Interview
"Das ist ein Prozess"
Ein epd-Interview mit der ARD-Vorsitzenden Karola Wille
Frankfurt a.M. (epd). MDR-Intendantin Karola Wille hat im Januar 2016 den Vorsitz der ARD übernommen. Zu Beginn ihrer Amtszeit kündigte sie an, sie wolle sich im Senderverbund für eine "umfassende Transparenz im wirtschaftlichen und journalistischen Handeln" einsetzen und für eine "Fehlerkultur, die von Offenheit und Kritikfähigkeit gegenüber den Beitragszahlern" bestimmt ist. Wille (58) ist seit November 2011 Intendantin des MDR. Zuvor war sie von 1996 bis 2011 Juristische Direktorin des Senders. Diemut Roether sprach mit ihr über Sparpläne in der ARD, medienpolitische Rahmenbedingungen, den Dialog mit dem Publikum und die Bemühungen um mehr Transparenz im Senderverbund.

epd: Im Oktober ist das Jugendangebot Funk von ARD und ZDF gestartet. Sie gehören zwar nicht zur Zielgruppe, aber welches Format von Funk halten Sie für besonders gelungen?

Wille: Ich freue mich bei Funk über viele innovative Formate. Persönlich finde ich mindestens zwei Formate sehr gelungen. Die Miniserie "Wishlist", die wir, also der MDR, zusammen mit Radio Bremen macht, überzeugt offensichtlich auch andere. Ich habe mich sehr gefreut, dass die Macherinnen und Macher einen Grimme-Preis gewonnen haben. Die Serie ist dramaturgisch so spannend gemacht, dass ich sofort drangeblieben bin und gedacht habe, das wird funktionieren. Auch "Funk Live" finde ich interessant: Da arbeiten junge Radiowellen der ARD zusammen, produzieren ereignisbezogen Videos und suchen das Gespräch mit jungen Leuten.

Sind Sie mit der Resonanz für Funk zufrieden?

Wille: Ich finde, Funk kann sich nach dem ersten guten halben Jahr sehen lassen. So ein von einem klassischen Fernsehkanal losgelöstes Netzangebot ist ein spannendes Experiment - und wenn nach rund sechs Monaten 150 Millionen Abrufe bei Youtube und Facebook zu verzeichnen sind, ist das eine gute Bilanz. Wir sind im Oktober 2016 mit mehr als 40 Angeboten gestartet, mittlerweile sind es über 60. Funk ist für alle Beteiligten ein intensiver Lernprozess. Es ist ein lebendiger Organismus, wir knüpfen ein Netzwerk und die große Herausforderung ist jetzt, die Nutzer nachhaltig zu binden.

Wenn man sich die Formate anschaut, ist nicht sofort klar, dass sie von der ARD und vom ZDF stammen. Wie soll da der Transfer stattfinden von Funk zu den öffentlich-rechtlichen Sendern?

Wille: Das ist ein Prozess. Es kommt darauf an, dass wir die Nutzer auch zu unseren anderen Angeboten führen und dass klar wird, dass ARD und ZDF die Absender sind.

Soll der Absender in Zukunft noch stärker herausgestellt werden?

Wille: Die Grundidee bleibt: Im Mittelpunkt stehen die Inhalte. Und über die Inhalte vermittelt sich, dass es ein Angebot von ARD und ZDF ist.

Kritiker sagen, Sie stärken dadurch, dass die Inhalte hauptsächlich über Plattformen wie Youtube und Facebook ausgespielt werden, diese kommerziellen Plattformen.

Wille: Junge Menschen sind doch längst nicht nur auf Youtube und bei Facebook, sondern noch auf einer Vielzahl anderer Plattformen unterwegs: Snapchat, Instagram. Natürlich müssen wie sie auch dort erreichen. Daneben wollen wir nach und nach auch über eine eigene starke Plattform junge Menschen mit relevanten Angeboten für uns interessieren. Grundsätzlich gilt: Wir müssen an die jungen Menschen dort herankommen, wo sie sind, wo sie kommunizieren und medial zu Hause sind.

