Interview
"Das Besondere wird nicht gewollt"
Ein epd-Interview mit dem Dokumentarfilmer Klaus Stern
Frankfurt a.M. (epd). Der Film "Versicherungsvertreter" des Dokumentarfilmers Klaus Stern wird von der ARD für den Internationalen Wettbewerb Prix Italia eingereicht, der im September in Turin stattfindet. Ähnlich wie in seinem Film "Weltmarktführer" über den New-Economy-Unternehmer Tan Siekmann von 2005 beschreibt Stern auch in "Versicherungsvertreter" (Wiederholung am 25. Mai um 22.30 Uhr bei Phoenix) nicht nur ein einzelnes Unternehmen, sondern zeigt Strukturen im Wirtschaftssystem auf. Stern (44) studierte in Kassel Politik und realisiert seit 2000 regelmäßig Dokumentarfilme zu wirtschaftlichen und politischen Themen. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Diemut Roether sprach mit dem Dokumentarfilmer über Filme ohne Off-Kommentar und die Vorteile, sein eigener Produzent zu sein.

epd: Sie porträtieren in Ihrem Film "Versicherungsvertreter" Mehmet Göker, den Gründer des Kasseler Vertriebs-Unternehmens MEG, das private Krankenversicherungen verkaufte. Sie zeigen in dem Film, dass es die Verkäufer nicht interessiert, ob die Versicherungen, die sie den Menschen verkaufen, auch wirklich zu ihnen passen. Als ich den Film sah, hatte ich das Gefühl, Sie erzählen hier nicht nur die Geschichte eines Unternehmers, sondern Sie erzählen eine Parabel über das Wirtschaftssystem an sich.

Klaus Stern: Ich hatte einen Zettel, auf dem stand, dass man den Film auch "Verkaufen" nennen könnte. Es ist immer das Beste, wenn es gelingt, mit einer kleinen Geschichte im Film Pars pro Toto etwas über das Ganze zu erzählen. Natürlich ist Herr Göker auf eine gewisse Weise durchgeknallt, aber er kann nur verrückt sein, weil ihm die Mittel dazu in die Hand gegeben werden und weil große deutsche Versicherungskonzerne wie die Allianz, die Alte Leipziger und die Axa mit ihm Geschäfte machten, obwohl jeder wusste, wie das Geschäft funktioniert. Sie fanden das aber großartig, dass immer neue Wachstumszahlen präsentiert wurden: noch mal eine Steigerung um 30 oder 70 Prozent. Sie waren besoffen von den Zahlen. Und da das Geschäft mit privaten Krankenversicherungen damals stagnierte, warfen sie mit immer höheren Provisionen um sich. Ein Beispiel: Kostete ein Krankenversicherung pro Monat 500 Euro Beitrag wurde bis zu dem 21 fachen an Provision an den Vermittler überwiesen. Für den Abschluss eines Vertrages wurden also 10.500 Euro dem Vermittler gegeben. Wahnsinn!

Wie wurden Sie damals auf Mehmet Göker aufmerksam?

Stern: Ich hatte zuvor schon zwei lange Dokumentarfilme in Nordhessen gedreht. Ich glaube, man kann einen guten Dokumentarfilm nur machen, wenn man eng an den Protagonisten dran ist und eine räumliche Nähe hat. Sie lange beobachtet und mit vielen Leuten spricht, die etwas mit ihnen zu tun haben. Ein Freund von mir, der in einem Kino arbeitete, machte mich 2006 auf Herrn Göker aufmerksam, weil Göker damals im Sommer eine seiner Preisverleihungen im diesem Kino abgehalten hat. Das Ganze glich einem "Hexensabbat". Er rief mich an und sagte: "Ich glaube, ich habe den nächsten Film für dich."

Mit "Hexensabbat" meinen Sie die Veranstaltungen, in denen Göker die Verkäufer auszeichnete, die die meisten Verträge verkauft hatten?

