Land of the Dead

George A. Romero schickt seine Zombies in die vierte Runde

Der Zombie hat in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erlebt: im Autorenkino mit Danny Boyles 28 Days Later, als Komödie und am Rand des Mainstreams. Jetzt hat sich der Mann, der die Figur für das moderne Kino neu erfunden hatte, wieder dem Motiv gestellt. Kann George A. Romero es immer noch?

20 Jahre ist es her, seit George A. Romero einen Zombiefilm gedreht hat. Man muss sich das mal vorstellen: Eine ganze Kinogeneration ist ohne den Schrecken von Romeros Untoten groß geworden. Aber irgendwie gab man die Hoffnung nie ganz auf, dass der Mann eines Tages auftauchen und jene alte Idee verfilmen würde, aus der 1985 der ursprüngliche Day of the Dead hätte werden sollen. Nun ist es tatsächlich soweit: Mit Land of the Dead fügt Romero „einer der schönsten Trilogien in der Geschichte des Kinos“ („Cahiers du Cinema“) ein weiteres Kapitel hinzu.

Die Geschichte ist eine etwas aufwändigere Variation von Day, dem heimlichen Meisterwerk der Serie. Die Untoten haben die gesamte Erde überrannt. In der Arbeiterstadt Pittsburgh, seit je das Epizentrum von Romeros Zombie-Saga, verschanzen sich die letzten Menschen: In einem luxuriösen Wolkenkratzer namens „Fiddler’s Green“ residiert die gleichgültige Oberschicht dieser postapokalyptischen Gesellschaft; das Fußvolk vegetiert in Slums. Während die Lage in der eingezäunten Stadt immer dramatischer wird und der Söldner Riley seine Flucht plant, machen sich die zahllosen Untoten auf den Weg, um Fiddler’s Green einzunehmen.

Ist es ein Zufall, dass Land of the Dead in den USA fast zeitgleich mit Steven Spielbergs Krieg der Welten startete? Zwei Filme von Regisseuren, deren Sicht auf die Welt zwar unterschiedlicher kaum sein könnte (Optimismus versus Nihilismus), die sich jedoch beide mit der Stimmung im Amerika der Gegenwart auseinander setzen. Beide Filme handeln vom Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Doch während Spielberg an eine Versöhnung glaubt, kann es Romero, dem subversiven Poeten der Apokalypse, gar nicht düster genug sein.

Bei Romero kommt die Bedrohung nicht von außen, sondern erwächst aus einer Gesellschaft, die sich ihrer zivilisatorischen Grundwerte im Namen der „Sicherheit“ entledigt hat – die ihre Grenzen abschottet und sich damit zugleich selbst einschließt. Wie die bisherigen Living Dead-Filme handelt auch Land davon, welche Grausamkeiten die Menschen ausleben, wenn man ihnen nur den „legalen“ Rahmen dafür liefert: ein Verlust an Menschlichkeit, der die Lebenden bisweilen bedrohlicher erscheinen lässt als die Zombies.

Mit solch gesellschaftspolitischen Anspielungen führt Romero die Tradition seines Zyklus fort: Ließ sich der erste Teil als Metapher auf die Vietnam-Ära lesen, der zweite als satirische Reflexion über das hedonistische Amerika unter Nixon und der dritte als pazifistische Parabel auf das militaristische Reagan-Jahrzehnt, so betont Romero derzeit in jedem Interview, dass er Land of the Dead als Allegorie auf das Bush-Amerika verstanden wissen will – ein Land, in dem die saturierte Oberschicht sämtliche gesellschaftlichen Probleme, symbolisiert durch die Zombies, ignoriert. Es passt daher, dass Romeros Hauptinteresse diesmal nicht den menschlichen Charakteren gilt, die er auffallend nachlässig behandelt, sondern der Evolution der Untoten: Den gesichtslosen „Fiddler’s Green“-Bewohnern stehen liebevoll individualisierte, lernfähige Zombies gegenüber. Und wer nach dem Romero-typischen schwarzen Helden sucht, findet ihn diesmal auf Seiten der Untoten in Gestalt des bärenhaften Zombie-Revolutionärs „Big Daddy“, einer der faszinierendsten Gestalten des modernen Horrorkinos. Und wie bereits in Day manifestiert sich der evolutionäre Sprung der Untoten in der Fähigkeit, eine Waffe zu benutzen: eine schöne Anspielung auf Kubricks „2001“, wie auch die wunderbare Szene, in der die Zombies gebannt den monolithischen Fiddler’s-Green-Tower anstarren.

Dass die menschlichen Sympathieträger die symbolbeladenen Zombies niedermetzeln, ist wie immer ein unauflösbarer Widerspruch zu Romeros kritischer Aussage. Andererseits merkt man dem introvertierten Vollstrecker Riley, der von einer „Welt ohne Zäune“ träumt, in jedem Moment an, wie sehr ihn sein blutiges Handwerk anwidert. „Schöner Schuss“, lobt ein Freund einmal seine Treffsicherheit. „Nein“, erwidert Riley, „das war ein ‘guter’ Schuss. So etwas wie einen ‘schönen’ Schuss gibt es nicht.“ Eine zynische Szene wie das geschmacklose „Prominenten-Schießen“ im Remake von Dawn of the Dead wäre bei Romero unvorstellbar.

Natürlich ist Land of the Dead nicht besonders hintergründig. Subtilität war noch nie George A. Romeros Stärke. Aber gerade die unverblümte Direktheit seiner politischen Anspielungen, die theatralischen Gesten, der überspitzte Humor, selbst die schroffe, stellenweise etwas holprige Inszenierung machen diesen eigenwilligen Film so sympathisch. Allein auf stille, lyrische Szenen wie in den Vorgängerfilmen wartet man diesmal fast vergeblich – Land of the Dead ist in der Zombie-Serie der geradlinigste. Sehen wir es so: Der 65-jährige Romero hatte etwas zu sagen, und das hat er getan. Bis zum nächsten Mal.

Kai Mihm

Romero revitalisiert das Genre, das er erschuf: Land of the Dead ist ein brutales, poetisches B-Movie, eine raue, ebenso blutige wie satirische Polit-Parabel. 

George A. Romero’s Land of the Dead
USA 2005. R und B: George A. Romero. P: Mark Canton, Bernie Goldmann, Peter Grunwald. K: Miroslaw Baszak. Sch: Michael Doherty. M: Reinhold Heil, Johnny Klimek. T: Robert Fletcher. A: Arvinder Grewal, Douglas Slater. Ko: Alex Kavanagh. Sp: Brock Jolliffe, Jeff Campbell. Pg: /Universa/Atmosphere Entertainment/Exception Wild Bunch. V: UIP. L: 93 Min. FSK: Keine Jugendfreigabe. Da: Dennis Hopper (Kaufman), Asia Argento (Slack), Simon Baker (Riley), John Leguizamo (Cholo), Robert Joy (Charlie), Eugene Clark (Big Daddy), Jennifer Baxter (Nummer 9), Tony Nappo (Foxy).



Start: 1.9. (D), 2.9. (A)




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