Ist Funk ein Modell für die restliche ARD? Sie haben im vergangenen Herbst ein Papier vorgelegt für die Medienpolitik, in dem Sie schreiben, die ARD wolle sich zu einem Content-Netzwerk entwickeln. Testen Sie mit Funk, wie Sie Ihre Inhalte anders verbreiten können? Glauben Sie nicht daran, dass man in zehn Jahren noch Fernsehen gucken oder Radio hören wird?

Wille: Alle Zahlen belegen eine unverändert starke Nutzung von linearen Angeboten. Einerseits wird uns über einen längeren Zeitraum diese lineare Welt erhalten bleiben, gleichzeitig sind aber Telemedienangebote für die Meinungsbildung relevant geworden. Die Herausforderung heißt jetzt, in beiden Welten publizistisch starke und relevante Angebote zu machen. Content-Netzwerk bedeutet also keinesfalls, dass wir die lineare Welt aufgeben. Sondern, dass die ARD als integrierter föderaler Medienverbund ihre Nutzerinnen und Nutzer dort erreicht, wo sie sind. Unser Ziel ist, vernetzt mit einem integrierten Gesamtangebot alle Menschen zu erreichen, immer wieder den gesellschaftlichen Diskurs zu befördern, Gesamtöffentlichkeit herzustellen und zur gesellschaftlichen Verständigung beizutragen.

Die trimediale Integration stelle ich mir gerade in der ARD sehr schwierig vor. Bis vor kurzem wussten Fernsehen und Hörfunk in vielen Sendern nicht voneinander, was die anderen machen. Das dürfte ein ziemlich langer Prozess sein.

Wille: Trimediale Entwicklungen sind für jedes Medienunternehmen eine Herausforderung. In der ARD haben alle Häuser damit begonnen. Der Inhalt ist entscheidend - wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, wie welcher Inhalt an welche Zielgruppe gelangt. Das ist für alle ein Lernprozess, daran kommt aber keiner vorbei.

Wie messen Sie die Resonanz in den Sozialen Netzwerken? Bei der Fernsehquote kann man sich leicht darauf verständigen: ein Marktanteil von 12 Prozent ist vielleicht nicht überragend, aber ganz anständig. Bei den Internetzahlen fehlt jedoch die Vergleichbarkeit. Eine Million Klicks, das hört sich erst einmal nach viel an, Sie wissen aber nicht, hat das jemand ganz angeschaut oder hat er nach fünf Minuten oder fünf Sekunden wieder aufgehört. Wie können Sie da eine verlässliche Messung der Akzeptanz sicherstellen?

Wille: Das ist ein großes Thema - auch für die Netzwerke, weil sie eine vergleichbare Währung für die gesamte Branche anbieten müssen. Bis jetzt gibt es von jeder Plattform eine Reihe von unterschiedlichen Metriken und Kennwerten, die durchaus differenzierter sind als nur die genannten Klicks. Das Problem ist jedoch: Sie sind von Plattform zu Plattform nicht miteinander vergleichbar. Außerdem sind die Regeln für die Generierung dieser Kennwerte nur den Netzwerken, die ja multinationale Player sind, selbst bekannt und für Außenstehende wenig transparent. Für den Bereich Bewegtbildnutzung bemühen sich zur Zeit einige der großen Netzwerke darum, prospektiv am deutschen Währungssystem der AGF Videoforschung, zu partizipieren. Es bleibt abzuwarten, ob das gelingt. Ganz generell haben vergleichbare, stabile Reichweitenwährungen eine große Bedeutung, wenngleich man ungefähr auch von den bis jetzt vorliegenden Zahlen eine große oder kleine Resonanz ableiten kann.

Dass die ARD zu einem Online-Content-Netzwerk werden will, gefällt nicht jedem. Die Verleger sagen, was Sie da im Internet machen, ist presseähnlich. Zurzeit werden Ihnen durch die Klagen gegen RBB und RB große Steine in den Weg gelegt.