Stern: Das Wort "Hexensabbat" fiel im Umfeld eines Gerichtsprozesses im Mai 2012. Die Alte Leipziger Versicherung wollte im Film nicht auftauchen und wollte das gerichtlich durchsetzen. Die Richterin nannte Göker einen "paradiesvogelähnlichen Herrn".

Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Stern: 2006 habe ich angefangen, die erste Vorführung war im Oktober 2011 beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig.

War es schwer, Mehmet Göker für den Film zu gewinnen?

Stern: Sehr schwer. Er kannte "Weltmarktführer", meinen Film über Tan Siekmann und "Henners Traum"...

Hatte er sich die Filme angeschaut?

Stern: Denke nicht, dafür hat er keine Zeit. Das haben ihm andere zugeflüstert. Göker guckt eher "Der Pate", das ist sein Thema. Es hat sehr lange gedauert. Ich habe ihm gesagt, dass ich seinen Aufstieg porträtiere, dass ich ohne Off-Kommentar arbeite und beide Seiten zu Wort kommen lasse. Er war in Kassel bekannt mit seiner Ferrari-Flotte und hat auf dicke Hose gemacht. Er hat das System ja nicht erfunden, er hat das genauso gemacht wie andere Vertriebe, wie Maschmeyer oder Bernie Cornfeld in den 70er Jahren. Die haben alle mit solchen Strategien gearbeitet: wie Leute getriezt werden, wie sie hochgehoben und belohnt werden.

Wie lange hat es gedauert, bis er zusagte?

Stern: Fast vier Jahre. Erst als die Firma im Niedergang begriffen war, hat er zugesagt. Es gab Freunde, die Angst um mich hatten, dass ich mit gebrochenen Beinen aus dem fahrenden Ferrari rausgeworfen werde... Aber ich muss sagen, ich habe von Herrn Göker nie blöde Anrufe bekommen, ich wurde nie bedroht. Im Gegenteil: Er ist ein großer Fan des Films und hat mit "Mehmet Göker - Der Film" gar eine eigene Facebookseite für ihn eingerichtet.

Er hat dann also auch wirklich mitgemacht. War damals, als sie anfingen zu drehen schon absehbar, dass die Firma bereits im Niedergang war?

Stern: Ja, das war schon ersichtlich. Ein paar glückliche Zufälle kamen dazu, dass ich gutes Material zusammenbekam. Es ist immer nützlich, wenn die Protagonisten ihre Heldentaten selbst dokumentieren.

Sie sagen, man braucht Nähe zu seinen Protagonisten. Ist zu viel Nähe nicht auch eine Gefahr?

Stern: Ich glaube, man muss seine Protagonisten lieben. Nicht im pathetischen Sinn, aber wenn man sich nur an dem Protagonisten abarbeiten möchte, wird das kein guter Film. Ob er nun "nur" ein Hallodri ist oder "a Hund is a scho", wie man in Bayern sagt oder ein Krimineller, das muss der Zuschauer selbst entscheiden. Ich versuche, die Sachen auf einem Tablett zu präsentieren, damit der Zuschauer sich das aussuchen kann.

Sie verzichten in Ihren Filmen auf Off-Kommentare, es gibt also keine Einordnung für den Zuschauer, wie er das zu interpretieren hat. Es gibt eine Einordnung durch andere Protagonisten, in Ihrem Film ist das zum Beispiel ein Staatsanwalt, der wegen Steuerhinterziehung gegen Herrn Göker ermittelt. Es kommen auch einige ehemalige Mitarbeiter zu Wort, die das ganze System im Nachhinein sehr kritisch beurteilen. Bei den Redakteuren der öffentlich-rechtlichen Sender gelten Filme ohne Off-Kommentar als "Quotengift". Ist es schwer, solche Filme bei den Redaktionen durchzukriegen?

