a) Was ist schon Wochen und Monate vor diesem Event an Erwartungen und Wünschen, an unrealistischen Hoffnungen und ernüchternden Klarstellungen geäußert, gesendet und zu Papier gebracht worden! Es ist aus meiner Sicht nach wie vor bemerkenswert, dass, unter welchen Umständen und mit welchem Erfolg der Papst seine lange geplante und organisierte Deutschlandreise schließlich wegen der besonderen ökumenischen Situation in seiner Heimat verändert hat. Am 8. Februar 2011 hatte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in einem Brief an Benedikt XVI. den Wunsch geäußert, es möge doch zu einer Begegnung und zu einem ökumenischen Gottesdienst kommen. Unter ökumenischen Gesichtspunkten wäre es »reizvoll und ergiebig«, sich über die Bedeutung der Reformation aus evangelischer und katholischer Perspektive auszutauschen. Der rheinische Präses äußerte den »herzlichen Wunsch«, im Blick auf 2017 gemeinsame ökumenische Schritte zu bedenken und schlug als Ort dazu das Evangelische Augustinerkloster in Erfurt vor. Am 28. Februar antwortete der Papst dem »lieben Bruder in Christus« Schneider in einem Schreiben, das unter merkwürdigen Umständen vorab in der Presse bekannt geworden war. Er habe »den zuständigen Instanzen« mitgeteilt, dass »in dem Land, in dem die Reformation ihren Ursprung nahm, ein stärkerer ökumenischer Akzent notwendig« sei: »Ich werde alles tun, damit die Begegnung mit den evangelischen Christen gebührenden Raum erhält.«
b) Deshalb muss ich auf der einen Seite denen zustimmen, die die Begegnung im ehemaligen Augustinerkloster als »die eigentliche Botschaft« schlechthin bezeichneten.14 Exakt hat dies der frühere EKD-Ratsvorsitzende Eduard Lohse so auf den Punkt gebracht: »Sein Gastgeschenk war und ist er selbst, der an der Stätte, wo im Ringen eines Augustinermönchs die Reformation ihren Anfang genommen hat, zu gottesdienstlicher Gemeinschaft einkehrt.« Immerhin bei der nicht-öffentlichen Begegnung im Kapitelsaal des Klosters würdigte der Papst Luthers reformatorische Fragestellung nach Sünde und Gnade. Er stellte zwar nicht die bis heute trennenden Themen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, sondern erinnerte an die gemeinsamen christlichen Fundamente. Die Rückbesinnung darauf war Benedikt XVI. durchgängig wichtiger als die aus verschiedenen Richtungen erwarteten Überraschungsgeschenke zu – kontroverstheologisch betrachtet – für Rom nicht einfach zu lösenden Fragen im Amts- und Eucharistieverständnis. Der Papst hat aber wohl ganz bewusst nicht schon vorneweg auf Präses Schneiders Vorschlag geantwortet: »Ins Erfurter Augustinerkloster gehe ich nicht, weder geistig noch körperlich!«
c) Auf der anderen Seite muss man ganz nüchtern bedenken, dass Benedikt XVI. schon mehrfach klar die Grundlagen reformatorischer Theologie und ihre gesellschaftlichen Folgen kritisiert hat.16 Immer wieder geäußerte Erwartungen auf eine römische Bereitschaft zur eucharistischen Gastbereitschaft (nicht nur im Blick auf die Situation konfessionsverschiedener Paare), für eine kirchenrechtlich leicht mögliche Lockerung des Pflichtzölibats, für die Zulassung von Frauen zum Diakonat oder wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie konnten keinerlei Erfolg haben. Die bekannten theologischen Gegenargumente ausgewiesener katholischer Fachleute finden eben in Rom wenig Gehör. Von daher war es nur ehrlich und konsequent, dass der Papst vor dem Beginn seiner Deutschlandreise schon im »Wort zum Sonntag« am 17. September betont hatte: »Wir erwarten keine Sensationen. Das eigentlich Große daran ist eben dies, dass wir miteinander an diesem Ort denken, das Wort Gottes hören und beten, und so inwendig beieinander sind und sich wahrhaft Ökumene ereignet.«
d) Damit sind wir bei der komplizierten Frage nach dem Verständnis von Ökumene überhaupt. Ich freue mich in diesem Zusammenhang sehr, dass die EKD in ihrer 20-köpfigen Delegation die methodistische Bischöfin Rosemarie Wenner als (Vize-) Präsidentin der »Vereinigung Evangelischer Freikirchen« (VEF) berücksichtigt hat. Damit wurde ein klares Votum für mehr innerevangelische Ökumene ausgesprochen. Und ich meine, dass sich insgesamt die These der früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann, sie erwarte von diesem Papst nichts in der Ökumene, durch den Besuch Benedikts XVI. leider nur bestätigt hat. Man könnte allenfalls ergänzen: nichts außer ökumenischen Gesten und Hinweisen auf das bereits gemeinsam Erreichte und dessen Bewahrung. Daher widerspreche ich auch den Äußerungen des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller, der zur Käßmann-These noch im April 2011 in einem Interview behauptet hatte: »Das war eine böse Rempelei. Hier stellt man sich Ökumene so vor, dass wir protestantisch werden. Wir sind und bleiben selbstbewusste und überzeugte Katholiken.« Weder Margot Käßmann noch ich verstehen unter Ökumene, dass römisch-katholische Christen protestantisch werden oder umgekehrt. Ich meine aber, dass Erkenntnisse und Ergebnisse ökumenischer Dialoge zu einer Erleichterung des alltäglichen Umgangs unter Christen verschiedener Konfession werden sollten und könnten. Daher stimme ich der Präses der EKD-Synode Kathrin Göring-Eckart zu, die beim Gottesdienst in der Augustinerkirche einen diplomatisch korrekten und zugleich hoffnungsvollen Ton fand: Zum »richtigen Zeitpunkt« würden Katholiken und Protestanten »füreinander den Tisch decken« und zwar »nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen«.