Wille: Dass wir den Konflikt mit den Verlegern vor Gericht austragen müssen, ist bedauerlich, zumal wir in diesen Zeiten gemeinsam herausgefordert sind, um den neuen Gefährdungen, die von den vier globalen Internetkonzernen ausgehen, entgegenzutreten. Natürlich ist für uns Rechtssicherheit wichtig und ich frage mich, ob ‚Presseähnlichkeit' überhaupt ein zukunftstauglicher Begriff ist.

Sehen Sie eine Chance, dass Sie die Staatskanzleien überzeugen können, den Begriff der Presseähnlichkeit aus dem Rundfunkstaatsvertrag zu streichen?

Wille: Wir sind im Moment in intensiven Gesprächen über einen zeitgemäßen Telemedienauftrag. Ich denke, wir haben die Politik überzeugt, dass beim Thema Presseähnlichkeit noch Regelungsbedarf besteht, weil zu einem zeitgemäßen Telemedienauftrag nicht nur Bewegtbilder gehören, sondern ein zeitgemäßes Angebot als Kombination von Texten, Bildern und Videos und internetspezifischen Gestaltungsmitteln möglich sein muss. Die Verleger stellen sich ja ebenfalls multimedial auf und es ist für alle Medienhäuser selbstverständlich, diese neuen Gestaltungsmittel und Kombinationen einzusetzen.

Ich nehme an, in Ihren Gesprächen mit den Staatskanzleien haben Sie noch weitere Wünsche an die Medienpolitik. Was steht auf Ihrem Wunschzettel?

Wille: Eine offene Diskussion über den Auftrag der Zukunft. Ob der Gesetzgeber den ganz großen Wurf wagt, wie von manchen Ländervertretern angedeutet, bleibt eine interessante Frage. Ein Auftrag, der funktional mit Leitplanken und Grundsätzen gestaltet wäre, würde meines Erachtens eher der Dynamik und dem Charakter des Veränderungsprozesses entsprechen können. Wir brauchen des Weiteren klare medienpolitische Weichenstellungen, um beispielsweise bei der Plattformregulierung Auffindbarkeit, Diskriminierungsfreiheit und Signalintegrität zu sichern. Hier sollten wir an die Überlegungen des abschließenden Berichts der Bund-Länder-Kommission anknüpfen. Außerdem brauchen wir Rechtssicherheit mit Blick auf Kooperationen, die wir innerhalb der ARD, aber auch mit dem ZDF und Deutschlandradio planen. Eine größere Arbeitsteiligkeit kann nur funktionieren, wenn die bestehenden Kartellrechtsrisiken mit klaren Beauftragungen durch die Länder genommen werden.

Können Sie das genauer benennen? Wo könnte das Kartellamt möglicherweise sagen, das geht nicht?

Wille: Ausgangspunkt ist die aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes. Der BGH sieht die Rundfunkanstalten auch im Kern ihres Auftrages als Unternehmen an. Nach dieser Logik unterfällt ihr gesamtes Handeln der kartellrechtlichen Kontrolle. Das behindert aber genau die Kooperationen der Anstalten, die zur effizienten Auftragserfüllung gewollt sind und von der KEF auch gefordert werden.

Aber wenn Sie wie jetzt wie geplant in der Informationstechnologie enger zusammenarbeiten, dürfte das doch kartellrechtlich kein Problem sein?

Wille: Doch, nach gängiger Rechtsprechung gibt es diese rechtliche Unsicherheit.

Ein Thema, das Sie im Moment auch bewegt, ist das Recht auf Kurzberichterstattung bei den Olympischen Spielen. ARD und ZDF haben die Übertragungsrechte nicht bekommen, aber da die Spiele nicht in Deutschland stattfinden, ist auch noch nicht gesichert, ob sie Kurzberichterstattung leisten können.

