Debatte
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Zur Diskussion über den Journalismus nach #koelnhbf
. (epd). Nicht wirklich erstaunlich, aber doch überraschend, das unglaubliche Mediengetöse zum Thema Journalismus, mit vielen steilen Thesen und geilen Begriffen. Die treffen gern die öffentlich-rechtlichen Sender, an denen das Mütchen zu kühlen inzwischen zum journalistischen Volkssport geworden ist. Von "Arbeitsverweigerung der öffentlich-rechtlichen Medien" und von "Bankrotterklärung der Presse" schreibt der PR-Mann Hasso Mansfeld bei meedia.de. Dass die ARD keine Fremden mehr kenne und "Nanny-Fernsehen" betreibe, befindet Spiegel-Autor Jan Fleischhauer. "Wie der Rundfunk mit der Silvesternacht von Köln umgeht, ist das Gegenteil von Journalismus" weiß Michael Hanfeld in der FAZ. Vom "Totalitarismus der Wohlmeinenden" fabuliert in "Cicero" der stellvertretende Chefredakteur Alexander Marguier. Er hat auch die Schuldigen ausgemacht, nämlich die "linksideologischen Willkommens-Medien" und einen "sich selbst gleichschaltenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk".

 

Das ist, nur etwas umständlicher ausgedrückt, die Formel von der "Lügenpresse". Sie wandert offenbar allmählich vom rechten "Pegida"-Rand ins konservative Milieu. Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich kommt mit der Phrase vom "Schweigekartell" um die Ecke und Innenminister Thomas de Maizière mit der "Schweigespirale": "Ein Generalverdacht ist genauso wenig der richtige Weg wie das Tabuisieren der Herkunft von Kriminalität. Es darf keine Schweigespirale geben, schon gar nicht darf sie von der Polizei ausgehen." Dazu sekundiert ihm Berthold Kohler in der FAZ: "Diese Schweigespirale, die Innenminister de Maizière jetzt durchbrechen will, war politisch gewollt, und zwar schon seit Jahrzehnten." Jahrzehnte?

 

Wer treibt hier wen?

 

Kurz: neben dem politischen hat sich ein mediales Schlachtfeld aufgetan, auf dem nicht wenige jetzt ihr Süppchen kochen. Manchmal endet das im blanken Schwachsinn: "Egal, wer die Täter von Köln waren - mutmaßlich sind sie gefangen in Sexualnot und den Fesseln einer Kultur, die Frauen entweder als heilige Mütter oder als schleierlose Schlampen betrachtet" schreibt die "Berliner Zeitung" in einer Unterzeile. Alles egal, Hauptsache steil. Von anderen wiederum werden die Ereignisse ins Überdimensionale aufgeblasen. Von "Zivilisationsbruch" redet der Justizminister (ein Begriff, der bisher für die Nazi-Verbrechen verwendet wurde), von "Paukenschlag" die Kanzlerin. Alles Donnerworte, die in die Verschärfung der Gesetzgebung hineintreiben und man weiß gar nicht, wer hier wen treibt, die Politik die Medien oder die Medien die Politik.

 

Treibender Faktor, was die klassischen Medien selbst angeht, sind die Sozialen Medien. Der Druck, der von Facebook und Twitter auf die Journalisten ausgeht, ist offenbar sehr groß. Viele User scheinen von den Journalisten zu erwarten, dass sie auch dann berichten, wenn sie noch gar nichts wissen. Die Sender reagieren mit Verunsicherung. Wie sonst wäre zu erklären, dass die Redaktion der Nachrichtensendung "heute+" per Twitter bei ihrem Publikum anfragt: "Was denkt ihr: Wie sollte @heuteplus über die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln berichten?" und dann abwiegelt: "Wir wollten nur Eure Meinung zum Thema."

 

#I: Vertrauenskrise
epd Dass die Kölner Attacken und Übergriffe die Politik in der Republik verändern werden, deutet sich immer klarer an. Werden sie auch den Journalismus verändern? Welche Schlussfolgerungen kann, welche muss man ziehen? Fritz Wolf, der sich für epd medien mit diesem Thema befasst hat, ist auch Autor der Studie "Wir sind das Publikum! Autoritätsverlust der Medien und Zwang zum Dialog", in der es um die Vertrauenskrise der Medien geht (epd 47, 48/15).

