: Das wissen wir doch gar nicht, es gibt ja fast nur Krimi.

Witte: Spannung ist ein Element, das einen das Leben lang verfolgt. Auch Liebesgeschichten sind spannend. Krimi ist in erster Linie Spannung.

Es ist ja auch ein Genre, das am Ende die Ordnung wiederherstellt.

Witte: Das ist unser Glück. Sonst kriegen wir noch Ärger mit der katholischen Kirche.

Werner: Ich habe gehört, dass es bitterböse Briefe gibt von Zuschauern, wenn mal ein Verbrechen nicht aufgeklärt wird.

Witte: Man darf sich da nicht belügen, auch beim Schimanski waren die Quoten eher mittelmäßig. Schimanski hat die Zuschauer gespalten, in die Begeisterten und diejenigen, die Abstand wahrten.

Auf nette, witzige Geschichten wie die aus Münster kann man sich wahrscheinlich eher verständigen.

Witte: Natürlich. Man ist auch in Deutschland nicht in der Lage, das Krimigenre über das Normale und Übliche hinaus zu nutzen. Wenn Sie sich anschauen, welche tollen Geschichten in den USA in Krimis erzählt werden, da sind großartige Filme dabei! Keiner würde da auf die Idee kommen zu sagen, schon wieder ein Krimi. Darüber wird auch in den Redaktionen zu wenig nachgedacht. Diese Möglichkeit müsste man in Deutschland nutzen. Wir haben auch unsere Konflikte und unsere Angreifbarkeiten in unserer Gesellschaft. Da fehlt was.

Gibt es Themen, die Ihrer Meinung nach nicht "Tatort"-tauglich wären?

Witte: Es gibt vielleicht Bücher, die man nicht haben will, wenn sie geschrieben sind, aber das ist etwas anderes.

Werner: Je kontroverser das Thema, desto spannender, vor allem, wenn man einen Zugang findet, der die Meinung der Zuschauer spaltet.

Witte: Ich war eine Zeit lang "Tatort"-Koordinator und musste aufpassen, dass sich die Themen nicht häuften, dass nicht drei Mal hintereinander derselbe Hauptdarsteller als Mörder besetzt wurde. Ich habe die Drehbücher alle vorher gelesen, und ein Buch war ein reiner Science-Fiction-Film. Da war ich sauer, ich fand, das gehörte da nicht rein. Der zuständige Fernsehspielchef sagte mir: Der Film ist schon gedreht, daran kann man nichts mehr ändern. Science-Fiction ist so ein Thema, bei dem ich sagen würde, das gehört da nicht rein.

Haben Sie einen Lieblings-Kommissar, Herr Werner?

Werner: Klar, Faber, aber das ist ja blöd, wenn ich das sage. Schimanski wäre auch langweilig, den muss man einfach lieben. Ich muss ehrlich sagen, ich gucke nicht so viele "Tatorte", weil ich dann immer beim Schreiben das Gefühl habe, das hat es schon gegeben. Man engt sich ein, weil man um jeden Preis anders sein will. Ich sehe mir oft und gern Fernsehfilme an und wenn es geht die ersten Folgen einer neuen Serie, um auf dem Laufenden zu bleiben. Ich halte das für einen wichtigen Teil unseres Berufs, und finde es schade, wenn Drehbuchautoren sagen, dass sie kein deutsches Fernsehen ansehen und teilweise auch noch stolz darauf sind.

Es gibt ja auch Themenkonjunkturen im "Tatort", Themen, die überall durchgespielt werden, zum Beispiel das Thema Flüchtlinge, das immer wieder auftaucht.

Werner: Solange man immer wieder neue Ansätze findet. Vor kurzem wurde ein Kölner "Tatort" gedreht, da ging es um das Thema "Bürgerwehren". Innerhalb dieser Bürgerwehren sind auch Menschen aus Marokko. In Düsseldorf sind die alteingesessenen Marokkaner teilweise verärgert über ihre jungen Landsleute, die jetzt nach Deutschland kommen. Das finde ich spannend und nicht, dass man auf die eine Seite fünf AfD-Mitglieder stellt und auf die andere hilflose Flüchtlinge. Das wäre zu einfach, dann haben wir keine Geschichte. Aber was die Themen betrifft, muss man versuchen vorausdenken: Was Du Dir heute überlegst, ist erst Ende 2017 oder 2018 auf dem Sender.

Also müssen Sie doch ein bisschen in die Zukunft blicken? In Richtung Science-Fiction?

