Kritik
333 bei Issos Keilerei
"Terra X: Europa-Saga", sechsteilige Dokumentation mit Christopher Clark, Regie und Buch: Gero von Boehm, Christel Fomm, Martin Carazo, Sabine Klauser, Dorothea Nölle (ZDF)
Frankfurt a.M. (epd). Als der Historiker Christopher Clark vor drei Jahren durch Deutschland tourte, da setzte ihn die Regie in einen roten VW-Käfer Cabrio. Wenn er jetzt durch Europa fährt, ist er vielfältiger, europäischer unterwegs: Durch Amsterdam geht es mit dem Fahrrad und durch Rom auf der Vespa. "Europa-Saga" nennt sich der Sechsteiler des ZDF, in dem Clark, geborener Australier und Professor in Cambridge, einem großen TV-Publikum die europäische Geschichte näher bringen will. Seine These, natürlich: Europa ist nicht einheitlich, sondern vielfältig und vieles, was wir für europäisch halten, kommt aus dem Nahen Osten.

Er exemplifiziert das sogar am eigenen Körper und lässt seine Gene untersuchen. Ergebnis: zu 78,5 Prozent britisch oder irisch, zu 5,1 Prozent Franzose oder Deutscher. Beigemischt sind noch 2,5 Prozent Skandinavier, 11 Prozent Nord und Ostsee - das ist der Anteil der Wikinger in Clark, ein Gedanke, der ihm offenbar gefällt. Ein bisschen Neandertaler ist auch noch dabei und ein wenig Nordafrika.

Beginnend mit der Frage "Woher wir kommen - Wer wir sind" führt Christopher Clark in sechs großen Kapiteln durch die europäische Geschichte. Teil eins widmet sich vor allem der Bedeutung des antiken Griechenland und der Pax Romana für das europäische Selbstbewusstsein. Teil zwei, "Woran wir glauben - Was wir denken" befasst sich mit der Rolle der Religionen, dem Aufstieg des Christentums, den 800 Jahren Al-Andalus in Spanien - "der Islam gehört zu Europa" - und dann den Religionskriegen bis zum Westfälischen Frieden als erstem wirklich europäischen Konvent. Teil drei unter dem Titel "Was uns antreibt - Was wir uns nehmen" kümmert sich um die Expansion Europas, die Eroberungen und die Entdeckungen, von den Wikingern bis zu Britannia rules the waves.

Clark nimmt auch die dunkle Seite Europas in den Blick: Kolonialistische Gier, Ruin ganzer Völker, Sklavenhandel. Insgesamt dürfte gelten, auch in Hinblick auf die noch folgenden Teile: Der Ansatz von Clark und seinen Drehbuchschreibern ist, wenn nicht alles täuscht, eher pessimistisch. In der letzten Folge beschreibt er die Lage in Europa auch aus ihren Krisen heraus und sieht als Lösung vorläufig nur "Navigieren auf Sicht", was immer das heißen mag.

Dass der Lauf durch die Geschichte da in ziemlichem Tempo absolviert werden und manches als Kollateralschaden am Straßenrand liegen bleiben muss, versteht sich fast von selbst. Die Frage ist, ob die zentralen historischen Punkte getroffen werden und wie die Erkenntnisse präsentiert werden. Christopher Clark ist ein souveräner, auch über die nötige Ironie und britischen Humor verfügender Moderator. Das kann man nicht von jedem Presenter sagen. Problematisch sind wie meist die Re-Enactments. Die Spielszenen kommen einem häufig bekannt vor. Dieses wütende Gesicht von Cäsar unter seinem Helm, das war doch schon mal zu sehen. Wie die Osmanen die Hagia Sophia stürmen, das Tor aufbrechen und die Christen niedermetzeln - auch noch erinnerlich. Ebenso die Szene, in der die nach Unabhängigkeit von Großbritannien strebenden Bostoner die Ballen mit Tee im Meer versenken.