e) Angesprochen werden muss noch ein altes Thema, das auch 2011 wieder einmal für Aufregung und Verwirrung gesorgt hat: Der Papst als Sprecher der Christenheit? Seit 1964 gibt es den Vorschlag des Limburger Weihbischofs Walter Kampe (1909-1998), eine neue Form des Weltkirchenrates zu installieren. Damit sollten alle Kirchen und Konfessionen ein Forum bei aktuellen Herausforderungen erhalten. Als dessen »Sprecher der Christenheit« sollte der Papst fungieren, aber »ohne jegliche jurisdiktionelle oder lehramtliche Autorität über andere Kirchen«.23 Es ist zwar merkwürdig, aber doch nicht von der Hand zu weisen, dass sich in einen etwa zehnjährigen Rhythmus die Diskussion hierzu neu entfacht.24 Kurz vor dem Papstbesuch sorgte ein Beitrag Reinhard Frielings unter der nicht von ihm autorisierten Überschrift »Bitte sprechen Sie für alle!« für Unruhe.25 Die Pressedienste hatten seinen Text entweder nicht gründlich gelesen oder absichtlich nur ungenau wiedergegeben. Frieling erfuhr vor allem wegen folgender Formulierung Widerspruch: »Ein Großereignis wie der bevorstehende Besuch Papst Benedikts XVI. in Deutschland ruft neue Hoffnungen wach. Der Besuch kann der Vision neue Impulse geben: Der Traum von der Gemeinschaft aller Christen kann Wirklichkeit werden, wenn Protestanten und Orthodoxe dem Papst die Rolle eines Ehrenoberhaupts der Christenheit antragen.« Obwohl Frieling dann selbst einräumt, der Papst müsste dafür »zugunsten einer neuen Führungsrolle … häufig auf eine hierarchische Durchsetzung seines gesetzgeberischen Anspruchs verzichten« und dieser Änderung keine realistische Chance einräumte, gab es Rückfragen an den Autor und seine frühere Wirkungsstätte im südhessischen Bensheim. Frieling präzisierte daraufhin seine bekannte und nach wie vor treffliche These »Gemeinschaft mit, nicht unter dem Papst«. Er ergänzte diese so: »In außergewöhnlichen Situationen kann er (d.h. der Papst, FB) in Absprache mit anderen im Namen der ganzen Christenheit sprechen.« Ich vertrete hierzu seit Jahren eine andere Auffassung: Das Papstamt ist von seiner historischen Entwicklung her und wegen seiner von keiner anderen Kirche geteilten Machtfülle für eine solche Funktion ganz und gar ungeeignet. Wenn die römisch-katholische Kirche eine so verankerte Sprecherfunktion für die ganze Christenheit wirklich wollte, müsste sie bzw. der Papst zuerst einschlägige Bestimmungen des Kirchenrechts außer Kraft setzen und dann endlich Mitglied im ÖRK werden. Dessen Präsidentinnen und Präsidenten melden sich ja regelmäßig (etwa durch ihre Pfingstbotschaft) stellvertretend für die dem ÖKR angehörenden Kirchen zu Wort.
f) Zusammenfassung: Keinesfalls war die Begegnung des Papstes mit Vertreterinnen und Vertretern evangelischer Kirchen in Deutschland eine »Sternstunde der Ökumene«, wie Bischof Gerhard Ludwig Müller, der Ökumenebeauftragte der katholischen Bischofskonferenz behauptet hat.26 Man wird auch künftig wie der alt-katholische Bischof Matthias Ring differenzieren müssen zwischen Erwartungen und Wünschen in der Ökumene.27 Erwartungen können und müssen auch enttäuscht werden. Wünsche haben einen langen Atem. Ich habe es nicht erwartet, freilich nicht, aber mein geheimer Wunsch ist es schon gewesen, dass der deutsche Papst beim Gottesdienst in der Augustinerkirche den katholischen Luther mit einem seiner markanten Worte gewürdigt hätte. Genauso habe ich mir gewünscht, Benedikt XVI. hätte einmal zumindest erinnert an das berühmte Schuldbekenntnis des vorletzten deutschen Papstes. Hadrian VI. (1522-1523) war 1523 nicht nach Deutschland gekommen; aber er ließ beim Nürnberger Reichstag von einem Legaten einen Text verlesen, der sowohl den Irrtum von Luthers Lehre benannte, aber zugleich die schweren Fehler seiner Kirche bekannte, die die Reformation auslösen mussten: »Wir bekennen aufrichtig, dass Gott diese Verfolgung seiner Kirche geschehen lässt wegen der Sünden der Menschen, besonders der Priester und Prälaten […] Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen ist: Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Ärgeren verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat. […] Deshalb sollst du in unserem Namen versprechen, dass wir allen Fleiß anwenden wollen, damit zuerst der Römische Hof, von welchem vielleicht all diese Übel ihren Anfang genommen, gebessert werde […]«28. Eine solche oder ähnliche Geste Benedikts XVI. hätte »Canossa« schon ganz schön nahe mit Erfurt und auch mit Nürnberg verbunden.
(aus epd Dokumentation 42/2011)

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