Kritik
Bravourös
VOR-SICHT: "Brüder", zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Züli Aladag, Buch: Kristin Derfler, Züli Aladag, Kamera: Roland Stuprich, Christian Greiner (ARD/SWR, 22.11.17, 20.15-23.15 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Ursprünglich war geplant, den ersten Teil des Films am Mittwoch, den 22. November zu senden und den zweiten Teil erst eine Woche später folgen zu lassen. Inzwischen aber ist entschieden worden, beide Teile hintereinander auszustrahlen. Und das ist sinnvoll. Denn "Brüder", ein komplexes und hochaktuelles Drama, zeichnet die Entwicklung eines deutschen Studenten nach, der zum Islam konvertiert, sich zunehmend radikalisiert, mit seinen salafistischen "Brüdern" als Kämpfer in das von der Terrormiliz "Islamischer Staat" besetzte Gebiet reist, wo er die Grausamkeit des IS erlebt - und wieder zurück nach Deutschland kommt, als nur vermeintlich oder tatsächlich Geläuterter. Der erste Teil endet mit der Verhaftung des Deutschen bei seiner Ankunft im Kampfgebiet: ein Cliffhanger, der den Atem stocken lässt.

Edin Hasanovic, einer der interessantesten Schauspieler seiner Generation, spielt den Informatikstudenten Jan. Und er spielt ihn so in sich gekehrt und ambivalent, dass man ihm selbst die nur angedeutete Orientierungslosigkeit, die seine Hinwendung zum Islam begründen soll, glaubt. Ein paar Szenen müssen genügen: Jans Beziehung zu seinem Vater (Thorsten Merten) ist von Verachtung und Aggressivität vergiftet. Den Vater hasst er - aus welchen Gründen auch immer - so sehr, dass er den Schlafenden mit einem Kissen auf dem Gesicht zu ersticken versucht - und sich gleich danach einen Schraubenzieher in die Hand rammt. Seine Nächte verbringt er in Discos mit Alkohol, Drogen und lustlosem Sex auf der Toilette. Und obwohl er sich die Wohnung mit dem syrischen Medizinstudenten Tariq teilt (Erol Afsin), der in großer Sorge um seine in Syrien festsitzende Familie ist, scheint er auch an dem kein Interesse zu haben.

Das ändert sich erst mit der Ankunft von Tariqs Schwester Samia (Zainab Alsawah), die mit anderen Flüchtlingen als Asylbewerberin in Stuttgart ankommt, wo bereits einige Muslimbrüder warten, um sich der Flüchtlinge anzunehmen. Darunter auch Abadin Hasanovic (Tamer Yigit), ein bosnischer Salafistenprediger, der für Jan zum Mentor wird. Und weil Samia umgehend nach Bosnien, wo sie bereits registriert wurde, zurückgeschickt werden soll, nehmen Tariq und Jan sie "widerrechtlich" mit zu sich nach Hause, wo Jan kurze Zeit später Samia mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne findet und sie rettet. Von Tariq erfährt er, Samias Verlobter sei ermordet worden und sie sei schwanger von einer Vergewaltigung im syrischen Militärgefängnis.

Für Jan ist also mit diesem Schockerlebnis eine weit entfernte mörderische Realität, die ihn bisher nicht interessiert hat, so nahe gekommen, dass er mehr darüber erfahren will. Ob das genügt als Motiv, die Verbindung mit einer islamischen Gemeinde aufzunehmen, sei mal dahingestellt. Aber die Motive, aus denen sich Jugendliche zum Islam hingezogen fühlen - bis zur Kampfbereitschaft für den IS -, sind so subjektiv, dass sich darüber nur unzureichend spekulieren lässt.

Und hier ist die zunehmende Faszination, die Jan immer tiefer in den Islamismus treibt, so subtil aufgebaut, dass sie plausibel wird: durch das religiöse Gemeinschaftserlebnis mit den "Brüdern", die Umarmungen, das Beschwören der Friedfertigkeit gegen die feindselige Außenwelt und die Gewalttätigkeit der Feinde, gegen die sich zu wehren Allahs Wille sei. Vor allem aber durch die Sanftheit und das Charisma des Predigers, der Jan zu sich nach Hause einlädt, ihm das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein.

