Durch den Kleiderschrank

C.S. Lewis und die wunderbare Welt von Narnia

von Ulrich Sonnenschein

Was sind das eigentlich für Geschichten, diese „Narnia“-Chroniken, die im Dezember mit Macht ins Kino drängen – in die Lücke, die der Herr der Ringe hinterlassen hat? Zufällig handelt es sich um einen Klassiker der englischen Kinder- und Jugendliteratur, geschrieben von C.S. Lewis, einem Zeit- und Trinkgenossen J.R.R. Tolkiens. Eine Einführung in die Narniologie von dem Literaturwissenschaftler und Filmkritiker Ulrich Sonnenschein.

Im Grunde ist alles ganz einfach. In dem Moment, in dem Lucy die Tür des alten Kleiderschranks öffnet, verschwindet die triste Ereignislosigkeit des viktorianischen England, das sich im Haus des alten Professors bis in die vierziger Jahre hinein gehalten hat, und eine Welt eröffnet sich, die all das bietet, was man in den klassischen Mythen des alten Europa finden kann. Lebende Bäume, Nymphen, Faune, Satyre, Zwerge, Riesen, Götter, Zentauren und sprechende Tiere. Allen voran Aslan, der weise Löwe und Herrscher über die Geschicke einer Welt, die eher als historisierte Metapher denn als Fläche fantastischer Freiheit existiert.

Als der Ire Clive Staples Lewis (29.11.1898 – 22.11.1963) seine Narnia-Chroniken zu schreiben begann, war der Zweite Weltkrieg gerade drei Jahre vorbei. Lewis wusste, was Krieg bedeutet. Im Ersten Weltkrieg war er schwer verwundet worden, sein bester Freund gefallen. Daher bot Lewis, als 1939 die Bomben auf London niedergingen, einigen Flüchtlingskindern sein Haus als Unterschlupf an. Bislang hatte er dort mit seinem Bruder und der Mutter seines verstorbenen Freundes gelebt und sich in der Gegenwart von Kindern nie so recht wohl gefühlt. Das änderte sich nun. Wie das dunkle, leblose Haus des alten Professors in „The Lion, the Witch and the Wardrobe“, das nur eine Pforte in die bunte Welt der Fantasie ist, wurde das Haus des Autors zum Ort der Inspiration. So machte sich Lewis, der sich im Alter von vier Jahren mit nachhaltiger Wirkung Jack genannt hatte, erste Notizen für ein Kinderbuch. Schreiben sollte er es allerdings erst viel später, nachdem er 1947 mit einem heute weitestgehend vergessenen Buch „Dienstanweisung für einen Unterteufel“ weltberühmt – und schließlich zu Margaret Thatchers Lieblingsschriftsteller – wurde. Die autobiografischen Bezüge in den Narnia-Chroniken gehen also in zwei Richtungen. Eines der von Lewis aufgenommenen Flüchtlingskinder wurde zum Vorbild des Jungen, der im Buch zum König von Narnia gekrönt wird, während der Protagonist in „The Magician’s Nephew“ – der erste Besucher Narnias – auf den Autor selbst zurückverweist.

Mythische Kreaturen
Sechs Jahre schrieb C.S. Lewis an den sieben Bänden der Narnia-Chroniken. Doch anders als bei J.K. Rowling mit „Harry Potter“ oder seinem Freund und zeitweiligen Widersacher J.R.R. Tolkien mit dem „Herrn der Ringe“ gab es kein übergreifendes Konzept. Lewis begann „The Lion, the Witch and the Wardrobe“, ohne zu ahnen, dass er noch sechs weitere Bände schreiben würde. So sind die Folgebände nur insofern Teil des Ganzen, als sie sich alle auf die märchenhafte Welt Narnias beziehen. Tatsächlich sind die Geschichten so unterschiedlich, dass es auch über die Reihenfolge der Bücher Kontroversen gab. Denn so wie Lewis die Chroniken zwischen 1948 und 1954 schrieb, sollten sie nicht gelesen werden. Er selbst folgte in dieser Auffassung dem Hinweis eines jungen Lesers, der den letzten Band an den Anfang stellte und zu dieser Reihenfolge kam: „The Magician´s Nephew“ ( geschrieben 1954, erschienen 1955), „The Lion, the Witch and the Wardrobe“ (geschrieben 1948, erschienen 1950), „The Horse and his Boy“ (geschrieben 1950, erschienen 1954), „Prince Caspian – The Return to Narnia“ (geschrieben 1949, erschienen 1951), „The Voyage of the Dawn Treader“ (geschrieben 1950, erschienen 1952), „The Silver Chair“ (geschrieben 1951, erschienen 1953), „The Last Battle“ (geschrieben 1953, erschienen 1956).

Diese Reihenfolge orientiert sich vor allem an dem Verlauf der narnianischen Zeit und wird darin der Fiktion einer übergreifenden Struktur gerecht, die es so gar nicht gab. In den 49 Jahren, die in den sieben Bänden auf der Erde vergehen, durchläuft die Geschichte in Narnia eine Zeitspanne von 2555 Jahren. Eine Zeit, die mit den ersten Gesängen Aslans beginnt, aus denen Narnia entsteht, und mit dem letzten Kampf gegen die Kalormen endet. Narnia geht unter, doch alle Geschöpfe, die Aslan liebt, folgen ihm in ein neues Narnia, das die Ewigkeit überdauern wird. Zur gleichen Zeit hat es in England ein Zugunglück gegeben, bei dem all die Kinder, die mit Aslan ziehen, ums Leben gekommen sind. Hier endet das nach dem Schritt durch den Kleiderschrank immer etwas unmotivierte Hin und Her zwischen Märchenwelt und Wirklichkeit.