 

Das ZDF hat sich auch dafür entschuldigt, dass die "heute"-Sendung am Montag, den 4. Januar, als alle anderen Medien bereits auf die Berichterstattung eingestiegen waren, nicht berichtet hat. "Die Nachrichtenlage war klar genug. Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-,heute'-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat", schrieb der Stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen auf Facebook. Immerhin ein Eingeständnis, ein Weg der Ehrlichkeit. Inzwischen hat der ZDF-Fernsehrat angekündigt, sich mit der Frage zu befassen, der Vorsitzende Ruprecht Polenz hat sich darüber schon mit dem Intendanten verständigt - so harmonisch hat man sich Gremienkontrolle immer schon vorgestellt.

 

Der zentrale Vorwurf lautet, die Medien, speziell wieder der öffentlich-rechtliche Rundfunk, hätten die schrecklichen Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof nicht schnell genug und nicht präzise genug oder gar falsch berichtet. Was den harten Kern der Verschwörungsdenker von rechts angeht, hat Moderatorin im Dunja Hayali im "Morgenmagazin" des ZDF Gespräch mit einem Verfechter der Lügenpresse-These die Antwort bekommen, sie sei ohnehin von oben gesteuert. Gut, dagegen kann man zu argumentieren versuchen, es wird nichts nützen.

 

In weniger schweren Fällen hilft vielleicht Nüchternheit. Dann gibt es ziemlich viele Gründe für die Annahme, dass die Berichterstattung über die Kölner Übergriffe von recht banalen Abläufen geprägt ist. Die entsprechenden Fakten haben natürlich auch Kollegen aus den klassischen Medien zusammengetragen - das Netz, das immer alles besser weiß, interessiert sich für Fakten nicht. Demnach spielte eine zentrale Rolle, dass am Neujahrstag die Polizei zunächst eine beschwichtigende Pressemeldung herausgab: friedlich verlaufen, alles in Ordnung. Das nahmen die ohnehin nur mit Feiertagsnotbesetzung arbeitenden großen Medien zur Kenntnis, hakten nicht nach, warum auch.

 

Gefährliche Falschmeldungen

 

Die Kölner Lokalpresse dagegen griff das Thema sehr schnell auf und fügte Infobaustein zu Infobaustein. Überregional sprach sich das allerdings erst am Montag, dem 4. Januar herum, als erstens die Redakteure wieder aus dem Weihnachtsurlaub zurück waren und zweitens die Kölner Polizei jene Pressekonferenz abhielt, in der sie erstmals von den Übergriffen berichtete. Hier dürfte auch erstmals die Formulierung aufgetaucht sein, es habe sich um Männer gehandelt, die "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" kommen.

 

Kurz: "die" Medien haben entgegen anderslautenden Wasserstandsmeldungen nicht geschlafen, die Lokalpresse schon gar nicht. Und die überregionalen haben erst auf die Informationen der Polizei reagiert. Das kann man für etwas langsam halten, hinterher weiß man es immer besser, aber man sollte doch zunächst eher die Informationspolitik der Polizeiführung kritisieren. Seither allerdings kann wahrlich niemand mehr behaupten, "die" Medien verschwiegen in dieser Sache etwas.

 

Nicht nur die Verdichtung der Informationen hat zugenommen, sondern auch die Verwirrung. Allein die Zahlen. Waren erst Hunderte Männer "aus Nordafrika oder dem arabischen Raum" auf dem Bahnhofsvorplatz, wurden daraus bald tausend, dann Tausende. Petra Sorge hat das im "Cicero" nachverfolgt. Sie schreibt: "Gegen 21 Uhr fielen nach Polizeiangaben etwa 400 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz auf, weil sie stark alkoholisiert waren und mit Feuerwerkskörpern auf Passanten schossen. Die Gruppe wuchs bis 23 Uhr auf 1.000 Personen an. In keiner der drei bislang veröffentlichten Pressemitteilungen ging die Polizei auf diese große Zahl ein; die Aussage fiel lediglich mündlich auf der Pressekonferenz. Dass diese Zahlen bislang nicht bestätigt sind, darauf wiesen nur wenige Medien hin. Vielerorts wurde die Aussage indes verkürzt. Bei ,Stern.de' heißt es in einer Meldung: ‚Etwa 1.000 Männer versammelten sich in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. In Gruppen haben sie Frauen umzingelt, sexuell belästigt und ausgeraubt.' Nein, es waren nicht alle Männer an allen Straftaten beteiligt, wie das diese Nachricht suggeriert, oder wie es die Deutschen Wirtschafts-Nachrichten direkt behaupteten: ‚Etwa 1.000 Männer haben Frauen belästigt.' Es sind gefährliche Falschmeldungen, die sich ins öffentliche Gedächtnis fräsen."