Die Erklärung ist einfach: "Die Europa-Saga" ist ein Nachläufer, vielleicht auch ein Nachahmer einer Reihe anderer Produktionen, ein Glied in einer längeren TV-History-Kette. Vor vier Jahren schon fuhr Christopher Clark durch Deutschland nach dem gleichen Muster. Damals begann er bei Deutschland im Urschleim, diesmal bei Europa unter den Gletschermassen der Eiszeit. Damals fand er die frühesten Zeugnisse in den Höhlen auf der Schwäbischen Alb, diesmal in der Höhle von Chauvet.

Zwischen den Moderationen, die Clark an einschlägigen Schauplätzen aufzeichnet, etwa auf dem Nachbau der Caravelle, mit der Vasco da Gama lossegelte, wird die Geschichte mit Spielszenen illustriert. Und die scheinen alle aus dem gleichen Fundus zu stammen. Aus dem bedienten sich die Autoren auch in der Reihe "Ach Europa!", die Arte und ZDF im März dieses Jahres als Zehnteiler präsentierten (Kritik in epd 13/17). Die wurde damals moderiert von Annette Frier und Antonia de Rendinger, das war etwas lustiger aufgepeppt und mit Animationen versehen.

Man fragt sich: warum eine zweite Histotainment-Serie zum gleichen Thema in so kurzem Abstand? Viele Szenen waren auch schon zu sehen im Zehnteiler "Die Deutschen" von 2008 und vermutlich noch in einigen Sendungen mehr. Man wundert sich schon nicht mehr über die Chuzpe, all das inszenierte Zeug wie dokumentarisches Material zu behandeln. Produzent ist in allen Fällen Gruppe 5, die Kölner Produktionstochter des ZDF. Christel Fomm, Gero von Boehm, Stefan Brauburger, das sind die Namen, die immer wieder auftauchen. Der Regisseur der Re-Enactmentszenen ist immer Christian Twente. So recycelt das Geschichtsfernsehen immer wieder die selben nachgestellten Szenen.

Mit dem Sechsteiler hat das ZDF diesmal den Sendeplatz von "Terra X" besetzt, Sonntag zur Primetime, mit hohem Publikumszuspruch. Mag sein, dass das Recycling vielen nicht auffallen wird im Zeitalter sich beschleunigender Medienvergesslichkeit. Was mit den Bildern freilich auch recycelt wird, ist eine bestimmte Sicht auf die Geschichte. Es ist eine Geschichte der Personen, nicht der Strukturen. Der Blick ist eindimensional auf Ereignisgeschichte gerichtet, auf Krönungen und Schlachten, auf Schlachten und Krönungen. Immer noch und immer wieder: 333 bei Issos Keilerei.

Soweit nach drei Folgen erkennbar, wird auch in der "Europa-Saga" nicht die Rede sein von Industrialisierung, Kapitalismus, Arbeiterbewegung, Emanzipation des Bürgertums, Frauenemanzipation. Vielleicht sollten die Macher beim nächsten Mal die fertigen Szenen im Archiv lassen und nach einem neuen Ansatz suchen.

"Terra X: Europa-Saga", sechsteilige Dokumentation mit Christopher Clark

Regie und Buch: Gero von Boehm, Christel Fomm, Martin Carazo, Sabine Klauser, Dorothea Nölle Produktion: Gruppe 5/Interscience Film

Teil 1: "Woher wir kommen - Wer wir sind" (ZDF, 22.10.17, 19.30-20.15 Uhr)
Teil 2: "Woran wir glauben - Was wir denken" (ZDF, 29.10.17, 19.30-20.15 Uhr)
Teil 3: "Was uns antreibt - Was wir uns nehmen" (ZDF, 5.11.17, 19.30-20.15 Uhr)

Aus epd medien Nr. 45 vom 10. November 2017

Fritz Wolf