Kritik
Beeindruckend
VOR-SICHT: "Spuren des Bösen: Wut", Krimi, Regie: Andreas Prochaska, Buch: Martin Ambrosch, Kamera: Thomas Kürzl, Produktion: Aichholzer Filmproduktion (ZDF, 29.1.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Sechs Jahre ist es her, dass der in Wien praktizierende Psychologe Richard Brock (Heino Ferch) den hohen Beamten im Innenministerium, Sektionschef Stefan Merz (Erwin Steinhauer), als brutalen Vielfachmörder überführte. Erst hatte Merz die Prokuristin der Firma Sandag erstochen, dann beim Versuch ihre Schwester, die schwer bewachte Kronzeugin Maria Kemminger (Gerti Drassl), aus dem Weg zu räumen, ein Blutbad angerichtet. Merz tötete viele Polizisten und verletzte Brocks Tochter Petra (Sabrina Reiter) schwer.

Der Biedermann im Blutrausch war für einen Psychologenkrimi eine untypische Figur, eigentlich ein Paradox. Merz' Taten zur Vertuschung eines schweren Falls von Vorteilsnahme und Korruption wurden auf denkbar unpsychologische Weise dargestellt, nämlich als Erscheinungsform des Bösen schlechthin. Keine üble Kindheit, keine Fetischisierung der Gewalt, kein "Totem und Tabu", keine Triebstrukturerklärung, kein Todessehnsuchtgefasel. Man bekam, was man sah. Dass gerade in der Stadt Sigmund Freuds das Unbewusste als Erklärung abgedankt haben sollte und das Über-Ich keine Rolle spielte, war auf nichtlustige Art höchst ironisch.

Brock, der angeschlagene Patientenversteher, musste in fünf weiteren Folgen, alles harte Thriller, ohne Mentor Merz auskommen. Zu lebenslänglicher Haft verurteilt, sitzt dieser weggesperrt im Gefängnis. Zwar eingesperrt, aber weiterhin als mutmaßlicher Dirigent der Beamtenkorruption in großem Stil. In Brocks siebtem Fall, "Wut", nehmen Martin Ambrosch und Andreas Prochaska, die beide von Anfang an für Buch und Regie der Serie verantwortlich zeichnen, den Auftaktfall und den Faden wieder auf.

Der "Look" ist inzwischen so dunkel geworden, dass sich gerade noch das Wesentliche unterscheiden lässt. Konsequent vermeidet die Bildgestaltung von Thomas Kürzl aufschlussreiche Hell-Dunkel-Kontraste und zeigt vor allem schwer erkennbare Schemen, meistens bei der Jagd nacheinander. Die wenigen Szenen im blassgrauen Licht des Tages schmerzen nach der Anstrengung des Zuschauers, im Diffusen nicht die (moralische) Orientierung zu verlieren. Schwierigkeiten der Orientierung sind künstlerisches Prinzip. Eine Art Restlichtprinzip.

Das macht "Wut" nicht leicht konsumierbar, zieht das Publikum aber umstandslos hinein in eine Art Partisanenkrieg, der in einer Polizistensiedlung mit viel zu kostspieligen Reihenhäusern, dem angrenzenden Labyrinth eines Gewächshaus-Großbetriebes und auf den Rängen eines daneben liegenden Stadions ausgetragen wird, welches die Firma Sandag gesponsert hat. Ein überschaubares Gelände, meint man zunächst. Das Sounddesign und die Musik von Mathias Weber unterstützen die Spannung wesentlich. Immer wieder gibt es ausschließlich Atmosphärisches zu hören, nur Atmen und Bewegungsgeräusche.

Es beginnt unübersichtlich. Zwei Männer bewachen ein Haus, laden Waffen. Drinnen hat sich Manfred Reiser (Tobias Moretti) verschanzt, mit Gewehr und Survivalausrüstung. Auf dem Bett liegt ein totes Kind. Anscheinend hat Reiser sein Kind umgebracht. Die Beamten stürmen, einer wird erschossen, der andere verletzt. Reiser flieht, lauert versteckt, versucht, Brock anzurufen. Der schläft. Morgens stürmt ein Einsatzkommando seine Wohnung, geht ihn mit unverhältnismäßiger Gewalt an. Reiser und Brock kannten sich nicht.

Einsatzleiter Gerhard Mesek (Juergen Maurer) zieht Brock trotzdem als Berater zum Fall hinzu. Vor einer Gaststätte, eine Art Polizeikantine des Viertels, erleidet Brocks Tochter Petra eine Panikattacke. Als Polizistin sollte sie am Einsatz gegen den flüchtigen Reiser teilnehmen. Was hat ihre Panik getriggert? Nach und nach stellt sich heraus, dass die Beteiligten damals, als Merz die Kronzeugin ermordete, vor Ort waren. Wem ist zu trauen?

In den ähnlichen Kriminalromanen amerikanischer Tradition, die man auch "hard boiled" nennt, ist die Antwort eindeutig: niemandem. Die Art Psychologisieren, mit der es Brock versucht, hilft nicht weiter, ihm selbst in Lebensgefahr auch nicht. Vielleicht ist der vermeintliche Täter auch gejagtes Opfer. Ferch und Moretti haben eine eindrucksvolle gemeinsame Szene, in der sie sich die Überlebenschancen gegenseitig ausrechnen. Setzt man die übliche Dramaturgie der Krimipsychologisierung voraus, müsste das Gute irgendwann in Erscheinung treten. In "Spuren des Bösen - Wut" schert man sich einen Dreck um solche Konventionen. Wer das aushält, sieht einen krass spannenden Film mit ausgesprochen beeindruckenden Figuren und Darstellern.

Aus epd medien Nr. 4 vom 26. Januar 2018

Heike Hupertz