Tagebuch
Bewusstseinswandel. #Metoo-Debatte und Journalismus in den USA
Washington (epd). Auf bizarre Weise könnte ausgerechnet Donald Trumps Fake-News-Kampagne in den vergangenen Wochen Kapital schlagen aus den vielen Belästigungsvorwürfen gegen Männer im Journalismus. Die Anklagen von Frauen und die Bewusstwerdung, dass üble Vorfälle in manchen Redaktionen offenbar "normal" waren oder sind, kratzen am Image von gesellschaftlichen Institutionen, die sich angeblich der Wahrheit und der Fairness verpflichtet fühlen. Das sind Medieninstitutionen, die Trump nicht ausstehen kann. Der US-Präsident baut an einer Welt, in der viele Amerikaner Fakten und "alternative Fakten" nicht auseinanderhalten. Wenn Trump sich damit durchsetzt, dass es keine Wahrheit gibt außer seiner eigenen, hat er gewonnen. Die "Washington Post" hat in den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit mehr als 1000 "Unwahrheiten" dokumentiert, die von Trump verbreitet wurden.

Da trifft es wie ein Hammer, dass Journalisten, darunter manche Enthüller und Erklärer der Zustände, zurücktreten oder geschasst werden nach Vorwürfen wegen sexueller Belästigung. Denn Leserinnen und Leser, Zuschauerinnen und Zuschauer wollen den Schreibenden und den Menschen am Mikrofon vertrauen können. Das wird schwierig, wenn das Verhalten vermeintlich integrer Medienmänner an das lüsterner mittelalterlicher Gutsherren erinnert. Die Frage stellt sich: Wie können diese Männer im Journalismus glaubwürdig über Frauen berichten? Manche abwertende Kommentare über Hillary Clinton drängen sich angesichts der Enthüllungen der vergangenen Monate ins Gedächtnis.

Dass im Juli 2016 der mächtige Fox-News-Chef Roger Ailes zurücktrat wegen einer Klage wegen sexueller Belästigung, passte ins Weltbild von Menschen, denen die reaktionären Kommentare und die Trump-Hofierung bei Fox auf den Geist gingen. Die frühere Fox-News-Mitarbeiterin Andrea Tantaros beschrieb den Sender als "sex-getrieben" und verglich ihn mit der Villa des Playboy-Gründers Hugh Hefner. Ailes bestritt alles bis zu seinem Tod im Mai 2017. Der Mutterkonzern 21st Century Fox jedoch zahlte der klagenden Moderatorin Gretchen Carlson 20 Millionen Dollar und entschuldigte sich.

Nun sind zahlreiche weitere schwere Vorwürfe gegen Spitzenjournalisten aus vermeintlich gutem Hause laut geworden. Manche haben sich "entschuldigt", sie traten zurück oder wurden entlassen oder suspendiert. Auf der langen Liste befinden sich neben anderen Michael Oreskes, Chefredakteur beim Nachrichtensender NPR, für viele US-Amerikaner ein Hort journalistischer Vernunft, NBC-Moderator Matt Lauer, Meister des dahinplätschernden Informationsflusses beim Frühstücksfernsehen, und Glenn Thrush von der "New York Times", früher Korrespondent im Weißen Haus.

Weitere Namen: Ryan Lizza vom Magazin "New Yorker", dessen Arbeit Trumps Kommunikationschef Anthony Scaramucci zu Fall gebracht hat. Tavis Smiley vom öffentlichen TV-Sender PBS. Lizza und Smiley bestreiten die Vorwürfe. Trump twitterte nach Lauers Entlassung: "Wow, Matt Lauer entlassen bei NBC." Bei NBC sollten noch weitere Führungspersonen entlassen werden, "weil sie so viele Fake News verbreiten", forderte der Präsident.

Im konservativen Bundesstaat Alabama kandidierte diesen Monat bei den Nachwahlen für den Senat der sehr weit rechtsstehende Republikaner Roy Moore. Trotz schwerer Vorwürfe mehrerer Frauen, er habe ihnen nachgestellt und sie belästigt, als sie Teenager waren, kam Moore auf beinahe 50 Prozent der Stimmen. Bei einer CBS-Umfrage vor der Wahl sagten 71 Prozent der "wahrscheinlichen republikanischen Wähler", sie glaubten die Beschuldigungen nicht. 89 Prozent der Nicht-Glaubenden erklärten, "Zeitungen und die Medien" seien verantwortlich für die Geschichten. Doch Roy Moore scheiterte. Er verlor in Alabama, einem Bundesstaat, den die Republikaner bisher eindeutig dominierten. Es findet ein Bewusstseinswandel statt. Langsam. Denn es geht ja um Macht.
Aus epd medien Nr. 51/52 vom 22. Dezember 2017

Konrad Ege