Wille: Im Sportbereich hätte ich zwei Wünsche. Einmal wäre zu diskutieren, ob die Liste der gesellschaftlichen Großereignisse, für die eine Übertragung im Free TV sichergestellt werden muss, erweitert werden sollte - Stichwort Handball. Und beim Thema Kurzberichterstattung wäre es sinnvoll, auch dann Zugang zum Sendesignal zu bekommen, wenn die Ereignisse im Ausland stattfinden. Das ist nach Europarecht durchaus möglich, nach der derzeitigen deutschen Rechtslage haben wir aber nur Zugang, wenn das Ereignis hierzulande stattfindet.

Das muss schnell passieren, die Olympischen Winterspiele in Südkorea beginnen bereits im Februar 2018. Haben Sie Hoffnung, dass das bis dahin geregelt ist?

Wille: Der Gesetzgeber hat uns signalisiert, dass er das Problem sehr wohl erkannt hat. Aktuell ist der 21. Rundfunkänderungsstaatsvertrag in Vorbereitung, hier böte sich also die Chance. Wir prüfen zusätzlich aber auch noch, inwieweit eine umfangreichere nachrichtliche Berichterstattung möglich ist.

Das heißt, Sie verhandeln mit den Rechteinhabern, aber das würde bedeuten, dass Sie dafür Geld zahlen müssen.

Wille: Möglicherweise. Auch der mögliche Umfang der Berichterstattung im Hörfunk ist noch nicht abschließend geklärt.

Der Sport ist der ARD sehr teuer, vor allem der Fußball. Warum ist Ihnen der Fußball so wichtig?

Wille: Zunächst mal: Der Sportrechteetat der ARD ist bei rund 250 Millionen Euro pro Jahr gedeckelt. Fußball ist ein gesellschaftliches Großereignis und Anknüpfungspunkt für eine breite gesellschaftliche Kommunikation. Also freuen wir uns natürlich, wenn es gelingt, die Rechte für eine massenattraktive Sportart wie Fußball zu erhalten - aber nicht um jeden Preis. Aus diesem Grund haben wir zum Beispiel die Rechte für die Qualifikationsspiele nicht erworben, die laufen bei RTL. Übrigens ist Fußball ja gar nicht so dominant, wir zeigen allein im Ersten Deutschen Fernsehen rund 50 verschiedene Sportarten.

Erst kürzlich hat wieder ein Manager eines Basketball-Vereins kritisiert, ARD und ZDF seien sehr einseitig fixiert auf Fußballberichterstattung.

Wille: Bei 25 Prozent der Sportberichterstattung in der ARD geht es um Fußball, das heißt drei Viertel sind andere Sportarten. Wenn Sie die Dritten Programme mitzählen, berichtet die ARD regelmäßig über 100 Sportarten.

Ich sehe das Problem einer Interessenkollision. Die Fußballvereine wollen bei den Sportrechten immer mehr Geld herausholen, die ARD sagt, wir können nicht mehr zahlen. Was passiert dann?

Wille: Wir müssen Prioritäten setzen, immer wieder neu. Für uns als öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist der entscheidende Auftrag ein Vielfaltsauftrag, das heißt auch, das Sportgeschehen in der Breite abzubilden. Wir müssen sehen, was geht und was nicht geht.

Heißt das, die Redaktionen müssen sich darauf einstellen, auch andere Sportarten wieder populärer zu machen?

Wille: Wir haben ja heute schon viel mehr Sportarten im Blick. Zum Beispiel ist Biathlon dank unserer umfangreichen, sehr erfolgreichen Wintersportberichterstattung bereits eine äußerst populäre Sportart. Und die Internetwelt bietet nun noch viel mehr Möglichkeiten, diese Vielfalt abzubilden. Unsere Zuschauer reagieren beispielsweise sehr positiv auf die Livestreams, die wir zu unterschiedlichen Sportereignissen anbieten, und auch unsere Sportangebote auf One werden immer mehr wahrgenommen.

