Tagebuch
Club der Gleichgesinnten. Die Anti-Brexit-Zeitung "The New European"
Frankfurt a.M. (epd). Eigentlich sollte es die Zeitung als Pop-up-Blatt nur für vier Wochen geben, aber nun ist sie schon sieben Monate alt: "The New European", eine britische Wochenzeitung, die sich so gut wie nur einem Thema widmet: dem Brexit und Europa. Die Zeitung aus dem Hause Archant ist zur journalistischen Heimat derer geworden, die sich mit der nationalen Presse Großbritanniens nicht mehr identifizieren können. Und das sind viele. Denn die 48 Prozent der Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben, finden in der medialen Landschaft kaum noch eine Heimat. Dass diese Lücke groß ist und dass man damit Einnahmen erzielen kann, damit hat wohl auch das Verlagshaus Archant nicht gerechnet.

20.000 Exemplare verkauft Archant jede Woche - und die Abonnentenzahlen steigen. Für zehn Pfund (etwa zwölf Euro) bekommt man die Zeitung zehn Wochen lang ins Haus geschickt. Im Zeitungsladen kostet ein Exemplar zwei Pfund. Bis zum Jahresende will Archant die Zeitung weiter produzieren, vielleicht sogar noch länger. Ebben die Verkaufszahlen ab, könnte "The New European" aber auch schon vorher eingestampft werden.

Lediglich fünf Mitarbeiter hat die Zeitung, die in erster Linie mit Autorentexten bestückt wird. Die Liste bekannter Namen, die bereits in den ersten sieben Monaten für das Blatt geschrieben haben, ist lang. Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair gehört genauso zu den Autoren wie der Unternehmer Richard Branson. Die Zeitung wird im Berliner Format gedruckt, und man muss sich Zeit nehmen, um sie zu lesen. Sie ist definitiv nichts für Menschen, die lange, monothematische Texte hassen und die auf eine ansprechende grafische Gestaltung Wert legen.

Die vom Brexit und der britischen Bürokratie schwer gebeutelten EU-Einwanderer dürften einige Texte, die sich klar auf ihre Seite schlagen, gerne gelesen haben. Da wird über die Soldaten-Frau berichtet, die seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt, aber als Hausfrau keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt - und das mit einem britischen Ehemann und britischen Kindern. Eine leider gerade ganz typische Geschichte im Königreich derzeit. Wer sich weder für den Brexit noch für Europa interessiert, wird die Zeitung allerdings nach wenigen Minuten aus der Hand legen. Zwar hat man zuletzt das Spektrum etwas erweitert - Trump und die Flüchtlingspolitik waren Thema -, aber die Zielrichtung ist klar. Es geht um den Brexit, die Zukunft Großbritanniens und Europa.

Man setze auf den gemeinschaftsstiftenden Sinn der Zeitung, schrieb Chefredakteur Matt Kelly kürzlich. "Die zwei Pfund, die Sie für die Zeitung gezahlt haben, sind nicht der Verkaufspreis. Es ist eine Mitgliedschaft in einem Club gleichgesinnter Menschen." Und dieser Club wachse auch im Ausland, so Kelly. Die Zeitung werde zunehmend auch auf dem Kontinent gelesen.

Da sich die Mehrheit der Zeitungshäuser in Großbritannien auf die Seite der Brexit-Befürworter geschlagen hat, werden auch diese zum Feindbild des Clubs der Gleichgesinnten. "48 Dinge, die der Chefredakteur der ,Daily Mail' hasst" ist eine nicht ganz ohne Humor geschriebene Titelgeschichte in der aktuellen Ausgabe, in der der Leser erfährt, dass "Daily Mail"-Chefredakteur Paul Dacre offensichtlich braune Schuhe hasst, weil die Zeitung eine Hexenjagd auf alle veranstalte, die gegen die Regel "never brown in town" für Herrenschuhe verstoßen.

Selbst die wenig vorhandene Werbung ist europäisch ausgelegt. Da wirbt ein Reiseveranstalter mit europäischen Zielen, eine große deutsche Luxusautomarke für ihren britischen Autoclub und eine französische Immobilienfirma für Wohnimmobilien in Frankreich. Archant hat mit "The New European" gezeigt, dass Pop-up-Zeitungen funktionieren können, wenn sich die Menschen mit der Zeitung identifizieren und ihnen das Hauptthema wichtig genug ist. Das geht aber wohl vor allem dann, wenn die Publikation meinungsstark eine von anderen Medien vernachlässigte Seite vertritt.
Aus epd medien 10/17 vom 10. März 2017

Christiane Link