Interview
"Das Publikum schaut, was serviert wird"
Ein epd-Gespräch mit Regisseur Oliver Hirschbiegel
Frankfurt a.M. (epd). Nach Kinofilmen wie "Der Untergang" und "Elser - Er hätte die Welt verändert" kehrt Regisseur Oliver Hirschbiegel zum Fernsehen zurück. Sein Dreiteiler "Der gleiche Himmel" wird am 28., 29. und 30. März im ZDF gezeigt. Die Koproduktion von ZDF, Ufa Fiction und Beta spielt im geteilten Berlin der 70er Jahre. Tom Schilling spielt darin einen jungen Stasi-Agenten, der als Romeo auf eine Mitarbeiterin des britischen Geheimdiensts in Westberlin angesetzt wird. "Same Sky" ist als Serie für den internationalen Markt konzipiert, eine Fortsetzung ist geplant. Diemut Roether sprach mit Hirschbiegel (59) über seine Erinnerungen an das geteilte Deutschland der 70er Jahre, Fernsehproduktionen in den 90ern und heute sowie fehlende Sendeplätze für Serien im deutschen Fernsehen.

epd: Ihr Dreiteiler "Der gleiche Himmel" spielt im geteilten Berlin der 70er Jahre, es geht um eine Ost-West-Geschichte, das Buch schrieb die Britin Paula Milne. Wie kam es zu diesem Projekt?

Oliver Hirschbiegel: Es war ursprünglich entwickelt worden von der Produktionsfirma Beta mit BBC-Beteiligung. Man hat mir von diesem Projekt erzählt und als ich das erste Treffen mit Paula Milne hatte, gab es schon die erste Episode und eine Art bible, also eine Beschreibung des ganzen Projekts. Mich hat das von Anfang an fasziniert. Ich bin ja Vater von Zwillingen und es geht unter anderem um Zwillinge. Als dann klar war, dass ich das mache, gab es eine Diskussion über die Sprache. Ursprünglich sollte alles in Englisch gedreht werden, und ich war der Meinung, dass dann die Authentizität verloren geht. Ich habe die Engländer davon überzeugt, dass die Deutschen Deutsch sprechen und alle, die Englisch sprechen, Englisch. Da der Anteil der BBC sehr gering war, hat das ZDF gesagt, sie übernehmen den Senderanteil komplett.

Was verbinden Sie selbst mit dem Deutschland der 70er Jahre? Sie waren 1974, zu der Zeit, in der der Dreiteiler spielt, 17 Jahre alt. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Hirschbiegel: Man vergisst viel. Wenn man dann zurückgeht, kommen erstaunlich viele Dinge wieder. Ich wusste, dass ich mich in der ersten Hälfte der 70er Jahre relativ unwohl gefühlt habe. Das war so ein Generalzustand von Enge und Stagnation, ich war damals schon relativ politisch. Die Aufbruchbewegung der 68er, die Versuche, die verkrusteten Strukturen zu erneuern, waren nur im Ansatz erfolgreich. Und es gab die Berufsverbote: in einer Demokratie, in Westdeutschland durften Lehrer, die Mitglieder in einer linksgerichteten Organisation waren, nicht arbeiten. Ziemlich absurd, das ist heute ganz vergessen. Auch Homosexualität war im Westen noch nicht legal im Gegensatz zur DDR.

Wie haben Sie damals die deutsche Teilung erlebt?

Hirschbiegel: Ich kannte das gut. Ich war Mitglied der sozialistischen deutschen Arbeiterjugend, wir hatten Freundschaftstreffen mit der FDJ. Wir sind mit Bussen rübergefahren, ich war bei den Weltfestspielen der Jugend. Später bin ich regelmäßig nach Berlin, weil dort so ein gesetzfreier Raum war und gleichzeitig super Theater gespielt wurde. Ich war damals schon ein Fan von Bruno Ganz in der Schaubühne am Halleschen Ufer. Ich bin also regelmäßig hingefahren, um ins Theater und in Ausstellungen zu gehen und Party zu machen. Wir hatten ja kein Geld, wir waren Studenten, wir sind mit unseren Klapperkisten zu dritt oder viert über die Transitstrecke gefahren. Ich hatte auch eine Zeit lang eine Freundin in Ostberlin. Was ich immer wieder erstaunlich finde, ist, wie Fotos die Erinnerung ankicken, da kommen alle möglichen Szenen, Situationen, Gerüche und Geschmäcker zurück. Das habe ich immer wieder, wenn ich Recherche mache für historische Stoffe, es ist erstaunlich, wie stark Fotos sind.