Sie haben sich als ARD-Vorsitzende auf die Fahnen geschrieben, als sie angetreten sind, dass sie für mehr Transparenz sorgen wollen. Wie weit sind Sie damit gediehen? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Bilanz nach einem Jahr und vier Monaten?

Wille: Die Bilanz kommt zum Schluss, wir sind noch mittendrin und führen eine konstruktive Diskussion in der ARD. Hilfreich war, sich hier konzeptionelle Gedanken zu machen: Welche Grenzen sind uns gesetzt? Wo wollen wir noch sichtbarer werden? Wo wollen wir Misstrauen abbauen? Ich bin froh, dass Professor Kirchhof uns bei diesem Diskussionsprozess unterstützt, er wird sein Gutachten im Sommer vorlegen. Wir sind uns in der ARD einig, dass es sinnvoll ist, bestimmte Bereiche transparenter zu machen und diese Informationen vor allem auch einfacher zugänglich zu machen.

Früher - bis 2010 - gab es das ARD-Jahrbuch, da konnte man sich schnell einen Überblick über die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten verschaffen. Heute ist es im Internet manchmal sehr viel schwieriger, bestimmte Informationen zu finden.

Wille: Deswegen sollen die Informationen ja leichter auffindbar sein.

Aber an eine Neuauflage des ARD-Jahrbuchs ist nicht gedacht?

Wille: Man kann solche Daten und Informationen im Internet vielfältiger, moderner und umfassender zugänglich machen. Transparenz kann man nicht verstecken. Auffindbarkeit und Zugänglichkeit, das sind die Stichworte.

Haben Sie in den Kollegen ARD-Intendanten gute Verbündete für Ihre Transparenz- Bemühungen oder gibt es da den einen oder anderen Bremser?

Wille: Wir haben gemeinsam mit Herrn Dr. Kirchhof leidenschaftlich diskutiert und wir wollen bis zum Sommer unsere Transparenzmaßnahmen weiter entwickeln.

Als Sie angetreten sind, haben Sie auch gesagt, die ARD muss souveräner mit Kritik umgehen. Kritik äußert sich sehr stark in den sozialen Medien. Ich frage mich manchmal, ob es nicht ein organisiertes Forum geben müsste für die Auseinandersetzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit seinen Nutzern, so wie es früher einmal die Mainzer Tage der Fernseh-Kritik waren. Vermissen Sie so ein Forum?

Wille: Wir kommunizieren mit unseren Nutzerinnen und Nutzern ja auf den unterschiedlichsten Ebenen. Vom Zuschauerservice beim Ersten bis zum Blog von "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke. Wir haben uns darüber hinaus die Frage gestellt, ob es nicht eine Dialogplattform geben sollte, über die die ARD themenspezifisch den Dialog sucht, losgelöst von programmlichen Diskussionsebenen mit den Nutzern. Das Internet bietet auch hier viel mehr Möglichkeiten, als wir früher hatten.

Die Kritik, die man in den sozialen Netzwerken lesen kann, ist oft sehr harsch. Haben Sie das Gefühl, dass es schwieriger geworden ist, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu legitimieren angesichts der vielen Angebote, die es gibt.

Wille: Der Legitimationsdebatte müssen wir uns als solidarisch finanziertes System immer stellen. Richtig ist, dass der Ton rauer geworden ist - lauter und teilweise politisch grundsätzlicher. Doch stehen da wirklich Mehrheiten dahinter? Umfragen bestätigen immer wieder, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach wie vor vertraut und uns als glaubwürdig einschätzt. Trotzdem darf ich diese Kritik nicht beiseiteschieben. Ich bin überzeugt, dass man in diesen Zeiten dort dialogorientiert sein muss, wo Dialog möglich ist.

