Debatte
Das Beste von früher
Was ARD und ZDF mit ihrem Programmvermögen machen
Frankfurt a.M. (epd). Es lutherte in diesem Jahr auch im Fernsehen gewaltig (epd 44/17). Einer der spannendsten Luther-Filme allerdings lief auf arg entlegenen Sendeplätzen: Vom 28. bis 31. Oktober strahlte der MDR frühmorgens zwischen 6.30 Uhr und 7.10 Uhr den fünfteiligen Zyklus "Martin Luther" mit dem 1995 verstorbenen Ulrich Thein aus. Wer ihn gesehen hat, konnte allerhand Abweichungen von Sehgewohnheiten entdecken. So weiß man zunächst kaum, wer zu den Guten gehört: der joviale Tetzel oder der aufbrausende Mönch, der ihn mit theatralischen Reden und Gesten kritisiert. Im Gegenwartsfernsehen, dessen Macher immer fürchten, dass das Publikum weiterzappt, sobald es nichts versteht, ist das kaum vorstellbar. Ähnlich ungewohnt ist der weitgehende Verzicht auf Musik. Wenn welche zu hören ist, dann meist aus dem On, wenn etwa Luther mit einem Fiedler übers Land zieht. Sie ziehen dann an vielen auf den Feldern arbeitenden Bauern vorbei, schließlich handelt es sich um eine Produktion aus dem Arbeiter- und Bauern-Staat. Der Fünfteiler entstand 1983 in der DDR zu Luthers 500. Geburtstag.

Versteckte Perlen
epd Wenn es passt, sprechen die öffentlich-rechtlichen Sender gern von den "Programmperlen", die in ihren Archiven lagern. Doch im laufenden Programm werden alte Filme aus den 60er oder 70er Jahren nur selten gezeigt. Das liegt manchmal an ungeklärten Rechtefragen - und häufig an fehlenden Sendeplätzen. Christian Bartels hat sich bei den Sendern umgehört, wie sie mit ihrem Programmvermögen umgehen und wie sie ihre Archivschätze pflegen. Seine Empfehlung: Ein gemeinsamer Klassiksender könnte das Beste von ARD, ZDF und DFF aus den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern zeigen.

Der MDR zeigt jedes Jahr am Reformationstag einen Teil des Zyklus und strahlte zum großen Jubiläum alle fünf Teile aus. Zwar tauchen so frühe Sendetermine selbst in den Programmlisten in der Presse, die mit immer mehr Sendern immer enger bestückt werden, selten auf. Dennoch sagte Angela Tomschke, die Hauptredaktionsleiterin in der Zentralen Programmkoordination des Senders, nach ihren Erfahrungen "finden und nutzen interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer solche Sendungen auch, wenn diese nicht zur Primetime ausgestrahlt werden".

Serienklassiker im Osten

Doch warum sind solche aufwendig hergestellten, inhaltlich spannenden und aktuell diskussionswerten Sendungen in den 18 öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern so selten zu sehen, und wenn, dann unter erschwerten Umständen, während quasi an jedem Fernsehabend eine jüngere "Tatort"-Folge und eine der vielen Degeto-Produktionen wiederholt werden?

Natürlich finden sich Gegenbeispiele. "Serienklassiker für den Osten haben nach wie vor eine sehr gute Publikumsresonanz", sagt Tomschke. "Schwänke" des Deutschen Fernsehfunks DFF wie "Neues über'n Gartenzaun" und "Aber Vati!" zeigt der MDR am Vormittag, "Polizeiruf 110"-Krimis, auch vor 1989 gedreht, manchmal sogar schwarz-weiß, im Abendprogramm. Der Bezug zu den Zuschauern in der Region muss gegeben sein. Um 20.15 Uhr laufen "Olsenbande"-Filme. Da handelt es sich zwar um eine dänische Produktion, die deutsche DEFA-Synchronisation trug allerdings, ähnlich wie bei den italienischen Bud-Spencer-Filmen im Westen, wesentlich zum Erfolg bei. Auch DEFA-Kinoklassiker wie "Die Legende von Paul und Paula" von 1973 werden vergleichsweise oft ausgestrahlt, häufiger jedenfalls als ambitionierte BRD-Filme derselben Zeit in westdeutschen Dritten. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass DDR-Klassiker zur ersten Prime Time weniger gut funktionieren, wohl aber ab 22 Uhr", sagt Angela Tomschke.