Haben Sie sich auch Fotos aus Ihrem eigenen Fotoalbum angeschaut?

Hirschbiegel: Ich habe auch eigene Fotos angeschaut, wie wir damals aussahen, aber das meiste ist aus Archiven, Bildbänden oder aus dem Netz.

Fanden Sie diese Atmosphäre in dem Buch von Paula Milne gut eingefangen?

Hirschbiegel: Die Nuancen und Details, das ist ja eher die Aufgabe von uns Regisseuren. Wir sind wie Dirigenten, wir haben eine Partitur, aber die Interpretation ist undser Job. Ich glaube, das ist schwer für jemanden zu beschreiben, selbst wenn er es erlebt hat. Die visuellen Details kann man sich erarbeiten, da habe ich möglichst viel geliefert. Ich habe mich bemüht, so viel wie möglich aus der Zeit auftauchen lassen. Das ist manchmal sehr subtil.

Die Wohnung, in die der junge Romeo im Westen zieht, sieht aus, als stamme sie aus einer Ausgabe von "Schöner Wohnen" aus den 70er Jahren.

Hirschbiegel: Wir sind in der Tat von "Schöner Wohnen" ausgegangen. Wir hatten auch "Architectural Digest", "Casa", wir haben geschaut, was war damals cool und hip. Und ich habe den Fernseher von Braun ranschaffen lassen, das war damals top of the pops, das wollte man haben.

Haben Sie durch die Arbeit an diesem Projekt etwas Neues gelernt über die beiden deutschen Staaten in den 70er Jahren, was Ihnen vorher noch nicht so klar war?

Hirschbiegel: Ich habe vor allem über den Stasi-Apparat noch mehr erfahren. Man darf nicht vergessen, die Stasi war der effizienteste Geheimdienstapparat, den es je gegeben hat, die waren besser als der KGB, eben deutsch. Wenn wir etwas machen und das ernst meinen, dann sind wir so gründlich, in einer Radikalität, die nicht nur das Technische angeht, das wird verinnerlicht. Teil des Stasisystems war nicht nur die absolute Präzision und nichts dem Zufall zu überlassen, sondern auch menschliche Nähe, sozialer Kontakt, Verpflichtung, Vernetzung, eine Familie. Wenn heute Nachrichtendienste in der Welt auf ein Problem stoßen, wo sie nicht weiter wissen, fragen sie sich: Was hätte die Stasi gemacht?

Ich dachte immer, die Stasi war vor allem im Osten aktiv. Dass sie im Westen so viel gemacht haben, hat mich überrascht.

Hirschbiegel: Natürlich waren die viel effizienter und erfolgreicher im Westen als umgekehrt. Der Westen hatte auch Leute im Osten, aber das ist lächerlich im Ergebnis. Mehr als die Hälfte war Industriespionage, die meisten Top-Quellen saßen in der Industrie. Das hatte ich vergessen: Wenn man nicht wusste, mit wem man es zu tun hatte, hat man hinter vorgehaltener Hand geredet. Es war immer so ein Aspekt von latenter Paranoia. Aber natürlich gab es in der DDR auch Dinge, die gut waren. Eine Frau da drüben hat gearbeitet, sie ist Traktor gefahren oder war Chefchemikerin in einem pharmazeutischen Betrieb und hat eine Führungsposition bekleidet. Im Prinzip war der gesamte Osten feministischer als der Westen. In jedem Fall hat die Frau damals die Freiheit gehabt, ein Kind zu haben, das vom System sehr gut versorgt wurde und ein Studium zu machen oder zu arbeiten, das ist alles sofort verschwunden. Wir sind hier und heute in einer extrem schwierigen Situation, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht, da sind die Franzosen uns weit voraus. Auch in der Wahrnehmung ist eine Frau, die arbeitet und Kinder hat, keine vollwertige Mutter. Das ist absurd im Jahr 2017, mir ist das ein Rätsel, wo das herkommt.