Ich beobachte, dass sich so ein ideologisch besetzter Begriff wie "Zwangsgebühr" im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzt und auch von Politikern benutzt wird, die nicht wie die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen wollen. Das halte ich für eine Gefahr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, denn dahinter verbirgt sich der Gedanke, wir brauchen das nicht mehr.

Wille: Wir müssen hier die Menschen durch unserer Angebote überzeugen und die Diskussion offensiv führen, warum uns die Gesellschaft braucht.

Fühlen Sie sich da von der Politik ausreichend unterstützt?

Wille: Man kann nie genug Unterstützung haben. Ich erlebe einerseits in öffentlichen Runden ein klares Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, gerade in diesen Zeiten, wo die öffentliche Meinungsbildung in Gefahr gerät. Das Thema Beitrag ist ein Thema eigener Art, aber es gehört natürlich zur Diskussion dazu.

Die Politik hat das Planziel der Beitragsstabilität vorgegeben. Das heißt ja nicht nur, dass es nicht mehr Geld geben soll: Da alles teurer wird, muss man anfangen abzubauen.

Wille: Nominale Beitragsstabilität würde in der Tat künftige Preis- und Tarifsteigerungen außer Acht lassen. Die Folge wären zwangsläufig erhebliche Einschnitte bei den Anstalten.

Sie suchen derzeit nach Einsparpotenzialen. Gibt es da noch so viele Polster, dass man dadurch die Beitragsstabilität über Jahre garantieren kann?

Wille: Wir entwickeln gerade ein tiefgreifendes Reformprogramm, das die Chancen des technologischen Wandels nutzt, und wollen auf strategisch wichtigen Feldern noch arbeitsteiliger werden. Stichworte sind hier die IT-Landschaft der Zukunft oder ein gemeinsames crossmediales Medien-Daten-System. Wir wollen im ARD-Verbund noch stärker kooperativ und auch mediengattungsübergreifend arbeiten und eine technische Infrastruktur für die digitale Produktentwicklung nutzen. Das Grundprinzip lautet Arbeitsteiligkeit und stärkere Kooperation. Über konkrete Einsparpotenziale wissen wir im September mehr. Wir werden dann den Ländern einen Zwischenbericht mit allen bis dahin vorgesehenen Maßnahmen und Aussagen zu unseren Vorstellungen über einen zeitgemäßen Auftrag und unser Leistungsversprechen gegenüber der Gesellschaft übergeben.

In den vergangenen Jahrzehnten ist das System immer mehr gewachsen, das war auch politisch so gewollt. Die Kulturkanäle 3sat und Arte waren ein Wunsch der Politik, ebenso wie die Digitalkanäle. Müsste man jetzt nicht mal darüber nachdenken, ob man an der Substanz etwas ändert? Brauchen wir so viele Digitalkanäle? Wozu braucht man One?

Wille: Das System ist nicht nur gewachsen, mit dem Start von Funk wurden auch zwei Digitalkanäle - Einsplus und ZDFkultur - eingestellt.

Was leistet One?

Wille: One ist Teil der ARD-Programmfamilie, etwas jünger ausgerichtet als das Erste und holt hoffentlich viele junge Menschen bei Funk ab.

Aber die Zielgruppe erreicht ZDFneo doch sehr viel besser als One.

Wille: One stand ja bereits zur Disposition, es war eine politische Entscheidung, dass der Kanal erhalten bleibt. Auch hier ist publizistischer Wettbewerb wichtig. One programmieren wir bewusst jünger als ZDFneo und so oft wie möglich live - aktuell lieferten die Geschichten rund um den ESC viel Gesprächsstoff.

Politische Entscheidung heißt, Nordrhein-Westfalen wollte, dass der Kanal bleibt.

Wille: Es gab Länder, die sich das mehr gewünscht haben als andere, aber 16 Länder haben sich darauf verständigt, dass One bleibt.

Sie haben, als Sie ihr Amt als ARD-Vorsitzende antraten, auch gesagt, die ARD muss nah bei den Menschen sein. Wann war die ARD in letzter Zeit besonders nah bei den Menschen?