Stern: Eigentlich unmöglich. Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel beim Kleinen Fernsehspiel, besonders bei Christian Cloos, da ist es gewollt. Aber da kann man maximal drei Filme machen als Anfänger, das ist auch richtig so. Bei ARD-Sendern ist es schwierig. Bei "Baader" musste ich ein bisschen Off-Kommentar reinschreiben. Auch bei "Versicherungsvertreter" war meine Redakteurin anfangs nicht besonders glücklich damit, dass es keinen Off-Kommentar gibt. Sie war vor allem bei der 45-Minuten-Fassung der Meinung, dass man das einordnen müsse und den Zuschauer an die Hand nehmen müsse. Später fand sie das Resultat doch ganz ansehnlich.

Dass Sie Ihre Filme so machen, hat dann zur Folge, dass sie eher nach 23 Uhr gezeigt werden und keine Chance haben auf einen Sendeplatz um 20.15 Uhr.

Stern: So einen Sendeplatz gibt es in der ARD sowieso nicht für den Dokumentarfilm. "Versicherungsvertreter" lief im WDR auf dem "Menschen hautnah"-Sendeplatz und hatte neun Prozent Marktanteil. Das war das zweitbeste Ergebnis für "Menschen hautnah" im ganzen Jahr und die Redaktion war sehr begeistert. Auch mein Film "Spielerberater", der vergangenes Jahr im Juni in der ARD lief, hatte um 0.15 Uhr eine Million Zuschauer und 14,2 Prozent Marktanteil.

Das spricht dafür, öfter mal Filme ohne Off-Kommentar einzusetzen. Sie machen seit 1999 Dokumentarfilme. Hat sich die Zusammenarbeit mit den Redaktionen und Sendern in dieser Zeit für Sie sehr verändert?

Stern: Die Zusammenarbeit wurde erst einmal besser. Meine ersten beiden Filme waren über die Lorenz-Entführung, dann habe ich einen Film über einen Elternmord in Nordhessen gemacht, der hieß "Unschuldig - Schuldig?". 2003 hatte ich schon einmal einen Film über Andreas Baader gemacht, da bin ich bei der Abnahme vier oder fünf Mal durchgefallen, das war sehr hart. Es hieß, der Film sei qualitativ minderwertig. Man hat mir damals beim NDR gesagt, wenn ich den Film nicht so mache wie der Sender will, werde der Film nicht abgenommen. Einige Monate später hat dieser "schlechte Film" den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. 2009 kam ich mit einer anderen NDR-Redakteurin, Barbara Denz, ins Gespräch, der ich eine Neubearbeitung anbot, weil ich neues Material hatte und in der Zwischenzeit auch ein Buch über Baader geschrieben hatte. Zudem hatte ich Liebesbriefe von Andreas Baader an seine damalige Freundin Ello Michel gekauft.

Die ehemalige Freundin von Baader, Ello Michel, trägt diesen Film als Protagonistin. Wie haben Sie sie gefunden?

Stern: Sie mochte mich und meine Arbeit, deswegen hat sie mir die Briefe überlassen. Ich wusste auch lange nicht, dass sie noch lebt. Sie hat nie etwas erzählt. Sie hat Horden von "Spiegel"-Leuten abgewiesen. Ich bin auch schon mal bei ihr abgeblitzt, aber irgendwann hat mir jemand die Begegnung vermittelt und dann ging die Tür auf. In meinem Film hat sie zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder darüber gesprochen. Ich habe sie dann bis zu ihrem Tod immer wieder besucht.

Vertrauen ist also eine wichtige Basis für Ihre Arbeit.

Stern: Ich will keine verbrannte Erde hinterlassen. Ich versuche, verantwortungsvoll mit den Protagonisten umzugehen. Durch einen Off-Kommentar wird die Rezeption stärker gelenkt. Ich mache keine objektiven Filme, aber durch meine Arbeit erhält das, was der Protagonist sagt, mehr Gewicht, er hat dadurch mehr Chancen gehört zu werden.