Und es ist eine Gratwanderung, die bravourös gelingt: Jan wird zwar zur Identifikationsfigur, weil man seiner Entwicklung mit Interesse folgt, zugleich aber bleibt er in der fatalen psychischen Dynamik, die ihn schließlich bis nach Syrien treibt, unnahbar und fremd. So fremd wie seinem Mitbewohner Tariq, der vom Verfassungsschutz angeworben wurde und sich vom bekehrten, inzwischen bereits beschnittenen Jan sagen lassen muss: "Du solltest anfangen zu glauben." Tariq weist ihn zurecht "Die können dir alles erzählen, du blickst doch überhaupt nicht durch. Schalt’ dein Hirn wieder an."

Mit den Kampfszenen in Syrien - gedreht wurde in Marokko - wird "Brüder" im zweiten Teil zum kriegerischen Actionfilm: brillant inszeniert, gewalttätig - ohne voyeuristisch zu sein - in der Bebilderung des Terrors, den die "Gotteskrieger" des IS in ihrem "Kalifat" verbreiten. Als Belohnung für einen Kampfeinsatz soll Jan die 17-jährige Vanessa aus der Schweiz zur Frau bekommen, die vor zwei Wochen nach Syrien kam, weil sie "dem Ruf gefolgt" ist, "dem Dschihad zu dienen". "Heirate du mich", bittet sie. Jan entgegnet misstrauisch: "Und wenn ich morgen sterbe, kommt der Nächste?" Dann nutzt er aber die Gelegenheit und fällt über das Mädchen her. Einige Szenen später wird Vanessa mit anderen Frauen auf einem Karren aus dem Lager transportiert. Wohin, welchem Schicksal entgegen, bleibt der Fantasie überlassen.

Gezeigt dagegen werden Erhängte und die mörderische "Bestrafung" eines Deserteurs: An den Füßen aufgehängt, unter ihm ein Fass gefüllt mit Wasser, wird er kopfüber im Fass ertränkt. Auch ein Brautpaar wird während der Trauung überfallen, der Brautvater erschossen, die Braut geköpft, weil sie geschminkt war. Dieses Erlebnis hat einen der deutschen "Kämpfer" so erschüttert, dass er sich "als Sünder vor Gott" mitschuldig fühlt und sich erschießt. Jan aber ist immer noch Allah-treu und weint: "Er hätte als Märtyrer gehen können. Jetzt geht er als Ungläubiger."

Zehn Monate später ist Jan wieder in Deutschland, von türkischen Soldaten aus einem Gefängnis befreit. Und weder Tariq - dessen Familie inzwischen in Deutschland ist - noch der Mann vom Verfassungsschutz (Misel Maticevic) bringen aus Jan mehr heraus als "über Hinrichtungen möchte ich nicht sprechen", "man braucht Glauben, bei allem, was man tut", oder "ich hab nachgedacht, ich muss endlich Verantwortung übernehmen und eine eigene Wohnung suchen". Es bleibt also vorerst für alle ein Rätsel, ob sie in Jan, der sich wie ferngesteuert durch die Szenen bewegt, einen künftigen "Märtyrer" vor sich haben, der ein Selbstmordattentat plant, oder einen durch grausame Erfahrung Erschütterten.

Hier läuft Edin Hasanovic noch einmal zu ganz großer Form auf: Hinter seiner undurchdringlichen Miene scheint er etwas auszubrüten, was in einer Katastrophe enden kann. Er lässt aber auch offen - bis zum nicht vorhersehbaren Schluss - ob Jan einfach Zeit braucht, um die Rückkehr in ein "normales" Leben zu finden. In der Thematik, die zurzeit ja ähnlich in der Serie "Bruder - Schwarze Macht" bei ZDFneo behandelt wird, ist dieser meisterhafte Zweiteiler ein Meilenstein, hinter den zurückzufallen zwar möglich ist, aber unverzeihlich wäre. Sogar die einzige Schwachstelle lässt sich verschmerzen: die etwas dilettantisch in die Gesichter geklebten Rauschebärte.

Aus epd medien Nr. 46 vom 17. November 2017

Sybille Simon-Zülch