L’enfant

Der neue, preisgekrönte Film der Brüder Dardenne

Bruno ist 20, und sein Lebensmotto ist einfach: „ Arbeiten, das ist etwas für Arschlöcher.“   Er benimmt sich immer noch wie ein großer Junge, lebt von Diebstählen,  die zwei 14-jährige Jungs für ihn verüben. Zu Geld hat er dabei kein besonderes Verhältnis; wenn er welches hat,  gibt er es aus. Das Problem ist nur, Bruno macht alles zu Geld. Als seine Freundin Sonia sein Kind entbindet, vermietet er kurzerhand für eine Woche ihre Sozialwohnung. So steht Sonia nur Stunden nach der Geburt vor  ihrer eigenen verschlossenen Wohnungstür und begibt sich auf die Suche nach ihrem Freund.

Wie schon bei Rosetta oder Der Sohn verfolgen die Dardenne-Brüder ihre Figuren mit einer sehr mobilen, physisch präsenten Handkamera. Man hat als Zuschauer immer das Gefühl, dem Geschehen direkt beizuwohnen. Das macht die Spannung und ungeheure Intensität des Kinos der beiden belgischen Filmemacher aus. Sonia ist dabei bestimmt ihre bisher rührendste Figur – wie sie in einer Mischung aus „Noch-Kind“ und „Schon-Mutter“ versucht, ihren Alltag zu meistern, und von  Bruno ein Minimum an Verantwortung einfordert. Aber der mag seinen Sohn Jimmy noch nicht einmal auf den Arm nehmen. Die erste gemeinsame Nacht verbringen die drei getrennt  in einem Obdachlosenheim. Am nächsten Morgen steht Bruno protzig mit einem Cabriolet vor der Tür, um seine Freundin und das Kind auszufahren. Aber nur kurze Zeit später verkauft er völlig emotionslos seinen kleinen Sohn für ein paar tausend Euro. „Wir können ja ein neues Kind machen“, sagt er zu seiner völlig erschütterten Freundin, die zusammenbricht. Aus Angst, Sonia könne auspacken, versucht Bruno dann, den kleinen Jimmy zurückzubekommen. Ein langsamer Prozess des Verantwortung-Übernehmens beginnt. Und wenn im Schlussbild Sonia und Bruno im Besucherraum eines Gefängnisses eng umschlungen weinen, dann ist dieser kraftvolle Höhepunkt für das Kino der Dardennes versöhnlich.

L'enfant ist sicherlich der wärmste und emotionalste Film der Brüder, die seit ihrem Durchbruch mit La Promesse 1996 all ihre Filme in der Industriestadt Seraing, zehn Kilometer entfernt von Lüttich, gedreht haben. Die einstige Stahlstadt, in der es einmal eine starke Arbeiterbewegung und viel Solidarität untereinander gab, hat unter den ökonomisch-sozialen Veränderungen der letzten 30 Jahre sehr gelitten. Und wie Chronisten haben Jean-Pierre und sein drei Jahre jüngerer Bruder Luc zunächst Videoreportagen und Dokumentarfilme, später Spielfilme gedreht, in denen sie vom Wertewandel berichten und Asylbewerber, Arbeitssuchende oder  Kleinganoven porträtieren.

Die Dardennes gehören zu den Filmemachern, die sich stilistisch und inhaltlich von Film zu Film treu bleiben und dennoch weiterentwickeln. Ihre Geschichten inszenieren sie nie als anklagende Melodramen, sondern wie rohe Alltagsthriller, die den Zuschauer wie ein Schlag in den Bauch treffen. Wenn in La Promesse ein illegaler Arbeiter aus Afrika vom Baugerüst fällt und stirbt, in Rosetta das Mädchen ihren einzigen Freund fast bewusst ertrinken lässt oder in Der Sohn nie klar ist,  ob der Vater Roger sich nicht am minderjährigen Mörder seines Sohnes rächen wird, sind diese Szenen an Spannung kaum zu überbieten.

Verlassen können sich die Dardennes dabei immer auf ihre jugendlichen Darsteller, die sie in aufwändigen Castings finden, die sie selbst leiten. Jérémie Rénier der in La Promesse erst 14 Jahre alt war, hat inzwischen bei François Ozon oder in Hochglanzproduktionen wie Der Pakt der Wölfe gespielt und ist als Bruno einfach sensationell, weil er es schafft,  mit seinem Lausbubencharme doch irgendwie sympathisch zu bleiben. Déborah François als Sonia ist ebenso eine Entdeckung wie vor sechs Jahren Emilie Dequenne in Rosetta, die seitdem  viele Hauptrollen, unter anderem bei Claude Berri, spielte.

Während Rosetta jedoch harte Züge aufwies, eine Kriegerin im Brechtschen Sinne war, ist Sonia eine Figur, mit der man mitgeht, mitleidet, mithofft. Diese junge Mutter, die sich durchbeißt und allmählich herausfindet, was sie will und nicht will, gehört zu den aufregendsten Leinwandheldinnen des Jahres.

Jörg Taszman

L’enfant ist der zweite Film der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, der in Cannes die Goldene Palme erhielt. Mit dem emotionalen Sozialthriller um zwei junge Eltern, die selbst fast noch Kinder sind, aber lernen, Verantwortung zu übernehmen, sollte den Dardennes endlich auch der Durchbruch in Deutschland gelingen.

L’enfant
Belgien/Frankreich 2005. R und B: Jean-Pierre und Luc Dardenne. P: Jen-Pierre und Luc Dardenne, Denis Freyd. K: Alain Marcoen. Sch: Marie-Hélène Dozo. T: Thomas Gauder. A: Igor Gabriel. Ko: Monic Parelle. Pg: Les Films du Fleuve/Archipel 35/RTBF/Scope Invest/Arte. V: Kinowelt. L: 93 Min.  Da: Jérémie Rénier (Bruno), Déborah Francois (Sonia), Jérémie Segard (Steve), Olivier Gourmet (Polizist), Fabrizio rongione (Dieb), Stéphane Bissot (Hehlerin), Mireille Bailly (Brunos Mutter).



Start: 17.11. (D), 12.1. (CH)




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