Was reizt Sie an solchen Typen, die immer das ganz große Rad drehen wollen - wie Mehmet Göker oder der Filmproduzent Werner Koenig, über den Sie den Film "Lawine" gemacht haben?

Stern: Man könnte jetzt fragen, was hat das mit Ihnen zu tun, Herr Stern? Das ist natürlich ein toller Filmstoff, besser geht es nicht. Ich hatte auch schon mal mit Uli Hoeneß Kontakt, weil ich etwas über Oliver Kahn machen wollte. Was für eine Fallhöhe steckt in dieser Geschichte, was für eine Dialektik! Dieser Hoeneß, der sich stets mit viel Aufwand als selbstloser Menschenfreund präsentiert - der er sicherlich auch sein kann. Der kürzlich im "Spiegel" noch als das moralische Gewissen Deutschlands gefeiert wurde, der stets beteuerte, Zocken sei eine "Riesensauerei". Dass der genau das Gleiche tut - das ist zutiefst menschlich. Ich verurteile ihn nicht dafür. Verstehe ich gut. Das sind große menschliche Tragödien, einen besseren Stoff kann man sich nicht wünschen.

Man braucht ja manchmal auch solche Typen, die etwas größenwahnsinnig sind, damit überhaupt etwas aufgebaut wird.

Stern: Typen, die lügen, die Sachen versprechen, die es nicht gibt. Das war bei Tan Siekmann in "Weltmarktführer" genauso und bei "Henners Traum". Man muss schon kreativ sein, wenn man das ganz große Rad drehen will. Und manchmal klappt es ja auch.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Stern: Ich habe noch nichts unterschrieben, erst einmal einen Gang runtergeschaltet. Ich habe vergangenes Jahr innerhalb von sechs Monaten zwei Filme fertiggestellt, eine Kinoauswertung auf die Beine gestellt und den Prozess mit der Alten Leipziger geführt. Jetzt bin ich an drei oder vier Projekten dran, aber die sind alle noch nicht spruchreif.

Die Alte Leipziger hat versucht zu verhindern, dass sie in "Versicherungsvertreter" vorkommt?

Stern: Ich hatte einen Ausschnitt aus einem Firmenvideo, in dem sich der Vertriebsvorstand der Alten Leipziger vor den Vertretern von MEG verbeugt und diesen Ausschnitt hatte das Kinomagazin des MDR gezeigt. Dagegen hat die Alte Leipziger geklagt. Sie sagten, diese Aufnahmen seien versteckt, ohne ihr Wissen, zustande gekommen und dürften nicht verwendet werden. Sie haben zunächst eine einstweilige Verfügung gegen mich erwirkt, und der WDR sagte natürlich: Du bist Auftragsproduzent, Du musst das alleine klar ziehen. Die Richterin hat sich den Film angeschaut und sagte dann im Prozess, das sei ja schon ein seltsames Geschäft und sie neige dazu, dass sich die Alte Leipziger das gefallen lassen muss. Und die Versicherung hat einen Tag vor Urteilssprechung die Einstweilige Verfügung zurückgezogen und damit den Prozess verloren. Ich konnte auch nachweisen, dass sie gesehen hatten, dass sie gefilmt wurden.

Sie sagen von sich, Sie seien kein investigativer Journalist. Aber wenn Sie solche Geschäftspraktiken zeigen, betreiben Sie ja auch Aufklärung.

Stern: Es hat mich sehr gefreut, dass ich für "Versicherungsvertreter" den Helmut Schmidt Journalistenpreis bekommen habe, einen Preis, den normalerweise Wirtschaftsjournalisten bekommen. Dass dieser Preis an einen klassischen Dokumentarfilm ohne Off-Kommentar ging, der - wie das immer so schön heißt - "keine Haltung hat". Mich haben auch Leute angesprochen, die viel über Versicherungsthemen arbeiten und mir gesagt, ihre Beiträge seien ihnen im Vorfeld schon von Anwälten und Gerichten zerschossen worden. "Versicherungsvertreter" war auch für den Deutschen Fernsehpreis und für den Hessischen Filmpreis nominiert. Das ist doch ganz schön.

