Brothers Grimm - Lerne das Fürchten

Terry Gilliams Märchen-Potpourri mit Heath Ledger und Matt Damon

Bereits Anfang der sechziger Jahre waren die Gebrüder Grimm Titelhelden eines Spielfilms. In der schönen Cinerama-Produktion The Wonderful World of the Brothers Grimm, inszeniert von Henri Levin und produziert vom legendären Special-Effects-Maestro George Pal, spielten Laurence Harvey und Karl-Heinz Böhm die Brüder. Auch dieser Film versuchte bereits in Ansätzen, die Biografie der beiden Brüder mit den gesammelten Märchen zu verknüpfen. In Volkskunst und Pop Art scheinen Autoren schnell selbst zu fiktiven Charakteren zu werden.

Jetzt haben Terry Gilliam und Drehbuchautor Ehren Kruger, der bekannt ist für spiralförmige, schwindelerregende Szenarien wie das für Arlington Road, die Gebrüder Grimm folgerichtig als die Urahnen des illusionären Kinos entdeckt. Jeder der Brüder ist in Gilliams Film so etwas wie ein Spielberg und ein Indiana Jones zugleich; die beiden erleben ein Abenteuer, das sich aus unzähligen Bruchstücken ihrer Märchen zusammensetzt. Wilhelm und Jakob heißen nun Will und Jake. Im französisch besetzten Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts arbeiten sie als eine frühe Form von Ghostbusters. Sie lassen sich von Gemeinden anheuern, die angeblich von Hexen heimgesucht werden. Natürlich beruhen die eindrucksvollen Dämonenerscheinungen und die theatralische Austreibung auf der Inszenierung und den Spezialeffekten der Brüder, wobei ihnen noch ein paar arbeitslose Schauspieler behilflich sind. Die Brüder haben sich so beim Volk als glamouröse Geisterjäger einen Ruf erlangt, der an den von Popstars erinnert.

Eines Tages kommt dem tricksenden Duo freilich die französische Besatzungsmacht auf die Schliche. General Telatombe, ein Gourmet und Sadist, will die beiden Fantasy-Guerilleros eigentlich hinrichten lassen. Doch da gibt es noch den bizarren Fall des Städtchens Marbaden. Dort sind im nahe gelegenen Wald mittlerweile zehn kleine Mädchen verschwunden, darunter Rotkäppchen und auch Gretel, die Schwester von Hänsel. Die Franzosen – stets Aufruhr befürchtend – wollen den Fall gelöst haben. So schickt Telatombe die Brüder, die er sowieso verdächtigt, hinter all den düsteren Machenschaften zu stecken, nach Marbaden. Überwacht werden sie dabei von Telatombes rechter Hand, dem durchgeknallten Italiener Cavaldi, den Peter Stormare eher enervierend als furios darstellt.

Der unheimliche Wald nahe Marbaden lässt die Grimms staunen und gibt ihnen Rätsel auf. Ist er eine gigantische Kulisse oder ein schrecklicher Tatort? Gilliam und die Szenenbildner haben den Wald als stilisierte innere Landschaft voller sexual-psychologischer Zeichen gestaltet. Auch als großes Spiegelbild der so unterschiedlichen Brüder, ihrer Träume und Sehnsüchte. Während nämlich Will den pragmatisch-vernünftigen Part abgibt, stellt Jake den Träumer dar, welcher der Wahrheit in den Mythen und Geschichten auf die Spur kommen will. Die beiden, sie verkörpern gewissermaßen Aufklärung und Romantik, berechenbare Illusion und mysteriöse Magie. Und dabei sind sie untrennbar miteinander verbunden: Brüder, zwei Seiten einer Medaille, aus deren Geist das Kino geboren ist.

In Gilliams Film stecken sicherlich großartige Ideen, eine kleine Historie des Fiktionalen etwa und die fast organische Verbindung von Spezialeffekten und psychologischen Archetypen. Auch die Dreiecksgeschichte zwischen Will, Jake und dem gefährdeten Mädchen Angelika, die anscheinend die Geheimnisse des Waldes kennt, birgt ein erotisches Spannungsfeld. Selbst die skurrilen Verdrehungen vor allem in der Besetzung wirken noch charmant. So spielt der körperliche Heath Ledger den sensiblen Jake, der sonst grüblerische Matt Damon den tatkräftigen Will. Der Brite Jonathan Pryce gibt den bösen Bilderbuch-Franzosen und der Schwede Peter Stormare schmettert den Parade-Italiener auf die Leinwand.

Doch Gilliam übt sich nicht nur in spannenden Verdrehungen. Er läuft zu oft Gefahr, die komplexe Grimm-Story zu überdrehen. Eine Gefahr, die bei vielen genuinen Fantasy-Filmemachern wie Tim Burton oder Wenzel Storch zu beobachten ist: der Hang zum überbordenden Erzählen, zur erdrückenden Groteske. So bleiben auch bei der Grimmschen Eroberung des Rapunzel-Turms bei Marbaden, in dem Monica Belucci als große Verführerin haust, die wirklich magischen Momente auf der Strecke.                 

Hans Schifferle

Eine Terry-Gilliam-Fantasmagorie über die Gebrüder Grimm als Popstars am Tatort deutscher Wald. In einer allzu überdrehten Inszenierung gehen aber die magischen Momente und tollen Ideen über das Geschichtenerzählen unter.

The Brothers Grimm
Großbritannien/Tschechien 2005. R: Terry Gilliam. B: Ehren Kruger. P: Charles Roven, Daniel Bobker. K: Newton Thomas Sigel. Sch: Lesley Walker. M: Dario Marianelli. T: Ivan Sharrock. A: Guy Hendrix Dyas, Frank Walsh. Ko: Gabriella Pescucci. Sp: Simon Taylor, Mike Kelt, Kent Houston. Pg: Dimension/MGM/Mosaic Media Group. V: Concorde. L: 118 Min. Da: Matt Damon (Will Grimm), Heath Ledger (Jake Grimm), Monica Bellucci (Spiegelkönigin), Peter Stormare (Cavaldi), Lena Headey (Angelika), Jonathan Pryce (General Delatombe), Tomás Hanák (Angelikas Vater).



Start: 6.10. (D, CH), 7.10. (A)




epd Film Abonnement



© epd Hinweis zum Urheberrecht



 
Anzeigen