C.S. Lewis war ein zutiefst gläubiger, spiritueller Mensch, und seine Narnia-Welt ist nicht nur Mythen und Märchen nachempfunden, sondern auch einer religiösen Utopie verpflichtet. Der Maschine Krieg, die Lewis im Ersten Weltkrieg kennen gelernt hatte, in einer aus den Fugen geratenen Welt, wird hier eine mittelalterliche Würde entgegengehalten. Vor allem aber findet sich in Aslan, dem Löwen, eine Art säkularisierter Heiland. Mit religiöser Inbrunst wird dieses übernatürliche Wesen zwischen Zweifel, Furcht und Liebe mitgeführt: „Ich bin auf Aslans Seite“, heißt es einmal, „selbst wenn es keinen Aslan gibt.“

Verfilmbar durch CGI
1993 hat Richard Attenborough mit Shadowlands (s.a. epd Film 4/94) einen wichtigen Abschnitt aus dem Leben von C.S. Lewis mit Anthony Hopkins und Debra Winger verfilmt, voller verklärender Sehnsucht nach dem einfachen, wohlgeordneten Leben, das es nur in Oxford oder Cambridge noch gibt, hinter den Mauern der altehrwürdigen Colleges. Es ist die Geschichte einer späten Liebe zwischen dem berühmten Professor Jack Lewis und der amerikanischen Dichterin Joy Gresham. Als sie erfährt, dass sie an Knochenkrebs sterben wird, heiratet er sie, und beide erfahren Schmerz und Glück in biblischen Ausmaßen. Die in pastosem Öl gemalten Bilder dieses Films passen genau zu Lewis´ eigener Utopie, dem populär-religiösen Verständnis der Welt, das er in seinen Aufsätzen predigte und dem auch die Narnia-Welt letztlich ihre Existenz verdankt.

Dass es bislang zu keiner (Kino-)Verfilmung der sieben Bücher kam, liegt vor allem daran, dass sich der tricktechnische Aufwand bei einer doch sehr kindlichen Handlung nicht zu lohnen schien. Das hat der enorme Kino-Erfolg von Harry Potter und dem Herrn der Ringe nun widerlegt. Regisseur Andrew Adamson ist wie Peter Jackson Neuseeländer und wie dieser vor dem Herrn der Ringe kein Regisseur, dessen Name dem ganz großen Publikum leicht über die Lippen ginge. Und das, obwohl er für die beiden Animationsfilme Shrek und Shrek 2 verantwortlich zeichnet. Der Übergang zu einem Realfilm stellt ihn nun vor ganz andere Herausforderungen. Welcher Grad der Illusion sich in der digitalen Welt herstellen lässt, das hat Peter Jackson uns beispielhaft gezeigt, und so sehen Adamsons Kreaturen den Orks nicht unähnlich. Kein Wunder, denn auch hier hat Richard Taylor, der für seine Spezialeffekte in Herr der Ringe mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, Hand angelegt.

C.S. Lewis hatte sich schon zu Lebzeiten vor Märchen- und Fantasy-Autoren wie Edith Nesbith und George MacDonald verbeugt, indem er sie zitierte. Mit Tolkien teilte er sich die Illustratorin des „Bauer Giles von Ham“, Pauline Baynes, die auch die Erstausgaben der Narnia-Bücher illustrierte. Doch trotz gewisser verwandtschaftlicher Beziehungen zum „Herrn der Ringe“ ist Narnia als Weltentwurf viel einfacher, additiver und in seiner Handlungsführung kindgerechter. Während Tolkien seiner Welt einen wie immer pauschalen historisch-philosophischen Entwurf zu Grunde legte, der im Kampf des Guten gegen das Böse gipfelt, ist der Konflikt bei C.S. Lewis noch deutlicher als in den „Potter“-Büchern märchenhaft vereinfacht und auf ein naives Verständnis zurechtgeschnitten.

In der bislang größten Produktion der Disney-Studios wird die Geschichte des ersten, in der logischen zeitlichen Folge zweiten Narnia-Bandes verfilmt. Das liegt aber nicht daran, dass sich die Autoren entschlossen hätten, die Bücher in der Reihenfolge ihrer Schöpfung zu verfilmen. Vielmehr ist „The Magician´s Nephew“ spürbar die nachgelieferte Genesis des ganzen Zyklus, ein Buch, in dem rein optisch weit weniger Variationen auftauchen als in „The Lion, the Witch and the Wardrobe“. Dieses Buch schrieb Lewis zuerst und damals mit der Idee der Einzigartigkeit. Man weiß nicht, ob alle sieben Bände ihren Weg auf die Leinwand finden werden. Doch man kann die Utopie von C.S. Lewis in ihrem ganzen Umfang in diesen einen Film packen, ohne sich quer durch die Chroniken arbeiten zu müssen. Ein grenzenloses Spielfeld für digitale Tricks, betörende Bilder und grandiose Masken ist es allemal.

epd Film 12/2005

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