Wieso wurde das Projekt als Dreiteiler realisiert?

Hirschbiegel: Es ist nicht für den deutschen Markt konzipiert, sondern für den Weltmarkt, deswegen sind es eigentlich sechs Folgen. Aus mir unerfindlichen Gründen gibt es bis heute in Deutschland und Österreich keine Sendeplätze für Hauptabend-Serien. Das ist mir ein Rätsel, weil der Rest der Welt Serien schaut, auch im frei empfangbaren Fernsehen - mit hervorragenden Quoten. Ich habe aber aufgegeben, nachzufragen. Die Deutschen sind vielleicht etwas langsamer als der Rest der Welt.

Müsste sich das nicht langsam ändern durch die Produktionen, die für Netflix und Amazon entstehen? Es gab in der letzten Zeit einige erfolgreiche Serien wie "Deutschland 83" oder "Weinberg", ich habe den Eindruck, die Fernsehsender wachen langsam auf.

Hirschbiegel: Man muss auch sehen, dass es mutig ist vom ZDF, so ein Projekt zu machen. Man wird sehen, wie die Quoten sind. Es gibt auch vonseiten der ARD und kleinerer Sender die Idee Serien zu machen, die authentisch aus Deutschland kommen, aber ihre Geschichten so universal erzählen, dass sie auch im Ausland funktionieren. Wobei immer vergessen wird, dass ich das schon vor 20 Jahren gemacht habe.

Sie meinen "Kommissar Rex"?

Hirschbiegel: Das lief auf Sat.1 und war weltweit erfolgreich, die Serie wurde überallhin verkauft. Sat.1 hatte damals einen Sendeplatz für Serien am Hauptabend und RTL auch.

Und jetzt wird die Fortsetzung von "Deutschland 83" von Netflix produziert, weil RTL mit den Einschaltquoten unzufrieden war. Es gab in den vergangenen Jahren einige Serien und Mehrteiler im Fernsehen, die sich mit dem Thema der deutsch-deutschen Teilung befassten: "Deutschland 83", "Weissensee", "Die Wölfe"- wie verorten Sie da Ihr eigenes Projekt?

Hirschbiegel: "Der gleiche Himmel" ist nicht Genre, sondern Familiendrama. Es ist ein politisches Zeitbild und auch ein Sittengemälde unseres Volkes im Osten und im Westen in der Zeit. Es ist ein Familiendrama, die Geschichte einer geteilten Familie.

Haben die anderen Produktionen Sie beeinflusst?

Hirschbiegel: Im Wesentlichen gehe ich immer von dem aus, was aus mir kommt. Nur wenn ich ratlos bin, schaue ich die anderen an. "Weissensee" habe ich nur ausschnittweise gesehen. "Deutschland 83" spielt in ganz Deutschland und in der DDR. Meine Aufgabe war, Berlin in der Zeit wieder erstehen zu lassen, was nicht einfach ist, denn Berlin hat sich so verändert, dass man dort gar nicht mehr drehen kann, wenn man nicht die finanziellen Mittel hat, die die Amerikaner haben. Die lassen ganze Straßenzüge herrichten oder bearbeiten sie später mit Computergrafik. Wir sind nach Prag gegangen, wo man im Ansatz noch Straßen findet, die in dem Zustand sind, in dem die Straßen damals waren. Man vergisst gern, wie zerbröckelt und kaputt auch West-Berlin damals war. Speziell die Stadtteile, die direkt an der Grenze waren, das sah aus wie die Bronx. Da war fast kein Unterschied zum Osten.