 

Was kann man noch glauben?

 

Eine wichtige Rolle spielte als Dokument der Bericht eines leitenden Bundespolizisten, der überall übernommen, im WDR samt allen Rechtschreibfehlern abgedruckt wurde, der aber auch nicht frei von Widersprüchen ist. Der Bericht, so die Recherchen, wurde wohl erst vier Tage später geschrieben, als die Diskussion bereits losgetreten war, und ist wohl eher ein Gedächtnisprotokoll. Auch hier ist die Rede von "einigen tausend" Männern und einige Details sind mindestens ungenau. Etwa über die Aufenthalts-Dokumente, die angeblich Asylbewerber vor den Polizisten zerrissen haben sollen. Nachprüfenswert, aber wohl nicht nachprüfungsfähig, wäre auch die oft zitierte Aussage eines Mannes im Wortlaut: "Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen." Das soll ein eben erst eingereister Flüchtling gesagt haben? In welcher Sprache?

 

Patrick Bahners zitiert in der FAZ den Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, einen der Nebenklagevertreter im NSU-Prozess; der wies darauf hin, dass auch Zeugenberichte von Polizisten nach den Regeln der Aussagepsychologie betrachtet werden müssen. Der Artikel von Patrick Bahners trug die bemerkenswerte Unterzeile: "Was kann man der Polizei noch glauben?"

 

Wichtiger Teil der Diskussion um die Berichterstattung ist die Frage, wie mit der Zuschreibung "aus dem nordafrikanischen oder dem arabischen Raum" umzugehen sei. Herkunft und religiöse Zugehörigkeit nicht in jedem Fall gleich zu nennen - ist das Vorsicht und Bevormundung? Der Pressekodex enthält in Richtlinie 12.1. die Anforderung: "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

 

Entsprechende Richtlinien gibt es auch für die Polizei. Es dürfte inzwischen klar sein, dass diese als Vorsicht gedachten Verhaltensregeln sich als kontraproduktiv erwiesen haben und den Verdacht auslösten, es sei vieles unter den Teppich gekehrt worden. Im Fall der Kölner Silvesterattacken ist es kaum fraglich, dass das Kriterium "begründeter Sachbezug" zutrifft. Ob es allerdings richtig ist, das Kriterium gleich gänzlich über Bord zu werfen, darf man zumindest bezweifeln. Der Presserat jedenfalls wird das Thema diskutieren.

 

Nächste Mutmaßung: Es folgt, obwohl doch alles angeblich so ganz anders und nie dagewesen ist, alles ziemlich genau den medial eingespielten Routinen. Alle spielen ihre Rollen. Dazu gehört auch die schnelle Skandalisierung und Zuspitzung, die wir freilich wieder eher in den gedruckten Medien finden und da längst nicht mehr nur auf dem Boulevard.

 

Große Empörung ausgelöst hat die Empfehlung der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die Frauen sollten sich die Männer auf Armlänge vom Leib halten. Sie hat sich damit einen Shitstorm eingehandelt und viele hämische Kommentare in der Presse. Der Satz konnte Karriere machen, weil er aus dem Kontext herausgenommen wurde, denn keinesfalls war das ihre einzige Aussage. Welche politischen Schlussfolgerungen Politik und Polizei in Köln insgesamt ziehen wollten, das war in der Pressekonferenz schon abgehandelt worden. Dann folgte die spezielle Frage einer Journalistin, was die Oberbürgermeisterin denn den Frauen empfehle - Satzbetonung auf Frauen. Die Antwort war die - aus der Entfernung tatsächlich unglücklich klingende - Formulierung von der Armlänge. Sie ist allerdings auch nicht ungewöhnlich, sie findet sich auch in den Empfehlungen der Opferorganisation "Weißer Ring".