Im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks bildet "Die Familie Hesselbach" den Bezug zu den Zuschauern in der Region. Der RBB zeigte in diesem Sommer restaurierte "Tatort Classics" etwa mit Paul Esser als Kommissar Kasulke von 1972 (epd 25/17).

"Ob Zuschauer eine Sendung mehr oder weniger mögen, hängt nicht vom Produktionsjahr ab", heißt es aus der Fernsehdirektion des Bayerischen Rundfunks, die zahlreiche jahrzehntealte Titel nennt: Der Kinofilm "Don Camillo und Peppone" von 1952 erreichte an einem Samstag im November um 20.15 Uhr 8,6 Prozent Marktanteil. Die Serie "Die Hausmeisterin" mit Veronika Fitz und Helmut Fischer von 1987 lief im Sommer abends, im Weihnachtsprogramm wird wieder Helmut Dietls "Kir Royal" zu sehen sein. Und mit dem Präfix "Kult-" versehene Klassiker wie die "Sissi"-Filme und "Dinner for one" zu Silvester laufen im Laufe der Jahre oft sogar noch besser.

Der BR kündigte Anfang Oktober ein ambitioniertes Großprojekt zur "Filmsicherung" von "Programmschätzen erster Güte" an. In den kommenden zehn Jahren will er trotz allen Spardrucks rund 550.000 Archiv-Beiträge systematisch restaurieren und digitalisieren. Diese Bestandssicherung gilt allein dem Material Film, eine vergleichbare Aktion zur Sicherung von etwa 250.000 MAZ-Bändern läuft bereits, erklärt Rainer Tief, Leiter der Hauptabteilung Archive, Dokumentation und Recherche. Die Beiträge würden in drei Kategorien eingeteilt: eine Premium-Kategorie für aufwendige Eigenproduktionen, bei denen das Original weiterhin aufbewahrt wird, die "normale" Kategorie und inhaltlich verzichtbare Beiträge.

Schneidetische von E-Bay

Hauptproblem ist nach Angaben von Tief das Essigsäuresyndrom, das auch mit früher "leider suboptimaler" Lagerung zusammenhänge, mit falschen Temperaturen statt der idealen 4 Grad Celsius bei durchgehend gleicher Luftfeuchtigkeit sowie mit Wasserschäden. Wenn Filmdosen geöffnet werden, gebe es immer wieder Überraschungen, erzählt Tief. Zwar hätten auch frühere Archivare gewusst, was Programmwert besaß, und Eigenproduktionen wie "Gärtnerin aus Liebe" von 1950 aufbewahrt, manchmal aber zur Wiederverwendung bestimmte Ausschnitte aus den originalen Filmrollen rausgeschnitten und dann anderswo verwendet und gelagert.

Daher erfordert das Großprojekt viel Handarbeit, zum Beispiel das Herrichten zum Abtasten, das Erneuern von Klebestellen und natürlich die neue Dokumentation der alten Beiträge, die im jpeg2000-Format gespeichert werden und per Datenbank auf Stichworte schnell abrufbar sein sollen. Zur Vorbereitung hat der BR präventiv für die nächsten zehn Jahre bei E-Bay Film-Schneidetische angekauft, weil im Sender nur noch wenige voll funktionsfähige vorhanden waren, und in der Mediengestalter-Ausbildung längst Digitaltechnik gelehrt wird.

Zusammenschnitte, was in Talkshows schon alles passiert ist, wurden nach den spektakulären Talkshow-Abgängen Wolfgang Bosbachs und Alice Weidels im Wahlkampf 2017 allein auf Facebook mehr als 1,25 Millionen Mal geklickt. Rund 17 Millionen Abrufe konnten Gifs verzeichnen, die aus alten Oktoberfest-Bildern generiert waren. Im kommenden Jahr, mit dem bayerischen Doppeljubiläum 200 Jahre Verfassung, 100 Jahre Freistaat und Demokratie, werden ausgewählte Schulen Zugang zum Archiv bekommen und Beiträge mit lokalen Themen erstellen, die auf einer interaktiven Bayernkarte verortet werden.