Sie sind Ihr eigener Produzent und das ist Ihnen auch wichtig, weil Sie sagen, da redet Ihnen keiner in Ihre Filme rein...

Stern: Na ja, meine Cutterin Rike Anders ist mein erstes Korrektiv. Und mit den Redaktionen muss ich mich dennoch auseinandersetzen. Würde ich mich, sagen wir, von guten Firmen wie den Gebrüdern Beetz oder Broadview TV produzieren lassen, könnte ich von meiner Arbeit nicht leben. Für "Versicherungsvertreter" würde ich dann vielleicht 20.000 € bekommen. Für gut zwei Jahre volle Arbeit geht das nicht. Als Produzent entscheide ich selbst, wie ich das Geld einsetze. Wenn ich noch fünf Tage länger drehen will, muss ich nur mit mir selbst diskutieren.

Die AG DOK hat neulich in einer Studie geschrieben, dass 85 Prozent der Dokumentarfilmer nicht von den Filmen leben können, die sie machen.

Stern: Ich gehöre zu den anderen 15 Prozent. Aber es ist ein harter Verdrängungswettbewerb auf dem Markt und es gibt viele Leute, die sehr frustriert sind, weil sie bei den Sendern kein Bein auf den Boden bekommen. Sie versuchen dann, sich ihre Dokumentarfilme über Crowdfunding zu finanzieren. Ich halte Crowdfunding für völlig überschätzt. Und bei den Filmförderungen Geld einzusammeln - da kann ich noch dazulernen. Ich mache Dokumentarfilme fürs Fernsehen, meine ersten Ansprechpartner sind daher die ARD-Sender und das ZDF, die können solche Filme budgetieren. Ohne die geht gar nichts. Und die Hessische Filmförderung ist für mich ein verlässlicher Partner. Sonst könnte ich nicht davon leben. Ich bin aber kein klassischer Auftragsproduzent, sondern verwirkliche bisher nur meine eigenen Stoffideen.

Aber Sie können wahrscheinlich nicht mit nur einem Sender zusammenarbeiten. Wie hoch ist der Aufwand, den Sie betreiben müssen, um einen Film zu finanzieren?

Stern: Es ist nicht so aufwendig wie bei klassischen Kinoproduktionen. Ich muss nicht vier Monate Anträge schreiben. Bei "Versicherungsvertreter" hatte ich nur einen Sender, den WDR und "nur" 93.000 Euro Budget, aber ich habe nicht eineinhalb Jahre gebraucht, um den Film zu finanzieren. Und dennoch hat er es ins Kino geschafft. Ich gebe mich meistens mit weniger Geld zufrieden und drehe einfach. Ich mache sicherlich einen Fehler, weil ich zu preiswert bin. Wenn andere arrivierte Firmen einen Film wie "Versicherungsvertreter" machen würden, würde der das Dreifache kosten. Aber die haben auch einen größeren Apparat zu bedienen.

Sie sind der klassische Rucksackproduzent, der mit einem alten Auto unterwegs ist und seine Geschichten macht. Wie viele gibt es von Ihrer Sorte?

Stern: Vielleicht 100, die ernst zu nehmen sind. Gerd Monheim vom WDR hat mir einmal gesagt, er traue mir nicht zu, dass ich einen Film produziere. Kürzlich hat er mir gesagt, dass er sich damals geirrt habe: "Sie können das doch."

Haben Sie eine Heimatredaktion?

Stern: Am ehesten der WDR. Ohne einen Sender wie den WDR, der auch ein bisschen Geld hat, könnte ich nicht überleben. Meine Redakteurin Petra Nagel und ich haben in manchen Punkten einen unterschiedlichen Filmgeschmack, aber sie hat akzeptiert, dass ich "Versicherungsvertreter" ohne Off-Kommentar gemacht habe. Und das kam auf dem Sendeplatz um 22.45 in der ARD im letzten Jahr wahrscheinlich nicht oft vor.