 

Vor allem aber: Die Kölner Oberbürgermeisterin weiß sehr genau, was eine Entfernung von einer Armlänge bedeuten kann. Sie ist vor drei Monaten von einem Attentäter lebensgefährlich verletzt worden, der ihr mit seinem Messer den Hals aufschlitzte. Aber wen interessiert das? Alles schon wieder vergessen. Hauptsache, man kann sein Mütchen kühlen, das gilt auch für vielgerühmte Comedians des Fernsehens: Jan Böhmermann etwa hat sich mit der Twitter-Empfehlung mokiert: "Ich bin gerade im Urlaub. Könnte bitte jemand Frau Reker einen Fahrrad-Abstandshalter dranphotoshoppen?" Geschmacklos wäre noch das sanfteste Wort für diesen Bild gewordenen Pennälerwitz.

 

Unsicherheit, Ängstlichkeit

 

Ein zweiter, weit verbreiteter Verdacht lautet, vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien würden offenkundige Informationen über die tatsächliche Lage in der Flüchtlingsfrage zurückhalten, ja, absichtsvoll verschweigen; Berthold Kohlers "seit Jahrzehnten" sich drehende Schweigespirale. Angeblicher aktueller Beweis: der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer sei in der ARD daran gehindert worden, über Flüchtlinge zu sprechen. Das las sich in der FAZ bei Michael Hanfeld so: "Ein falsches Wort, und das Interview wird abgebrochen: Der Kriminologe Christian Pfeiffer durfte in einer Fernsehsendung nicht von Flüchtlingen sprechen." Und was hat der Kriminalist in der Diskussion auf Phoenix wirklich gesagt? "Ich bin in meinen ersten beiden Interviews im Fernsehen von Journalisten gefragt worden: Bitte reden Sie nicht über Flüchtlinge. Dann habe ich gesagt, dann brauche ich gar nicht anfangen. Dann ist das das Ende des Interviews. Da haben sie sich besonnen und haben das wieder aufgelöst." Das klingt nach Unsicherheit, Unklarheit, Ängstlichkeit in den Redaktionen. Jedenfalls nicht nach "Redeverbot", wie es die FAZ nennt.

 

Interessant übrigens, dass Michael Hanfeld seinem Text noch ein P.S. nachschickte, das etwas von den medialen Mechanismen in den sozialen Medien preisgibt, von denen er natürlich sehr wohl weiß: "Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat sich bei Phoenix darüber geäußert, dass er sich bei einem anderen Sender im Zusammenhang mit den Angriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln nicht über das Thema Flüchtlinge habe äußern dürfen. Bei Phoenix durfte er das nicht nur, er thematisierte hier vielmehr, dass ihm andernorts Auflagen gemacht worden seien, was er sagen sollte und was nicht. Die Kritik von Zuschauern und Lesern, die nun offenbar beim Sender Phoenix anbrandet und sich gegen das Redeverbot für Pfeiffer richtet, ist an dem Parlamentskanal von ARD und ZDF selbst nun ganz und gar nicht zu üben. Bei Phoenix konnte Pfeiffer Klartext reden und tat das auch."

 

Was tun? Eine erste und dringlichste Schlussfolgerung könnte heißen: verbal und begrifflich abrüsten, abrüsten, abrüsten. Man kann sehen, wie aus den Sozialen Medien großer Druck kommt und die Öffentlichkeit in viele nicht mehr miteinander in Verbindung stehende Öffentlichkeiten zerfällt. Da brauchen alle Medien dringend Vertrauensbildung.

 

Weg von der Besserwisserei

 

Die "Zeit" hat dieser Tage in einem ihrer Texte eine ganz einfache Struktur gewählt: Was wissen wir - Was wissen wir nicht. Das mag ein wenig primitiv klingen, aber es könnte eine Grundformel sein. Zu ergänzen vielleicht durch die Empfehlung, den schon gänzlich aus der Mode gekommenen Konjunktiv wieder in sein sprachliches Recht setzen. Transparent arbeiten, weg von der Besserwisserei, weg von der apodiktischen Zuspitzerei, bereit zur Fehlerkorrektur, bereit zum Eingeständnis, auch einmal noch keine Information, noch keine Erklärung und noch keine Deutung zu haben. Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Und nicht hinter jedem Tweet, hinter jeder Facebook-Äußerung und jeder steilen Formulierung hinterherlaufen.

 

Freilich: Besonders viel Zutrauen, gewonnene Einsichten könnten in diesem schnellen und eitlen Gewerbe nachhaltig werden, sollte man nicht haben. Die nächste Vertrauenskrise kommt bestimmt.

Aus epd medien Nr. 3 vom 15. Januar 2016
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Fritz Wolf