Wille: In ihren regionalen Fernseh- und Radio-Programmen ist die ARD das jeden Tag. In den Landesfunkhäusern und Regionalstudios nehmen wir Stimmungen auf, bekommen mit, was vor Ort passiert, was die Menschen bewegt. Wir haben auch im Ersten entsprechende Konzepte weiterentwickelt, zum Beispiel Dialogformate zu gesellschaftlich relevanten Themen. Wir laden bei "Maischberger" das Publikum ein, mitzureden, Experten und Politiker stellen sich der Diskussion. Das ist neu und die Zuschauer - das zeigen die Reaktionen - nehmen es an. Bei Funk sind wir auch nah an den jungen Leuten dran, schließlich ist dialogorientiertes Arbeiten bei Funk Prinzip.

Ich frage mich nur, wie schlägt sich das nieder im Programm des Ersten?

Wille: Hier entsteht gerade eine neue Philosophie: Der Mut zu experimentieren und auch der Mut zu sagen, dieses Format ist es nicht, wir trennen uns davon. Wir haben etwas gelernt und entwickeln jetzt daraus etwas Neues. Das ist natürlich auch ein Stück netzspezifisch, die Formate kommen und gehen schneller.

Der Mut zum Experiment war früher vor allem in den Dritten zu beobachten, da scheint das aber verloren gegangen zu sein.

Wille: Hier ist sicherlich Luft nach oben. Aber es gibt auch dort Experimente. Wir haben das im MDR zum Thema Völkerschlacht bei Leipzig probiert, aber ich stimme Ihnen zu, dass die Experimentierfreudigkeit gerne noch ausgeprägter sein könnte.

Ein Thema, das die ARD-Radios zurzeit sehr beschäftigt, ist die Überführung des Radios in die digitale Welt. Ich habe das Gefühl, dass DABplus von den Hörern nur sehr zögerlich angenommen wird. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Wille: Bei DABplus ist derzeit viel Bewegung: In einigen Ländern Europas wird bereits über die UKW-Abschaltung gesprochen oder hat sogar schon begonnen - und wenn sich DABplus in Europa so weiter entwickelt, wird es keine analoge Insel geben. Auch in Deutschland steigen die Verkaufszahlen von DABplus. Das liegt übrigens auch an der klaren Position der ARD, die sich zur digitalen Hybridstrategie und zum konsequenten flächendeckenden Ausbau des Sendenetzes für DABplus bekannt hat. Es gibt neue Angebote und neue Geschäftsmodelle, wir haben den zweiten bundesweiten Multiplex, für den es eine ganze Reihe von privaten Bewerbern gibt. Entscheidend bleibt die Erkenntnis aller Marktbeteiligten, dass wir nur im Einvernehmen und Schulterschluss miteinander den gewünschten zügigen Aufbau von DABplus als Radiostandard schaffen. Erst, wenn das erreicht ist, können wir uns über weitere Migrationsszenarien unterhalten. Ein wichtiger Schritt ist die Einführung der Mehrnormgeräte-Pflicht, die jetzt in der Novelle des Telekommunikationsgesetzes vorgesehen ist. Das würde die Marktdurchdringung weiter befördern. Wir haben in unserem Zwischenbericht zum Ausbau von DABplus für die KEF eine entsprechend positive Zwischenbilanz gezogen.

Als Nutzerin staune ich, wie schnell der Umstieg von DVB-T auf DVB-T2 im Fernsehen durchgezogen wurde und wie lange sich das bei DABplus hinzieht.

Wille: Hier geht es aber doch um eine ganz andere Dimension. Wenn Sie beim Radio von fast 300 Millionen UKW-Geräten in Deutschland ausgehen und beim Fernsehen von einer unter zehn Prozent liegenden Nutzung von DVB-T, ist das eine ganz andere Entscheidung. Heute würde noch niemand den Umstieg auf das digitale Radio mittragen, dafür ist die UKW-Welt noch zu stark. Ein einheitlicher europäischer Markt mit einer Mehrnormgeräte-Pflicht würde das Ganze aber noch mehr befördern. Das wäre positiv für die Verbraucher und die Marktentwicklung. Und ich freue mich, dass wir hier von der Politik klare Signale aus dem Bund und den Ländern bekommen.