Sie haben Wirtschaft und Politik studiert. Wie kamen Sie zum Fernsehen und dann zum Dokumentarfilm?

Stern: Am Anfang stand eine klassische Fehleinschätzung. Ich dachte, ich könnte moderieren und hatte mich bei "Live aus dem Schlachthof" als Praktikant beworben. Das war natürlich völliger Quatsch. Aber die Arbeit als Autor hat schnell funktioniert. Die Redaktion mochte die Art, wie ich an die Themen rangehe und auf Leute zugehe. Ich habe zuerst ein unbezahltes Praktikum gemacht und war nach einem Tag freier Mitarbeiter. Am dritten Tag bekam ich schon einen Tagessatz von damals 403 Mark. Leute, die heute an Journalistenschulen sind, kriegen wahrscheinlich Tränen in den Augen, wenn sie das hören.

Haben Sie damals bei "Live aus dem Schachthof" oder "Live aus dem Alabama", wie es später hieß, auch Werner Koenig kennengelernt, den Protagonisten Ihres Films "Lawine"?

Stern: Ja, er war in der dritten Sendung, das war im November 1994, und erzählte, wie er die Lawine überlebt hat und dass er gern so sterben möchte. Ich war mit ihm nach der Sendung auch unterwegs, habe ihn danach nie wieder gesehen und dann im November 2000 erfahren, dass er gestorben bist - in der zweiten Lawine. Die Geschichte hat dann lange in mir geköchelt. Irgendwann habe ich seinen Kumpel Michi Veith angerufen.

Das war ein Protagonist, mit dem Sie selbst nicht mehr reden konnten, aber Sie hatten das TV-Material und mussten eine andere Form der Annäherung finden...

Stern: Es gab viele, die mit ihm zu tun hatten und die beredt waren und es gab von ihm gutes Interviewmaterial, unter anderem auch eine Pilotsendung, die fünf oder sechs Wochen vor seinem Tod aufgenommen wurde und nie gesendet wurde.

Bei Filmen wie "Lawine" oder "Baader" arbeiten Sie sehr viel mit Archivmaterial.

Stern: Auch bei der Lorenz-Entführung. Ich überlege zurzeit, ob ich aus dem Thema noch einmal einen Film mache. Ich würde gern mit der Familie ins Gespräch kommen. Ich wundere mich, dass Teamworx aus diesem Stoff noch keinen Event-Zweiteiler gemacht hat. Das war eines der großen Ereignisse der Bundesrepublik Deutschland und der "größte Triumph" für die "Bewegung 2. Juni". Auch wenn es gut ausgegangen ist: Jeder weiß, was das für eine Familie bedeutet, wenn einer entführt wird.

Mit solchen Filmen über die RAF-Terroristen begeben Sie sich ja in eine deutliche Konkurrenz, da gibt es viele Dokumentarfilme, von Andres Veiel...

Stern: ... und vom großen Stefan Aust...

... vergleichen Sie sich dann mit den anderen Filmen?

Stern: Immerhin gibt es nur einen Film über Baader - und den habe ich gemacht. Bei der Lorenz-Entführung habe ich herausgefunden, dass Helmut Kohl sich damals als Geisel zur Verfügung stellen wollte. Er hat das nie dementiert. Damals bin ich sogar im "Spiegel" gelandet, als "Kasseler Politikstudent Klaus Stern..."

Sie haben Ihre Abschlussarbeit über die Lorenz-Entführung geschrieben. Warum hat Sie ausgerechnet dieses Thema interessiert?

Stern: Es war ein Feld, das unbeackert war. Die Lorenz-Entführung war ein heikles Thema, das war journalistisch und wissenschaftlich unterbelichtet.

Kam dann über Lorenz das Interesse an Andreas Baader?