Das Projekt zielt also vor allem auf Online-Einsatz und betrifft besonders den nichtfiktionalen Bereich, der auch den Großteil des Archivbestands des BR ausmacht. Fiktionale Web-only-Angebote in den Mediatheken seien eher unwahrscheinlich, glaubt Rainer Tief, schon wegen des Telemedien-Auftrags. Es sei aber wahrscheinlich, dass die restaurierten Produktionen im Laufe der Jahre noch mal gesendet werden. "Unser erklärtes Ziel seit 2012 ist: möglichst viel Archivmaterial in die aktuellen Programme zu bringen", sagt er. Die Mitarbeiter besuchten Redaktionskonferenzen und böten den Programm-Abteilungen Inhalte an, "auch für nichtlineare Nutzung im Internet", um die Programmqualität des BR zum tagesaktuellen Geschehen zu unterstützen.

Die Mediathek Fernsehen

Die Idee eines "Gedächtnisarchivs" für das deutsche Nachkriegsfernsehen hatte einst der 1992 verstorbene Regisseur und Autor Eberhard Fechner. In der "Mediathek Fernsehen" der Deutschen Kinemathek im Berliner Museum für Film und Fernsehen ist sie verwirklicht. In der kuratierten Sammlung sind im November 2017 genau 9093 Titel in Form von mp4-Files vorhanden und allen Besuchern zugänglich. "Vollständiges Sammeln ergibt keinen Sinn", sagt Klaudia Wick, die die "Sammlung Fernsehen" des Museums seit 2015 leitet und das ursprüngliche Sammelprinzip sogenannter "Fernsehgrößen", deren Schaffen möglichst vollständig zusammengestellt wird, um "Fernsehformen" wie die der Liveshow ergänzte.

"Bei der Entwicklung des Fernsehens scheint der Zunahme an technischer Qualität - größerer Bildschirm, Farbe, HD - eine Verarmung der Erzählsprache gegenüberzustehen: Die Sendungen sind immer formatierter, berechenbarer, ähnlicher", benennt Wick eine Erfahrung. Dass altes Fernsehen, fiktionales wie nichtfiktionales, oft interessanter als das der Gegenwart ist, lässt sich auf bequemen halbkreisförmigen Sofas mit Kopfhörern gut nachvollziehen.

Die älteste lange Sendung der Mediathek ist "Die Gewehre der Frau Carrar" des Berliner Ensembles mit Helene Weigel von 1953, die erste deutschsprachige Fernsehinszenierung eines Werks von Bertolt Brecht, der damals noch lebte. Die älteste Fernseh-Produktion ist die "Hesselbach"-Episode "Die Festaufführung" aus dem Jahr davor, die auch Nicht-Hessen aufschlussreiche Einblicke ins Leben der 50er Jahre gewährt und außerdem lustig ist. Diese Mediathek fächert schnell und gut Fernseh-Geschichtsbewusstsein auf. Leider ist sie stationär, bloß am Potsdamer Platz in Berlin während der Öffnungszeiten benutzbar.

Großes Geschichtsbewusstsein herrscht auch bei der Studio Hamburg Enterprises GmbH (SHE). Schließlich hat die NDR-Enkelfirma bereits über 100 "Große Geschichten"-Editionen aus deutschen Fernseharchiven auf DVD veröffentlicht. Der DDR-"Luther" von 1983 erschien als Nr. 41 in dieser Reihe, der im selben Jubiläumsjahr im Westen von Rainer Wolffhardt inszenierte "Luther"-Film mit Lambert Hamel in der Titelrolle (und Dieter Pfaff als Papst) als Nr. 63. Als bislang jüngste der inzwischen nicht mehr durchnummerierten "Großen Geschichten" erschien im Juni "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst", die laut Pressetext "legendäre Verfilmung des Fallada-Klassikers mit Theater-Ikone Klaus Kammer". Produziert hat sie der WDR anno 1962.

Die besten Krimis der 60er und 70er Jahre

Auch wenn das Veröffentlichungs-Tempo abnimmt, wird es nicht die letzte "Große Geschichte" sein, sagt Thore Vollert, Director of Marketing & Acquisitions bei SHE. Von der Krimi-Edition "Straßenfeger" wird es dagegen nach rund 50 Ausgaben keine weitere geben, "da wir dem selbst gesteckten Qualitätsanspruch der ,besten Krimis der 60er und 70er Jahre' nicht weiter hätten gerecht werden können". Die Marke, deren Repertoire weiterhin erfolgreich verkauft wird, wäre sonst verwässert worden. "Die Programmschätze der Rundfunk-Archive sind leider endlich", sagt Vollert.