Ich würde gern noch auf Programmprojekte zu sprechen kommen. Ein großes Projekt, an dem das Erste seit Jahren arbeitet, ist "Babylon Berlin", eine Serie, die die ARD gemeinsam mit Sky realisiert. Die Serie soll im Herbst zuerst im Bezahlfernsehen zu sehen sein und erst im Frühjahr 2018 im Ersten. Als Beitragszahlerin frage ich mich, warum darf ich das erst Monate später sehen, ich habe die Serie schließlich mitfinanziert.

Wille: "Babylon Berlin" ist sehr aufwendig, von der ganzen Anlage ein beeindruckendes Projekt. In diesen Zeiten muss man überlegen, ob man in Kooperation mit anderen solche großen Räder drehen kann. Sky ist unser Kooperationspartner, und zum Kooperations- Paket gehört die Erstausstrahlung im Pay-TV. Auch wenn die ARD mit Arte koproduziert, läuft die Erstausstrahlung meist bei Arte, von daher ist das nicht neu - und zahlt sogar auf den Erfolg in der ARD ein.

Aber das Marketing läuft im Herbst an, wenn die Serie bei Sky läuft. Wenn das Erste die Serie zeigt, ist es nur die Wiederholung. Ich weiß, wer wie viel zahlt, ist streng geheim. Aber ist der Beitrag, den Sky leistet, so groß, dass das rechtfertigt, dass Sky den Vortritt hat?

Wille: Es ist ein Experiment, und ich bin auf die Erfahrungen, die wir hier machen, gespannt.

Bei der ARD-Themenwoche "Was glaubst Du?", hat Ihr Sender, der MDR, die Federführung. Das Interessante ist, dass der MDR sich in einem Sendegebiet befindet, in dem die Mehrzahl der Zuschauer und Nutzer keiner Kirche angehört. Werfen Sie sozusagen den Blick des Ethnologen auf dieses Thema?

Wille: Richtig, die konfessionelle Bindung ist im Osten Deutschlands nicht sehr stark ausgeprägt. Aber wir sind bei der Themenwoche ja nicht nur in religiösen Dingen unterwegs. Es geht um die zeitlose Frage nach dem Sinn des Lebens: Was gibt mir Halt? Was gibt mir Orientierung? In Zeiten, in denen die Menschen so verunsichert sind, kann es eigentlich kein relevanteres Thema geben. Wir planen eine sehr interessante, anspruchsvolle Woche und werden in Sachen Glauben ganz vielschichtig unterwegs sein. Es geht darum, woran ich als Mensch glaube, es geht um Dich und um mich.

Was haben Sie sich vorgenommen für die verbleibenden sieben Monate des ARD-Vorsitzes? Was wollen Sie noch erreichen?

Wille: Mein Team und ich möchten unsere Reformagenda vorantreiben. Vor allem aber wollen wir unsere Nutzerinnen und Nutzer überzeugen. Dazu gehört auch die neue digitale Produktwelt wie unsere ARD-Audiothek, aber auch die Weiterentwicklung der ARD-Mediathek. Der ARD-Vorsitz ist dabei natürlich immer nur ein zeitlich begrenzter Abschnitt, ich kann Dinge anstoßen, man kann einiges bewegen - und dann wird der Staffelstab übergeben.

Wenn Sie eine Stellenausschreibung formulieren müssten für den ARD-Vorsitz, was würden Sie als die entscheidenden drei Kernkompetenzen nennen?

Wille: Wille zum Gestalten mit Optimismus, integrativen Fähigkeiten und Leidenschaft.

Aus epd-medien Nr. 20 vom 19. Mai 2017

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