Stern: Baader war die populärste Figur schlechthin, aber er wurde vor allem als Grobian, als hirnloser Macho gesehen. Die Geschichtsschreibung war damals noch mehr als heute geprägt vom "Baader Meinhof Komplex" von Stefan Aust.

Das Verblüffende ist, dass es die Bilder von der Verhaftung von Baader gibt, dass ein Kameramann vom Hessischen Rundfunk live dabei war, weil ein Reporter zufällig mitbekommen hatte, dass dort etwas passierte.

Stern: Das 16mm Rohmaterial habe ich damals als erster beim HR wieder ausgegraben und es wurde für mich für den Baader-Film umkopiert auf Digibeta. Als ich die Bilder das erste Mal sah, dachte ich: "Wahnsinn!" Der Mann vom Bundeskriminalamt, der bei der Verhaftung dabei war, erzählte mir, dass ihn nach der Festnahme Kollegen aus den USA angerufen hätten und gesagt hätten: "Toll, wie ihr das gemacht habt, dass ihr gleich ein Kamerateam mitgebracht habt, so weit sind wir hier noch gar nicht." Das war der Coup schlechthin. In den Garagen in Frankfurt gibt es heute innen noch Spuren von den Einschüssen. Eigentlich müsste man das abtragen und im Haus der Geschichte ausstellen.

Fast alle Ihre Filme sind Porträts. Im Mittelpunkt stehen einzelne Menschen. Erzählen Sie am liebsten Geschichten über Menschen?

Stern: Ich mache keine klassischen Porträts wie bei "Lebenslinien" beim BR. Ich will Geschichten erzählen, die über den Einzelnen hinausweisen. Bei Tan Siekmann erzähle ich natürlich über die New Economy. In "Henners Traum" erzähle ich über Projektwahnsinn und darüber, wie mit kommunalem Geld umgegangen wird. In "Versicherungsvertreter" erzähle ich, wie deutsche Versicherungen arbeiten.

Wann sind Sie selbst zufrieden mit einem Film?

Stern: Ich bin zufrieden, wenn es läuft. Ich habe oft lange Schnittzeiten, aber ich bin kein manischer Typ, der sagt, wir schneiden das jetzt noch mal um und noch mal. Ich bin immer ordentlich vorbereitet, wenn ich in den Schnitt gehe. Und bei "Versicherungsvertreter" gab es für die 80-Minuten-Version keine Abnahme durch eine Redaktion, weil ich den quasi auf eigene Rechnung produziert habe.

Entsteht der Film in Ihrem Kopf schon während des Drehens?

Stern: Bei "Baader" war für mich klar, dass die erste Szene des Films die Verhaftung ist. Welche stärkeren Bilder gibt es? Bei "Versicherungsvertreter" war klar, dass wir damit einsteigen, wie Göker zu den Klängen von "Carmina Burana" reinkommt und sich feiern lässt. Ich glaube, der Schnitt wird oft unterschätzt und sehr stiefmütterlich behandelt.

Haben Sie einen festen Cutter, mit dem Sie zusammenarbeiten?

Stern: Ich arbeite seit zehn Jahren mit der Cutterin Rike Anders und mit dem Kameramann Michael Schmuck aus Frankfurt zusammen. Und seit zehn Jahren macht Michael Kadelbach die Musik für mich. Da gibt es eine starke Kontinuität. Eine Ausnahme war der "Baader"-Film, den habe ich zusammen mit Thomas Giefer gemacht, der auch ein guter Freund von mir ist.

Ersetzt dieses Team für Sie eine Redaktion? Sind das Ihre ersten Kritiker?

Stern: Erste Kritiker sind auch Freunde. Eine Redaktion kann das Team nicht ersetzen. Ich habe viel von Christian Cloos vom Kleinen Fernsehspiel gelernt. Aber es ist selten so, dass eine Redaktion mir Arbeit abnimmt.

