Kritik
Überdeutlich
VOR-SICHT: "Götter in Weiß", Fernsehfilm, Regie: Elmar Fischer, Buch: Andrea Frischholz, Jörg Tensing, Kamera: Philipp Sichler, Produktion: Cinecentrum Berlin (ARD/NDR, 15.11.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Auf manche Fernsehfilme ist Verlass. Ruft das Mädchen auf dem Fahrrad dem Vater übermütig zu: "Wer zuerst an der Schleuse ist", guckt man besser gleich weg. So sicher darf man sich sein, dass das Kind gleich einen fürchterlichen Unfall haben wird. Auch die Großaufnahme vom Kuscheltier auf dem Kopfsteinpflaster (Regie: Elmar Fischer) konnte der erfahrene Fernsehzuschauer vorhersagen.

Dem Prinzip größtmöglicher Deutlichkeit, besonders, wo etwas eigentlich hätte undeutlich sein sollen, folgt der ganze Medizinskandal-Film: Oh oh, was guckt Herr Doktor Gunnar Hellberg (Jan Messutat), denn immer so windelweich und obendrein verdächtig! Jawohl, der Kerl hat Dreck am Stecken! Na, ob diese gute Freundin seiner Ehefrau und Kollegin, OP-Schwester Franziska (Anneke Kim Sarnau), nicht in Wahrheit eine falsche Schlange ist?

Ja, das ist sie. Wenn auch eine, die sich ganz am Ende läutert und alles zugibt - auf Drängen ihrer guten Freundin, Oberärztin Anna Hellberg (Claudia Michelsen), die hier die Heldin gibt. Die Chirurgin kommt in ihrem ostdeutschen Provinz-Krankenhaus (gedreht wurde in Plau am See) schlimmen Machenschaften auf die Schliche: Nicht nur die OP-Bestecke sind regelmäßig versifft, in der Klimaanlage eines Operationssaals hat sich außerdem ein multiresistenter Krankenhauskeim breit gemacht.

Damit das ohnehin unprofitable Krankenhaus vom sparwütigen Träger deshalb nicht geschlossen wird, geben die Ärzte den Patienten während der OP heimlich vorbeugend Antibiotika. Alle wissen Bescheid, nur Oberärztin Hellberg nicht. Leider vertragen manche Patienten die Medikamente nicht und erleiden einen anapyhlaktischen Schock. Oder sie infizieren sich trotzdem mit dem Keim. Wie die süße Kleine, die den Fahrradunfall hatte.

Die Krankenhauskulisse, vor der der Film spielt, ist interessant: Kostendruck hat aus den einstigen "Göttern in Weiß", den Ehemann der Heldin eingeschlossen, fragwürdig-feige Gesellen gemacht, die längst keine weiße Weste mehr haben. Da das noch nicht abgezahlte Eigenheim so schön am See steht und das Kind am Ort zur Schule geht, will das medizinische Personal sein veraltetes und verkeimtes Krankenhaus, in dem zeitgemäße OPs schon längst nicht mehr durchgeführt werden können, unbedingt erhalten. Wäre doch wirklich lästig, wenn man umziehen müsste.

Der Controller des Trägers (Stefan Ruppe) würde die unrentable Bude lieber dicht machen. Eine gute Volte, denn normalerweise gelten die Kostenrechner der privaten Träger ja undifferenziert als die Superschurken schlechthin, während das medizinische Personal ebenso undifferenziert zu einer Armee von Unschuldsengeln stilisiert wird, die während der Krankenhaus-Privatisierungswelle vom teuflischen Kapitalismus umzingelt wurde.

Tatsächlich sind natürlich auch die "Götter in Weiß" samt ihrer dienstbaren Pflege-Geister fehlbare und egoistische Menschen. Und schon vor der Privatisierung herrschten in vielen Krankenhäusern keinesfalls himmlische Zustände, auch nicht in Sachen Hygiene. Während Anneke Kim Sarnau und Jan Messutat als notorisch undurchsichtige Gestalten hier ziemlich chargieren müssen, überzeugt Claudia Michelsen als diejenige, die unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile bei ihren moralischen Maßstäben bleibt und ethisch handeln will. Wobei die berufliche Baustelle in ihrem Fall zugleich eine private ist.

Die Ärztin muss erkennen, dass auch sie im Alltag schon viel zu lange nicht mehr genau genug hingeschaut und bei zu vielem mitgemacht hatte, bei dem man nicht mitmachen sollte. Zumal, wenn man so leicht Arbeit findet, wie heutzutage Ärzte, die bereit sind, auf dem flachen Land zu arbeiten.

Aus epd medien Nr. 45 vom 10. November 2017

Andrea Kaiser