Tagebuch
Alles beim "Alten". Die Frauen und das ZDF
Frankfurt a.M. (epd). Seit 40 Jahren ermittelt "Der Alte" im ZDF. Ein bisschen stolz sind die Macher sicherlich, dass seit zwei Jahren auch eine Frau im Team ermitteln darf - Annabell Lorenz, deren Rolle nicht besser beschrieben werden könnte, als es dem Internetauftritt der Serie zu entnehmen ist:

Aus Dresden, von der Wirtschaftskriminalität abgeworben, versteht es Annabell Lorenz (gespielt von Stephanie Stumph) mit Esprit, Charme und Witz auf der gesamten weiblichen Klaviatur zu spielen. In High Heels und schicken Kleidern fühlt sie sich genauso wohl, wie in Lederjacke, Jeans und Boots. Damit verkörpert sie eine junge, moderne Frau, die ganz sie selbst sein darf - und einfach gerne eine Frau ist. Als Kommissarin muss sie weder besonders tough, noch lieblich sein - sondern ist einfach Annabell, die mit ihrem roten Roller durch München braust, ein Faible fürs Profiling hat und dabei temperamentvoll bis ungestüm an ihre Kriminalfälle herangeht.

Will das ZDF mittels ironischer Durchbrechung mit verstaubten, voremanzipatorischen Rollenbildern aufräumen? Mitnichten. Der Rosamunde-Pilcher-Sender, dessen durchschnittliches Zuschaueralter um die 60 Jahre liegt, meint es ernst. Immerhin überträgt die Serie das Rollenbild der 70er Jahre stringent in das 21. Jahrhundert. Denn neben Annabell und ihre Emotionalität stellt die Serie Männer mit Ratio:

Annabells Sparringspartner Tom Kupfer (gespielt von Ludwig Blochberger) ist ein wunderbarer Gegenpol. Tom denkt sehr genau und geht systematisch und überlegt vor. Er hat Spaß an komplizierten Fragestellungen, denen er analytisch auf den Grund geht. Freude bereiten Tom technische Errungenschaften wie sein 3D-Drucker oder die Überwachungsdrohne. Dabei ist der "Kommissar auf Probe" nach einem abgebrochenen Jura-Studium aber alles andere als ein Technik-Nerd. Tom hat das Herz am rechten Fleck, ist witzig, sportlich und körperbewusst.

Und auch Annabells Chef, der seit 2012 amtierende Hauptkommissar Richard Voss (Jan-Gregor Kremp), lässt sich in seinem Handeln von Logik und Verstand leiten:

Mit seiner direkten und aufrichtigen Art entlockt er sogar dem grantelndsten Bayern noch eine Aussage. Auf der Suche nach den Mördern setzt er auf die Fähigkeiten seiner Kollegen, auf seine logische Kombinationsgabe und seinen gesunden Menschenverstand.

Die hier zementierten Rollenklischees von kopfbetonten Männern und bauchbetonten Frauen lassen den "Alten" hinter seine Anfangsjahre zurückfallen, als Siegfried Lowitz den legendären Kommissar Erwin Köster spielte. Der handelte nämlich oft gar nicht rational, sondern bluffte und trickste, wie es ihm sein Ermittlergefühl gerade eingab.

Mit Annabell Lorenz ist es eine Farce, dass nach Jahrzehnten endlich eine Frau den "Alten" unterstützen darf. Die Kopflose, die am Morgen verkatert im Party-Glitzerkleidchen zur Ermittlungsarbeit erscheint, weil sie die Nacht bei einem gutaussehenden studentischen Hilfswissenschaftler verbracht hat ("Männer muss man zappeln lassen!"), vermag ihren fokussierten männlichen Kollegen nicht viel entgegenzusetzen.

In der Realität können sich vermutlich nur die wenigsten jungen, modernen Frauen mit Annabell identifizieren. Aber was das angeht, macht das ZDF ja insgesamt wenig Hoffnung: Vielleicht hat ja demnächst auch "Pubertier" Carla Maybacher als hysterische Drama-Queen ihren ersten Gastauftritt in der Krimiserie.
Aus epd medien Nr. 41 vom 13. Oktober 2017

Ellen Nebel