Was die Hauptfigur des Romeo, Lars Weber, der von Tom Schilling gespielt wird, darüber lernt, wie man Frauen verführt, erinnert an moderne "Pickup artists", die sich im Internet damit brüsten, wie sie Frauen rumkriegen.

Hirschbiegel: Es ist erstaunlich vereinfachend. Das sind alles Taktiken und Techniken, die aus grauer Vorzeit kommen, die sind schon vor mehr als hundert Jahren aufgeschrieben worden. Jetzt gibt es bei Youtube ohne Ende Videoclips "How to pick up a lady". Es ist ein Leichtes, sich darüber lustig zu machen und zu sagen: sind die Frauen wirklich so blöd, dass sie tatsächlich darauf reinfallen? Das kann man so sehen, aber wir sind immer noch dieselben Tiere, die wir waren, evolutionstechnisch. Das ist ein Spiel. Willentlich lässt sich die Frau auf das Spiel des Mannes ein und im Prinzip wissen beide, worum es geht. Man hat uns vorgeworfen, wir seien frauenfeindlich. Aber frauenfeindlich ist, wenn man vermeidet, das Spiel zu erzählen.

Gab es solche Schulungen bei der Stasi wirklich?

Hirschbiegel: Es gab bei der Stasi Schulungsseminare für alle möglichen Einsätze. Das war sehr minuziös ausgearbeitet. Wir haben keinen Beweis dafür, dass so eine Klasse so stattgefunden hat. Wahrscheinlich wurde das den Studenten eher in persönlichen Seminaren vermittelt, aber mit Sicherheit sind sie sehr gut vorbereitet an ihre Arbeit gegangen. Rollenspiele haben definitiv stattgefunden. Darüber hinaus war es ein Problem, vom Osten in den Westen zu gehen, weil das eine komplett andere Welt war. Die erste Aufgabe war, dass einer aus dem Osten sich halbwegs souverän im Westen bewegen kann, ohne aufzufallen. Das muss er umso besser können, wenn es darum geht, eine Frau in sich verliebt zu machen. Er darf ja nicht wie ein Hinterwäldler auftreten, er muss eine gewisse Weltläufigkeit haben, etwas Kosmopolitisches. Die DDR damals war das Gegenteil von kosmopolitisch, das war alles kleinkleinkariert, etwas eng. Auf eine liebenswerte Art muss ich sagen, das habe ich auch versucht beim Dreh in meinen Osten zu integrieren. Ich bin beim Drehen fast lieber im Osten gewesen als im Westen.

Haben Sie beide Welten in Prag gedreht?

Hirschbiegel: Ja, wir waren drei Tage in der Welt des Ostens und plötzlich war man wieder im Westen, und ich dachte, ich will jetzt aber nicht im Westen sein. So schaut man die Serie wahrscheinlich auch: Man hat den Strang, der im Osten läuft und dann kommt der Schnitt in den Westen und man denkt, oh nein, ich will wissen, wie es weitergeht. Aber dann merkt man: Ach ja, das war ja auch noch. Man bewegt sich also immer in so einem Kalt-Heiß-Bad.

Im Osten hatte ich den Eindruck, dass die Menschen unter einem viel größeren Druck stehen: Da ist die Familie mit der jungen Schwimmerin, die in den Olympiakader aufgenommen werden soll und die Mutter sagt, das bringt uns ganz viele Vorteile: eine neue Wohnung vielleicht oder ein neues Auto...

Hirschbiegel: Der größte Anreiz für die Menschen drüben waren die Reisen. Sie mussten so gut sein in dem, was sie tun, dass sie exportfähig sind, dass sie reisen durften. Das galt für die Angehörigen auch. Das war das absolute Privileg.

Aber diesen Druck, der sich da vermittelt, den gab es im Westen so nicht. Da war die Gesellschaft im Westen freier als die im Osten.