Das Medium DVD hat seinen Höhepunkt überschritten, seit Netflix, das in seiner ursprünglichen Form DVDs per Post versendet hatte, der Durchbruch als Video-on-Demand-Anbieter gelang. Doch der deutsche Video-Markt sei ein "sehr klassischer, physischer Kaufmarkt", erklärt Vollert. Nicht zuletzt hänge der anhaltende Erfolg von DVDs auch mit der hierzulande noch längst nicht überall guten Versorgung mit schnellem Internet zusammen, die vielerorts das Streamen erschwert. SHE verkauft von aufwendigen Editionen alter Produktionen mitunter mehrere 1.000 Stück und hat zurzeit mehr als 1.000 Titel im Angebot. Zu den Top-Titeln gehört mit über 30.000 verkauften Einheiten "Sachsens Glanz und Preußens Gloria", ein sehenswerter Mehrteiler aus den 1980er Jahren, der zeigt, wie die DDR kurz vor ihrem Ende begann, aufwendig deutsche Geschichte zu verfilmen.

Als 100-prozentige NDR-Tochter hat SHE den Auftrag, wirtschaftlich zu arbeiten und durch Gewinne die Beitragszahler zu entlasten. Um die Videorechte muss sie daher auch bei öffentlich-rechtlichen Auftragsproduktionen marktkonform mitbieten. Für Kunden betreibt SHE Onlineshops, bei denen Fernsehzuschauer besonders nach Einblendungen im laufenden Programm gerne anrufen. Da sind die Margen und Freiheiten größer als bei Vertriebskanälen wie Amazon oder Media Markt.

Zum SHE-Team gehören zurzeit drei Vollzeit- und drei Teilzeitjuristen. Ihre wichtigste Aufgabe ist die Rechteklärung. Schwierige bis unlösbare Rechtefragen können die Veröffentlichung oder Ausstrahlung alter Produktionen erschweren oder sogar verhindern. Das liegt an den vielen neuen Nutzungsarten, die im vergangenen halben Jahrhundert entstanden sind, also zum Produktionszeitpunkt oft noch unbekannt waren und daher nicht geklärt wurden.

Wer hat welche Rechte?

In den 1960er Jahren sei noch nicht an die Wiederholung von TV-Produktionen gedacht worden, geschweige denn an eine Zweitauswertung auf Speichermedien, sagt Vollert. Daher seien selten vertragliche Regelungen dafür getroffen worden. Erst das Aufkommen des Geschäftsbereichs "Heimkino" auf Videokassetten habe zu Buyout-Verträgen und entsprechender Rechteklärung geführt.

Dazu beigetragen habe auch das Aufkommen des Privatfernsehens in Deutschland, sagt Klaudia Wick. Die Klärung von Rechten Dritter bildet auch für ihre Arbeit einen "nicht zu unterschätzenden Faktor". Wenn es nicht gelingt, die Autorenrechte an einer Kurzgeschichte zu klären, auf der eine Episode eines Grit-Boettcher-Specials beruht, kann diese Sendung nicht oder nicht vollständig in der Sammlung gezeigt werden.

Ein gern genanntes Beispiel für klärungsbedürftige Rechte Dritter sind die Radioreportagen von Herbert Zimmermann, wenn sie in fiktionalen Filmen oder Dokumentationen eingesetzt werden ("aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen..."). Auch "zeitgeistige Musik" sei ein Problem bei späteren Videoveröffentlichungen, weiß Vollert, den schon seine Frisur als Rock'n'Roller ausweist. Es sei unmöglich, die US-amerikanische Serie "Happy Days" aus den 1970er Jahren umfänglich zu veröffentlichen, weil sie "randvoll mit Rock'n'Roll-Hits" war, für die Nutzungsrechte nun teuer einzeln erworben werden müssten. Bei deutschen Produktionen habe SHE aber bei allem, "was uns am Herzen liegt", die Rechte klären können. Besonders stolz ist Vollert auf die 24 DVDs und 3841 Minuten umfassende "Beatbox"-Edition, die zum 50. Geburtstag von Radio Bremens "Beat Club" 2015 erschienen ist.

