ökumene
Kardinal Müller
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Kirche als Ort der Rechtfertigung
Luther und die Sakramente. Eine katholische Relecture in ökumenischer Perspektive. Internationales Symposium, Päpstliche Universität Gregoriana, Rom, 26. Februar bis 1. März 2017
Rom. Im Sommersemester des Jahres 1932 hielt der junge Privatdozent Dietrich Bonhoeffer (1906- 1945) an der Berliner Humboldt-Universität eine Vorlesung zum Thema »Das Wesen der Kirche«.

Darin macht er die für einen Theologen lutherischen Bekenntnisses erstaunliche Feststellung: »Als überaus wirksame Fehlerquelle erwies sich im Protestantismus sehr früh das individualistische Denken. Man ging von dem einzelnen Frommen aus. Kirchenbegriff als Voraussetzung der Theologie hätte sicherstellen sollen, dass Gemeinschaft das Primäre ist, Kirche als Gemeinde und nicht als Summe vieler einzelner ... Der Zerfall des Gemeindegedankens setzt unmittelbar nach Luther ein. Luther verstand seinen Kampf mit Rom als Kampf um Erhaltung oder Wiedergewinnung der ursprünglichen Gemeinde Christi. Um Lehrstreitigkeiten ging es nur sekundär. Auch im Kampf suchte er noch Gemeinschaft mit der katholischen Kirche vom Ursprung her. Der Schmerz über verlorene Gemeinschaft ging bald nach Luther verloren. Übrig blieben Lehrstreitigkeiten, in denen es zwangsläufig zur Überbelastung, zur Verhärtung der Begriffe kommen musste. – ... Es entstand ein Luthertum, das sich vom Gemeindegedanken gelöst hatte. Protestantismus verstand sich im wesentlichen als Protest gegen die Kirche. Verhängnisvoll war diese Isolierung gerade in der Rechtfertigungslehre. Luther verstand sie als einen Satz, der die Gemeinde hält. Sie steht bei ihm im Dienst des Gemeindegedankens. Aber das geht bald verloren. Übrig bleibt die Frage, wie der einzelne zum rechten (rechtfertigenden) Glauben an Gott kommt. Der einzelne wird zum Subjekt der Gotteserkenntnis.« Nicht also die Frage nach der Gewissheit des Heils im Glauben, wie sie in Luthers Frage: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« zum Ausdruck kommt, widerstreitet dem katholischen Glaubensbekenntnis, sondern seine individualistischenggeführte Gegenüberstellung zur Kirche als Gemeinschaft des Glaubens und der Hoffnung in der Liebe. (vgl. Röm 5,1-5). Auch besteht kein Dissens über die zentrale Stellung Bedeutung der iustificatio impii. Denn nach Thomas von Aquin ist Rechtfertigung des Sünders das größte Werk Gott, das die Schöpfung übertrifft, weil sie ihr Ziel ist und der Mensch durch das Innewohnen Gottes in der Seele im dreifaltigen Gott selbst vollendet ist. Und auf die Frage nach der Heilsgewissheit des Menschen im Pilgerstand antwortet die katholische Tradition mit Thomas von Aquin: »Die Hoffnung stützt sich nicht hauptsächlich auf die Gnade, die man hat (als heiligmachende und aktuelle Gnade), sondern auf die Allmacht und Barmherzigkeit Gottes, durch die einer, der sie (noch) nicht hat, erstreben kann, um das ewige Leben zu gewinnen. Der Allmacht und Barmherzigkeit Gott gewiss ist jeder, der den Glauben hat.« Wenn also einer nicht zum ewigen Leben gelangt, kommt das nicht aus einem Mangel an Gottes Zuwendung, sondern weil wir uns im freien Willen der Erreichung des Ziels im ewigen Leben verschließen.

Die lutherische Überzeugung von der Heilsgewissheit ist also keineswegs für sich genommen ein kirchentrennendes Lehrstück sowohl in der Rechtfertigungslehre wie auch in der Ekklesiologie. Die innere Verbindung von Rechtfertigung des Sünders und der Kirche als Heilsgemeinschaft im dreifaltigen Gott muss ein Hauptthema des ökumenischen Dialogs werden.

Mit Bonhoeffer können wir womöglich eine Brücke schlagen.

Bonhoeffer war als Schüler Adolf von Harnacks und Reinhold Seebergs im Klima des Kulturprotestantismus und des liberalen Bürgertums aufgewachsen, aber auch beeinflusst von der Luther- Renaissance um Karl Holl. Bei Harnack war das reformatorische Christentum nur kulturstiftender Ausdruck gemeinsamer religiöser Erfahrungen im Unterschied zum katholischen Begriff der Kirche als einer sakramentalen Institution, die sich im Dogma mit unfehlbarer Autorität ihrer göttlichen Stiftung vergewissert.

In einem Brief an Erik Peterson vom 26.6 1928 schrieb Harnack: »Der Protestantismus muss rund bekennen, dass er eine Kirche wie die katholische nicht sein will und nicht sein kann, dass er alle formalen Autoritäten ablehnt und dass er ausschließlich auf den Eindruck rechnet, welchen die Botschaft von Gott und dem Vater Jesu Christi und unserem Vater hervorruft.« (...)

Vorträge des Symposiums sind auf YouTube eingestellt (www.luther-roma.net/de/videos), der Vortrag von Kardinal Müller ist bis zum 6. Juni 2018 als Video verfügbar unter: http://u.epd.de/u5u

Aus epd Dokumentation Nr. 32 vom 8. August 2017

 

Gerhard Ludwig Kardinal Müller

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