Hirschbiegel: Ja, aber auch beliebiger. Und wie gesagt, ich habe das damals als relative Starre empfunden. Das bezieht sich auch auf die Musik, die man damals hören konnte, es gab für mich kaum etwas. Ich habe bis 1976 gewusst, da ist noch was anderes, da muss noch was kommen, kurze Röcke, das reicht nicht. Was konnte man damals hören? Roxy Music, dann gab es David Bowie, irgendwann tauchte Brian Eno auf. Krautrock in Deutschland war cool, aber die meisten Leute um mich herum haben das nicht verstanden, die haben Emerson Lake und Palmer gehört und Queen, damit konnte ich nie etwas anfangen. Ich konnte nicht einmal was mit Jimi Hendrix anfangen. Dylan natürlich, aber der geht durch die Zeiten.

Was haben Sie gemacht, um sich zu befreien aus der Enge?

Hirschbiegel: Ich habe immer Kunst gemacht, gemalt und gezeichnet, dann habe ich mich an der Kunsthochschule beworben und bin gereist und habe versucht, so viel wie möglich von der Welt zu schmecken und zu spüren. Und auf den Reisen trifft man Gleichgesinnte, die ähnliche Sehnsüchte haben.

Wie haben Sie sich der Figur des Romeo in "Der gleiche Himmel" angenähert?

Hirschbiegel: So wie ich das immer mache, mit allen Figuren. Ich versuche diese Gemengelage psychisch, emotional und mental in mir herzustellen, um ein Bild und eine Haltung zu spüren und zu sehen und dasselbe macht der Schauspieler.

Das ist ja eine unsympathische Figur, einer, der die Liebe einer Frau weckt, um sie zu verraten.

Hirschbiegel: Für mich gibt es eigentlich keine sympathischen oder unsympathischen Figuren. Ich muss versuchen, jede Figur zu erzählen, ohne sie zu denunzieren. Und selbst Menschen, die Böses tun, sind Menschen mit einer Befindlichkeit. Sie hatten eine Kindheit, wurden in einer gewissen Art erzogen, sie haben Nöte, Zwänge, Ängste, und in dem Moment ist eigentlich keine Figur mehr unsympathisch, sondern man betrachtet sie als ein Mensch, ein Geschöpf Gottes. Man versucht diese Figur aus ihrer Logik zu erzählen und ich setze voraus, dass der Zuschauer ein intelligentes Wesen ist. Lars Weber verrät seine Seele. Die Liebe ist eine Energie, mit der man nicht spielt. Es gibt in der Literatur Beispiele, die das sehr schön beschreiben, Lermontow, "Ein Held unserer Zeit", dieses Buch beschreibt sehr gut, wie man sich selbst letztlich mehr Schaden zufügt, indem man dem anderen, der liebt, ein Spiel serviert. Ich weiß nicht, wer das mal gesagt hat: der, der liebt, hat mehr davon. Die Frau, die einen Mann liebt, der ein Spiel spielt, ist am Ende die Stärkere. Federn lässt der andere, was seine Seele angeht, was die tiefe Bewusstseinsebene angeht und das wird in der Fortsetzung natürlich auch deutlich. Das Spiel geht nicht gut aus.

Steht schon fest, dass es eine Fortsetzung geben wird?

Hirschbiegel: Die Entscheidung wird formal getroffen, nach der Ausstrahlung, aber da es eine internationale Produktion ist, die weltweit verkauft ist und Netflix uns in diversen Regionen schon gekauft hat, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch. Und wir enden mit so einem dramatischen Cliffhanger, dass es fast unmöglich ist, so auszusteigen.

Wie haben Sie die Schauspieler gefunden?