Das Urheberrechtsgesetz regelt - vereinfacht gesagt - erst seit 2008 den Umgang mit "unbekannten Nutzungsarten": Nachdem das "Videogrammrecht" für Videokassetten 1978 und das Internetabrufrecht 1995 definiert wurden, klärte der "Zweite Korb" der Urheberrechtsreform, dass für zwischen 1966 und 2008 geschlossene Altverträge Nutzungsrechte für in der Zwischenzeit hinzugekommene Nutzungsarten über ein vereinfachtes Verfahren nachträglich erworben werden können. Dieses Verfahren wandte der BR etwa bei der Serie "Monaco Franze" von 1983 an. Für Produktionen, die vor 1966 hergestellt wurden, bleibt es kompliziert. Noch komplizierter gestalten unterschiedliche Produktionsarten die Sache: Die meisten Rechte halten die Sender an Eigenproduktionen, bei Auftrags- und Koproduktion werden es weniger, so lautet eine Faustregel. Doch immer gibt es Einzelfälle und individuelle Verträge. Bei Produktionen, die nach 2008 entstanden, sieht es einfacher aus. Dies könnte erklären, warum so vieles, was in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern derzeit läuft, höchstens zehn Jahre alt ist.

Ungewohnte Längen

Was die Ausstrahlung alter TV-Produktionen auch erschwert, sind die für das zeitlich streng getaktete Fernsehprogramm der Gegenwart ungewohnten Längen: früher dauerten fiktionale Formate nicht immer 44 oder 88 Minuten. Auch das Ausstrahlungsformat spielt eine Rolle: "Wenn eine 4:3-Sendung aufgezogen wird, fehlt ein Drittel des Bildes, und oft geht die Filmsprache verloren", sagt Klaudia Wick. Für sie als Kuratorin ist Filmsprache wichtig, für die Programmplaner der Sender dagegen gilt es, schwarze Streifen am Bildrand zu vermeiden, die Zuschauer mit neuen, großen Flatscreens zum Umschalten verleiten könnten.

Aus heutiger Sicht wurden bei früheren Restaurierungsbemühungen Fehler begangen. Wurde etwa beim Umkopieren das analoge Zeilensprungverfahren nicht ausgeglichen, sind solche Fehler nun für immer auf dem neuen Datenträger eingebrannt, berichtet Wick. Bei auf DVD veröffentlichten DDR-Produktionen habe es wiederum Beschwerden über "zu gute Restaurierung" gegeben, erzählt Thore Vollert. Zuschauer hätten beklagt, dass die Grobkörnigkeit der Originalsendungen zu stark korrigiert wurde. Video-On-Demand-Anbieter wie Netflix und Amazon wiederum führen "automatische Quality Checks" durch, anhand derer sie zu schlecht restaurierte Produktionen ablehnen.

Tatsächlich sei Film, sofern er vernünftig gelagert wird, immer noch das "dankbarste Trägermaterial", sagt Rainer Tief. Digitaltechnik tue sich schwer, sämtliche Bild-Qualitätsreserven wiederzugeben. Frühe Digitalisate seien für SD-Fernseher (Standard Definition) ausreichend gewesen, Bildschirme im HD-Format, die sich in Deutschland ab 2005 durchsetzten, zeigen die Mankos so, dass die Originale neu digitalisiert werden müssten. "Die Zunahme an Schärfe führt dazu, dass schon bei einem SD-Film das Gefühl aufkommt, der Film sei alt", sagt Klaudia Wick.

Und doch funktioniert altes Fernsehen in vielen Zusammenhängen. So erschien Anfang Dezember im renommierten schweizerischen Blog "Geschichte der Gegenwart" ein langer Text über den Fernsehfilm "Mord in Frankfurt", produziert 1968 vom WDR. 2012 wurde der Film auf DVD wiederveröffentlicht. Der mit 77 Minuten Dauer für 90-Minuten-Slots zu kurze Schwarz-Weiß-Film des Regisseurs und Autors Rolf Hädrich sei "ein ausgesprochen kluger Film, der in die Bundesrepublik der späten 1960er Jahre intervenieren, die Deutschen in ihrer Missachtung der eigenen Geschichte wachrütteln wollte und zugleich die Paradoxien und Schwierigkeiten dieses Ansinnens verhandeln konnte", schreiben die Historiker Hanne Leßau und Janosch Steuwer in dem Blog: "Auch noch fünfzig Jahre nach seiner Entstehung lässt sich an ihm entdecken, zu welch außergewöhnlichen klugen und erzählerisch anspruchsvollen Filmen das Fernsehen schon vor dem neuen Zeitalter der modernen Serienunterhaltung fähig war."

