Wächter der Nacht

Vampire über Moskau in einem russsichen Blockbuster

  

Zu Beginn glaubt man sich in einem Spin-off des Herrn der Ringe: Da bekämpfen sich zwei berittene Armeen in jenen prächtigen Fantasiekostümen, die den Sandalen- und Ritterfilm mit dem Science-Fiction-Genre versöhnen. Schwerter klirren, stöhnende Leiber fallen zu Boden, und der Zuschauer bekommt erklärt, dass der Krieg zwischen den Mächten der Finsternis und denen des Lichts seit Urzeiten andauert. Um der Weltenzerstörung Einhalt zu gebieten, einigen sich die gegnerischen Parteien auf einen Waffenstillstand, den tags nun die Finsterlinge und nachts die "Hellen" bewachen. Gut gegen Böse, mythisch überhöht, denkt sich der Zuschauer und mag versucht sein, die Originalität dieses russischen Blockbusters in Frage zu stellen.

Mit der nächsten Szene aber springt die Handlung ins zeitgenössische Moskau. Dort hat Anton (Konstantin Chabenskij) bei einer wenig Vertrauen erweckenden Frau die Abtreibung des Kindes bestellt, mit dem seine Frau schwanger geht - es sei nicht von ihm, hat sie gesagt. Ob er das wirklich durchziehen wolle, fragt ihn die Hexe und macht sich verächtlich ans Werk. Doch ihr böser Zauber wird actionreich von einer Eingreiftruppe gestört, die nach vollbrachter Tat mit Erstaunen wahrnimmt, dass Anton sie sehen kann. "Er ist anders", stellt einer der ominösen Ghostbusters trocken fest. "Anders", so lernt der Zuschauer, ist die wichtigste Kategorie in der unübersichtlichen Vielfalt von Vampiren, Hellsehern und weiteren Ausnahmetalenten, die das Figurenarsenal dieses Fantasy-Spektakels stellen. Über den unappetitlichen Gefechten, die den Großteil der Handlung bilden, schwebt nämlich die dunkle Prophezeiung, dass der "große Andere" dereinst den Kampf entscheiden werde. Anton auf jeden Fall lässt sich für die "Wächter der Nacht" rekrutieren. Fortan treibt es ihn in wechselnder Begleitung durchs nächtliche Moskau mit dem Auftrag, das Schlimmste zu verhindern. Irgendwann, man weiß es, wird ihn die schändliche Tat vom Anfang noch einholen.

In Russland hat die Verfilmung eines Fantasy-Bestsellers - Autor Sergeij Lukjanenko schrieb auch das Drehbuch mit - mit über 17 Millionen Dollar den dortigen Einspielrekord des dritten Herr der Ringe-Films gebrochen und wurde als die einheimische Antwort auf Hollywood gefeiert. Für westliche Augen besitzt dieser Jubel etwas Ironisches, belegt Wächter der Nacht doch in Stoff und Machart quasi die endgültige kulturelle Hegemonie des amerikanischen Spektakelkinos. Aber was soll das kleinliche Beharren auf nationaler Herkunft noch in Zeiten der Globalisierung? Einerseits kann der satte Westler bei Wächter der Nacht abwinken und sagen, dass er das alles schon mal gesehen habe. Andererseits aber kann er sich erfreuen an der ungewohnten Spielart von "russian cool", das den großstädtischen Ton des Films bestimmt, an dem fast kindlichen Spaß, mit dem die Filmemacher ihre Spezialeffekte zelebrieren, oder an der gelungenen Mischung aus mystischer und moderner Düsternis, die so gut zum Stadtbild von Moskau passt.

Demnächst soll in Russland der zweite Teil des als Trilogie angelegten Films anlaufen - die Wächter des Tages. Ob der Erfolg des ersten Teils sich wiederholen lässt, ist fraglich - dessen Einspielrekord wurde inzwischen von anderen einheimischen Produktionen überboten. Womit auch deutlich wurde, dass die dynamischen Einnahmesteigerungen auf dem russischen Kinomarkt sich vor allem dem verstärkten Neubau von Multiplexen und der Erhöhung der Kopienzahl verdanken. Twentieth Century Fox hat im Übrigen nicht nur die weltweiten Vertriebsrechte der Wächter gekauft, sondern will auch ein amerikanisches Remake herstellen. Man kann nur gespannt sein, was bei diesem kulturellen Rückimport an Reiz noch hinzukommen soll.
Barbara Schweizerhof

Die russische Adaption eines Fantasy-Bestsellers um die Erhaltung eines empfindlichen Gleichgewichts zwischen Gut und Böse hat viel von westlichem Blockbuster-Kino, dabei aber auch ihren eigenen Reiz: "russian cool", absurde Einfälle und eine düster-urbane Stimmung.

Notschnoi Dozor
Russland 2004. R: Timur Bekmambetov. B: Sergej Lukjanenko, Timur Bekmambetov (nach dem Roman von Lukjanenko). P: Anatolij Maksimov, Konstantin Ernst. K: Sergej Trofimov. Sch: Dmitrij Kiselev. M: Jurij Potejenko. T: Sergej Karpenko. A: Vara Javdjuschko, Valerij Viktorov. Ko: Ekaterina Diminskaja. Pg: Fox Searchlight/Gemini/First Channel/Tabbak/Baselevs. V: Fox. L: 114 Min. FSK: 16, ff. Da: Konstantin Chabenskij (Anton), Vladimir Menschov (Geser), Victor Verzhbitskij (Zavulon), Marija Poroshina (Svetlana), Galina Tunina (Olga), Goscha Kytsenko (Ignat), Alexsej Chadov (Kostja), Valerij Zolotuchin (Kostjas Vater).

epd-Film 10/05



Start: 29.9. (D, CH), 30.9. (A)




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