Hirschbiegel: Ich wollte immer schon mit Tom Schilling drehen. Er ist einer der wenigen "echten Gentlemen" die ich weltweit kenne. Und Tom hat mir auch sofort zugesagt. Nach den Frauen habe ich lange gesucht. Friederike Becht und Tom, das war chemisch die richtige Konstellation. Sie und Tom Schilling sehen sich auch so ähnlich, dass sie Geschwister sein könnten. Mit Ben Becker habe ich vor Jahren "Ein ganz gewöhnlicher Jude" gemacht. Das war wie so ein Gedankenblitz: Das muss der Becker spielen. Und dann gab es Überraschungen: Stephanie Amarell ist eine ganz erstaunliche Schauspielerin. Unsere Schauspieler müssen sich überhaupt nicht verstecken, die haben eine Tiefe, die ich oft bei den Engländern oder Amerikanern vermisse. Die sind oft schneller, aber da fehlt mir manchmal die Erde.

Sie haben viele Kinofilme gemacht, aber Sie machen auch schon fast 30 Jahre Fernsehen und Sie haben vor vielen Jahren, 1991, ein Experiment gemacht, das damals für viel Aufsehen gesorgt hat: "Mörderische Entscheidung", ein Film, der im Ersten und Zweiten parallel aus zwei Perspektiven erzählt wurde.

Hirschbiegel: Das war damals ein Riesenevent mit einer gigantischen Quote. Das war in der frühen Zeit des Privatfernsehens, ein Straßenfeger.

Insgesamt fast 15 Millionen Zuschauer.

Hirschbiegel: Ich entsinne mich, dass die Menschen das spannend fanden, sie waren zwar etwas irritiert. Im Nachhinein muss ich sagen, wir hätten das noch besser machen können, aber es gab ja kein Vorbild. Mit dem heutigen Stand der technischen Möglichkeiten ist natürlich die Idee super.

Solche Experimente gibt es heute kaum noch, dabei gäbe es sehr viel mehr Sendeplätze und Möglichkeiten. Würden Sie so etwas gerne noch einmal machen?

Hirschbiegel: Ja. Wobei, das war so komplex damals, dass ich gar nicht weiß, ob ich heute noch so gut wäre. Denn jeder Zeitschnitt auf dem einen Kanal musste natürlich ein Zeitschnitt auf dem anderen sein, das lief ja synchron. Und manchmal begegnen sich die Figuren und dann muss gleichzeitig dasselbe auf beiden Kanälen passieren. Das ist eine gute Schule. Man muss das sehr präzise timen und entsprechend drehen. Das hat damals Dody Dorn geschnitten, die später mit Christopher Nolan "Memento" gemacht hat. Sie ist eine sehr präzise Cutterin. Wir haben das noch mechanisch geschnitten, wir hatten noch kein elektronisches Schnittsystem, das war sehr knifflig. Ein Jahr später haben wir eine internationale Version gemacht, da haben wir eine frühe Form eines elektronischen Systems benutzt.

Wurde damals im Fernsehen noch mehr experimentiert als heute?

Hirschbiegel: Das Fernsehen war damals, das darf man nicht vergessen, europaweit ein Ort, an dem man richtig gute, starke Filme sehen konnte, sogenannte Fernsehspiele mit Anspruch. Die Programmplaner waren auch mutig genug, sie zur Hauptsendezeit zu senden. Ich habe 1997 für die ARD "Das Urteil" gemacht mit Matthias Habich und Klaus Löwitsch, das sind zwei Typen, die reden, und der Film hatte eine richtig gute Quote. Das Publikum schaut das, was ihm serviert wird, die können nicht an einer Kurbel drehen und sagen, ich will aber was anderes.

Aber das könnte sich jetzt ändern durch Netflix und andere Videoportale im Internet.

Hirschbiegel: Da kann man sehen, wie experimentelle neue Ansätze, komplett abgefahrene Geschichten und Figuren erfolgreich sind. Ich bin immer überrascht, wie konservativ und verhalten die deutsche Situation ist. Das Nachbarland Dänemark, da gibt es nicht einmal sieben Millionen Zuschauer, macht uns seit Jahren vor, wie man spannende Serien mit dreidimensionalen Figuren erzählt. Die kommen authentisch aus dem schwedischen oder dänischen Bereich und funktionieren weltweit. Mir ist das ein Rätsel, warum wir Deutschen das so lange ignorieren. Vielleicht liegt es an der Größe, dass wir die Notwendigkeit nicht sehen, über den Tellerrand zu schauen. Da nehme ich auch uns Regiekollegen nicht aus: Sich immer nur in der eigenen Suppe zu erschöpfen und Hollywood kopieren zu wollen, ist kein authentischer Ansatz, das wird nie etwas Originäres produzieren. Aber ich glaube, dieses Umdenken findet gerade statt.