Germany's Gold

Der Film kann in der Mediathek Fernsehen des Berliner Filmmuseums gesehen werden. Er entwickelt tatsächlich, unterstützt von Peter Thomas' Filmmusik, eine Sogwirkung. Zwei junge Frauen fallen in diesem Film, dessen Handlungsstränge nur leicht verknüpft sind, auf: Eine spricht über ein Theaterstück, dessen Proben sie mitansieht, weil ihr Freund mitspielt. Gelangweilt nennt sie es "Wiedergutmachungsschnulze" und ärgert sich über den "erhobenen Zeigefinger" - es handelt sich um Peter Weiss' "Die Ermittlung". Eine andere fragt sich und ihren Begleiter, warum erst jetzt in Deutschland Prozesse gegen Täter des Holocaust geführt werden, und spricht von Schuldgefühlen. Aus der Perspektive dieses Begleiters, eines nur kurz in Frankfurt weilenden Polen, der als Zeuge zu einem der Auschwitz-Prozesse anreiste, relativiert sich schließlich alles andere - auch der titelgebende Mord, dem ein Taxifahrer zum Opfer fiel, dessen Kollegen daraufhin per Autokorso für die Todesstrafe demonstrieren.

Kurzum: Der so kluge wie beiläufig elegante Film bietet eine Menge Anknüpfungspunkte an die unmittelbare Gegenwart. Schade, dass so ein Film, der keine noch heute bekannten Schauspieler aufbietet, im laufenden Fernsehprogramm nicht auftaucht und auf den vorgesehenen Sendeplätzen kaum auftauchen kann.

Bekanntlich gab es einmal eine von ARD und ZDF gemeinsam verfolgte Idee, mit solchen Produktionen anders umzugehen. Sie trug den befremdlichen Namen "Germany's Gold", das geplante Streamingportal wurde jedoch aufgegeben, als das Bundeskartellamt es 2013 in grotesker Fehleinschätzung der digitalen Medienentwicklung untersagte.

"In der Tat bedauern wir, dass sich 'Germany's Gold' aufgrund kartellrechtlicher Bestimmungen nicht realisieren ließ", sagt dazu heute Roland Scheble, Leiter der Hauptabteilung "Strategie und Innovationsmanagement" beim BR. "Wir wissen, dass viele Zuschauer großes Interesse an einem Zugang zu den Produktionen von ARD und ZDF aus der Vergangenheit haben, die wir aus rechtlichen Gründen nicht mehr in der Mediathek anbieten können. Die Plattform hätte diesen Zugang ermöglicht. Sie wäre auch offen für Produzenten gewesen, hätte also für das Filmschaffen und die Zuschauer in Deutschland einen wertvollen Mehrwert geboten. Ein Modell, das uns ermöglicht unsere Programmschätze, die jetzt zu Unrecht in unseren Archiven schlummern, für unsere Zuschauer möglichst einfach zugänglich zu machen, wäre daher erstrebenswert", betont Scheble. Doch die aktuelle Rechtslage, an der sich das Kartellamt orientierte, stehe dem derzeit entgegen.

Außer Konkurrenz

Der administrative Aufwand sei nicht zu unterschätzen, glaubt Thore Vollert und verweist auf Erfahrungen deutscher Anbieter wie Maxdome, das zu ProSiebenSat.1 gehört, und Watchever, ein zeitweise stark beworbenes, dann eingestelltes Portal des französischen Vivendi-Konzerns. Dass die US-amerikanischen Anbieter Netflix, Amazon und auf andere Weise Youtube seit 2013 noch erheblich dominanter geworden sind, ist offensichtlich. Und dass für ARD und ZDF 2018 anderes weiter oben auf der Agenda steht, vor allem die ähnlich umstrittene wie gestrige Frage der "Presseähnlichkeit", ist bekannt.

Das gilt auch für die Idee, einen der 18 öffentlich-rechtlichen Kanäle dafür zu nutzen, die derzeit nur selten oder überhaupt nicht zu sehenden "Programmschätze" und "Porgrammperlen" zu zeigen. "Alle bestehenden öffentlich-rechtlichen Sender sind an klare Programmprofile gekoppelt, ihr Auftrag ist im Rundfunkstaatsvertrag definiert", lässt die Fernsehdirektion des BR dazu ausrichten. Der Gedanke sei "eher theoretischer Natur".