Werner: Niemand hat eine Kristallkugel zu Hause, aber man probiert es. Der Dortmunder "Tatort", der im Oktober lief, spielte im Rockermilieu mit einer Schießerei mitten in Dortmund. Es ging darum, dass sich die Strukturen innerhalb der Rockerbanden verändern und sich deren "Ehrenkodex" auflöst. Kurz vorher las man in der Zeitung, dass die Rocker sich aus genau diesen Gründen gegenseitig erschießen, da lagen wir vom Timing leider ganz gut.

Wie haben Sie dafür recherchiert?

Werner: Bei mir zu Hause hängt ein Spruch, "Denken ist wie googeln nur krasser". Ich lese viele Zeitungen, Bücher und klaue vom echten Leben, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Dabei schnappt man Themen auf und versucht sich vorzustellen, wie sich das weitentwickelt. Im Fall der Rocker war es die Frage, wie sich das organisierte Verbrechen in Deutschland verändert. Aufgrund der Flüchtlingssituation und der allgemeinen Terrorlage ist die Polizei überfordert und muss Prioritäten setzen. Das bedeutet, das organisierte Verbrechen kann sich leichter ausbreiten, und sie finden gerade unter jungen Flüchtlingen, die derzeit keine Perspektive haben, ein großes Potenzial an Menschen, die sie rekrutieren können. Deswegen wird das Thema der Familienclans immer wichtiger. Dadurch geraten wiederum die Rocker ins Hintertreffen, die sich wiederum mit der Mafia verbünden, um ihren Einfluss zu sichern.

Sie lesen sehr viel Zeitung, sagen Sie, aber ich nehme an, sie sprechen auch mit Polizeibeamten...

Werner: Ich habe Kontakt zu einem Polizeibeamten und kenne ein, zwei Leute, die sich im "Milieu" bewegen. Da hört man dann immer mal wieder interessante Geschichten.

Witte: In der "Schimanski"-Zeit hatten wir einen großartigen jungen Hauptkommissar in der Duisburger Polizei, und dessen These war immer, wenn er dazu befragt wurde, wir sind diejenigen, die die Polizeiarbeit in der Wirklichkeit machen, und das ist Film, und das wissen wir auch. Das war großartig.

War der "Tatort" immer so unangefochten Kult wie heute?

Witte: Kult muss wachsen und sich entwickeln. Aber von Anfang an wurde er als etwas Besonderes angesehen. Und wir haben von Anfang an tolle Künstler dafür bekommen. Leute wie Peter Beauvais oder Tom Toelle haben Regie gemacht beim "Tatort". Oder der "Tatort" mit Nastassja Kinski; Curd Jürgens hat auch mal mitgespielt. Sam Fuller hat Regie geführt. Sein "Tatort" hatte mit dem "Tatort" überhaupt nichts zu tun. Für ihn war das wichtigste, wie er unseren Zollfahnder Kressin möglichst schnell loswird. Kressin hatte drei Szenen, und dann kam ein Amerikaner, der die Hauptrolle übernommen hat.

Ist der Sonntagabend 20.15 Uhr ein Pflicht-Fernsehtermin für Sie?

Witte: Nein, dazu bin ich zu sehr Opern-, Schauspiel- und Konzertgänger. Es kann immer passieren, dass ich etwas nicht sehe. Manchmal kann ich mir auch eine DVD schicken lassen.

Was halten Sie beide davon, dass der "Tatort" in den sozialen Medien, zum Beispiel bei Twitter, so beliebt ist?

Witte: Ich denke nicht, dass es schadet.

Werner: Es ist eine neue Generation, eine neue Art, Fernsehen zu konsumieren. Ich setze mich gern hin und lasse mich auf den Film ein. Wenn andere meinen, Sie müssen noch mit dem iPad zugange sein und twittern, warum nicht. Jeder wie er will.

Sie schauen also nicht, was auf Twitter passiert?

Werner: Nein. Ich lese nicht, was da geschrieben wird. Meine Frau schaut sich das manchmal an und sagt dann, heute erzähle ich Dir lieber nicht, was da steht.

Der Austausch auf Twitter trägt ja auch dazu bei, dass der "Tatort" als Live-Erlebnis wieder wichtiger wird. Alle sitzen am Sonntagabend auf dem Sofa und twittern und schauen, was die anderen dazu schreiben. Beobachten Sie das gar nicht?

Werner: Wenn ich beim Schreiben darüber nachdenke, was andere darüber denken, was ich da schreibe, habe ich schon verloren.

Aus epd medien Nr. 46 vom 11. November 2016

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