Auch bei den Sendern?

Hirschbiegel: Ich bekomme jetzt viele Konzepte auf den Tisch, an denen deutsche Sender beteiligt sind. Man merkt, dass es den Wunsch gibt, neue Wege zu beschreiten und mehr Geld auf den Tisch zu legen, um halbwegs konkurrenzfähig zu sein auf dem internationalen Markt. Man darf nicht vergessen: wenn die Amerikaner so etwas machen wie ich gerade gemacht habe, geben sie mir dreimal so viel Geld.

Wie hoch war Ihr Budget für "Der gleiche Himmel"?

Hirschbiegel: Das war viel für eine deutsche Produktion, pro Folge 1,3 Millionen.

Das ist ungefähr das, was ein guter "Tatort" kostet.

Hirschbiegel: Wenn der "Tatort" Glück hat, und ich bin immer erstaunt, wie gut die "Tatorte" letztlich aussehen für das Geld. Die Amerikaner haben das Doppelte oder Dreifache zur Verfügung. Ich habe im letzten Jahr "Billions" gedreht in New York, das Budget einer Folge "Billions", die 50 Minuten lang ist, liegt bei sechs Millionen Dollar. Natürlich sind die Schauspieler teurer. Es ist kommoder, man hat größere Teams, mehr Vorlauf, es ist besser vorbereitet, andererseits ist es aber auch in gewisser Weise limitierend. Wir sind mit unseren kleinen, kompakten Crews beweglicher. Wenn ich wählen dürfte, würde ich eine gute europäische Crew vorziehen und 200.000 oder 300.000 drauflegen. Dann kann man konkurrenzfähig arbeiten und ist trotzdem immer noch beweglich. Ich arbeite gern schnell, improvisiere manchmal auch. Das ist bei den Amis nicht so einfach, das ist ein größerer Tanker.

Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland zu wenig Filme und Serien gibt, die uns über unsere jüngere Vergangenheit erzählen. Es gibt in Spanien eine Serie, "Cuéntame", die erzählt spanische Geschichte vom Franquismus zum Übergang zur Demokratie anhand einer Familiengeschichte. Die Serie hat schon mehr als 300 Folgen und ist sehr erfolgreich.

Hirschbiegel: Das klingt spannend. Das war natürlich eine irre Zeit für die Spanier. Bei uns ist die Frage, wo setzt man an. Ich habe mich ja viel mit dem Dritten Reich beschäftigt, ich bin immer irritiert, wenn ich mich frage, wo kommen wir her. Der Anteil der Deutschen in der Philosophie der Neuzeit, im 18. und 19. Jahrhundert, ist schockierend. Die klassische Musik, es ist ein Wahnsinn! Dichter und Denker! Ich habe das Gefühl, das wird vergessen, es ist komplett abgekoppelt - dabei könnten wir darauf stolz sein.

Würden Sie diese Geschichten gern erzählen?

Hirschbiegel: Oder man geht zurück in die 60er und 70er. Adorno, Marcuse, das sind wilde Köpfe. Es macht keinen Sinn, eine Serie über Philosophen zu machen, aber es ist interessant zu sehen, was sie geschrieben haben und dann zu schauen, was war in der Zeit? Da waren Betonschädel und im Reflex die RAF, Baader Meinhof. Heinrich Breloer hat im Fernsehen Sachen gemacht, die ich sehr stark fand, aber das ist auch schon wieder 20 Jahre her. Mich überrascht das nicht, dass diese spanische Serie erfolgreich ist. Ich wäre sofort dabei, wenn es darum ginge, das in Deutschland zu machen.

Aus epd medien Nr. 12 vom 24. März 2017

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