Dabei wäre so ein Kanal in einer Zeit, in der im Internet alle Mediengattungen zusammenwachsen und umso heftigere Konkurrenz zwischen beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Medien entsteht, geradezu ideal - weil er außer Konkurrenz liefe. Um alte Inhalte scheren sich schließlich weder private Fernsehsender noch Verlage. Und die DVD-Anbieter würden es sogar begrüßen: Aus Marketingsicht würde sich Vollert freuen, wenn seine "Großen Geschichten" und "Straßenfeger" öfter und prominenter im Fernsehen auftauchen würden. Die Fernsehrechte zu klären, dürfte kein großes Problem mehr darstellen, nachdem Studio Hamburg die Rechtelage geklärt hat, oft liegen die Rechte auch bei den Sendern selbst.

Der einzige Konkurrent, der unter so einem Sender leiden würde, freilich weit unterhalb seiner global täglich Milliarden Aufrufe messenden Wahrnehmungsgrenze, wäre Youtube. Wer sich derzeit Fernsehklassiker integral ansehen möchte - zum Beispiel den Mehrteiler "Ein Kapitel für sich" von Eberhard Fechner - wird oft dort fündig. Dass solche Produktionen im Zweifel nach einiger Zeit verschwinden, da Rechtefragen nicht geklärt sind, versteht sich. Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der für die Gegenwart aufbereitet, was die Anstalten schon seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Formen leisten, dazu beitragen würde, ihr angekratztes Image aufzupolieren, verstünde sich erst recht. Derzeit verschenken die ARD-Anstalten und das ZDF viel Potenzial, das in ihren Archiven liegt und mit erheblichem Aufwand gepflegt wird.

Historische Einbettung

Aufgabe und Ziel seiner Abteilung sei, "dass man sich daran erinnert", sagt BR-Archivchef Tief. "Etwas, das in der Gegenwart weniger wichtig erscheint, kann in der Zukunft durchaus wieder wichtig werden, und sollte dann verfügbar sein."

Einiges, um aufs DDR-Fernsehen zurückzukommen, schreit beinahe nach einem klug gestalteten Programmierung. So wurde die Fernsehserie "Das unsichtbare Visier", die Antwort des Deutschen Fernsehfunks auf "James Bond" mit Armin Mueller-Stahl als Hauptdarsteller seit 1989 nur einmal ausgestrahlt: 2009 im RBB-Fernsehen. Beim MDR ist man weit entfernt davon, die Serie als "Programmperle" zu betrachten, schließlich entstand sie in den 1970ern mit maßgeblicher Beteiligung des Ministeriums für Staatssicherheit.

Studio Hamburg Enterprises beauftragt bei solchen "ideologisch eingefärbten" Produktionen Historiker oder Filmjournalisten, "Begleit-Booklets" zu erstellen. Wäre es nicht spannend, solche Filme im Fernsehen durch passende Dokumentationen einzurahmen? Nicht bloß, weil Mueller-Stahl seine Hollywood-Karriere 1987 in der Miniserie "Amerika" in der Rolle des sowjetischen Oberbefehlshabers in den besetzten USA begann. Sondern auch, weil andererseits viele jüngere Dokumentationen zeigen, dass das, was "Das unsichtbare Visier" einst andeutete - dass in der frühen BRD an vielen Schaltstellen alte Nazis saßen - in der Sache trotz allem nicht falsch war.

Dass ARD- und ZDF-Dokumentationen vergangener Jahrzehnte mindestens ähnlich interessant sind wie heutige und zum Beispiel mit weniger oder ganz ohne Reenactments auskamen, lässt sich zurzeit allein auf Youtube beobachten. Ein Sender, der konsequent zeigt, dass es unterschiedliche und wechselnde Fernseh-Erzählformen und -Moden gibt, wäre auch aus diesem Grund nicht nur schön, sondern auch eine Fundgrube für Fernsehkritiker und Fernsehhistoriker. Das Rezept für den Klassikersender könnte so lauten wie beim Radio: ein Sender für das Beste der 1960er, 70er, 80er und 90er Jahre.

Aus epd medien Nr. 51/52 vom 22. Dezember 2017

Christian Bartels