Sie sagten, die Zusammenarbeit mit den Redaktionen sei leichter geworden. Liegt das auch an Ihrem Erfolg, an den Preisen, dass man Ihnen mehr zutraut?

Stern: Es ist nicht wirklich einfacher geworden. Manche Themen bekomme ich trotzdem nicht unter. Dass man Grimme-Preise gewonnen hat, interessiert die Redaktionen erst einmal nicht. Das sind Meriten von gestern. Die Redaktionen wollen oft lieber Geschichten über giftige Jeans oder schmutzige Schokolade machen als die Themen, die ich ihnen anbiete.

Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wird immer stärker formatiert. Es gibt immer mehr Reihen wie "Liebe an der Macht" und da gibt es ein sehr enges Korsett.

Stern: Wann setzt der Kommentar ein? Spätestens nach 30 Sekunden - das Korsett ist sehr eng, da bleibt die Handschrift natürlich auf der Strecke. Bisher musste ich so etwas nicht machen, aber in den letzten Monaten hatte ich das Gefühl, das kann auch auf mich zukommen. Das Verrückte ist: Im Ersten gibt es keinen festen Sendeplatz für lange Dokumentarfilme von 75 bis 90 Minuten. Das kann nicht sein. Wenn im Sommer "Maischberger" oder die anderen Talkshows ausfallen, werden mal ein paar Dokumentarfilme eingesetzt. Manchmal wird ein Feigenblatt reingeschoben, wie kürzlich "The Gatekeepers" - "Töte zuerst" - da räumen sie dann einen Sendeplatz frei und sind stolz: "Wir sind für den Oscar nominiert." Warum nicht öfters?

Die ARD hat bei der Berlinale eine Broschüre vorgestellt, in der sie stolz darauf hinweist, wie viele tolle Dokumentarfilme der Senderverbund produziert. Was denken Sie als Dokumentarfilmer, wenn Sie das sehen?

Stern: Ich finde gut, dass es offensichtlich einen Rechtfertigungszwang gibt. Sie merken, dass viele Leute vergrätzt sind. Aber der Dokumentarfilm ist "Bruno, der Bär ohne Pass" mit Hannes Jaenicke, der neulich am Montag um 20.15 Uhr lief. Ich hoffe, dass der Druck auf die ARD noch zunimmt. Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor war im Februar bei der Sitzung der AG DOK und ich habe ihn gefragt, warum die ARD nicht einen festen Platz für den langen Dokumentarfilm schafft - und sei es um 0.30 Uhr.

Würden Sie sich wünschen, dass auch der politische Druck auf die ARD zunimmt?

Stern: Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat im vergangenen Jahr beim Filmpreis in einer Brandrede gesagt, dass es nicht angehe, wie der Dokumentarfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behandelt wird. Ich habe aber noch keine Veränderung bei der ARD gesehen. Natürlich gehen mir manche Dokumentarfilmer auch mit ihrer Jammerei auf die Nerven, aber ich finde es schändlich, wie die ARD mit diesem großen Pfund umgeht. Das Besondere wird oft nicht gewollt. Die Redakteure sagen dann immer: Der Zuschauer will das nicht sehen. Die Redaktionen sagen: Unser Zuschauer ist 57 Jahre alt, weiblich und hat einen Hauptschulabschluss. Und so sollen Sie den Film konzipieren.

Kann das Kino den Dokumentarfilm retten?

Stern: Nein, auf gar keinen Fall. Als ich "Versicherungsvertreter" ins Kino brachte, war ich mein eigener Verleiher. Der Film lief gut und hatte im Kino insgesamt 20.000 Zuschauer. Ein nettes emotionales wie finanzielles Zubrot. Es ist auch toll, wenn man mit Leuten diskutieren kann, aber ich bin kein Kinofilmproduzent. Ich will lieber lange Dokumentarfilme für das Fernsehen machen.

 

Aus epd medien Nr. 21 vom 24. Mai 2013

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