Charlie und die Schokoladenfabrik

Eine Schokoladenfabrik als Trutzburg und Ort der Sehnsucht

Nach Planet der Affen hat Tim Burton wieder ein Remake inszeniert. Oder besser – eine neue Verfilmung des berühmten Kinderbuches von Roald Dahl. Entstanden ist ein vergnüglicher Film mit zahlreichen Verweisen auf die Filmgeschichte und Burtons eigenes Werk.

Wie ein Schloss thront die graublaue Fabrik drohend über dem Ort. Schlanke, hohe Schornsteine rauchen ohne Unterlass, ein weit verzweigtes Straßensystem verbindet die zahlreichen Gebäude, riesige Tore verwehren den Einlass. Umgeben ist dieses Ungetüm von zahlreichen gleichförmigen Einfamilienhäusern, die  an eine Bergbausiedlung erinnern. Schon im Vorspann wird uns gezeigt, mit welcher Effizienz die Schokolade angerührt, in Formen gegossen, zurechtgeschnitten, in Papier gewickelt, in Kisten verpackt, verladen und in alle Welt vertrieben wird. Die Schokoladenfabrik von Willy Wonka: Trutzburg und Ort der Sehnsucht zugleich.

Im Gegensatz dazu das windschiefe Häuschen, in dem Charlie Bucket (Freddie Highmore) zusammen mit seinen Eltern (Helena Bonham Carter, Noah Taylor) lebt. Drei Generationen unter einem Dach: Die vier Großeltern liegen zumeist wie Spitzwegs „Der arme Poet“ im einzigen Bett. Charlie ist ein braver, bescheidener und etwas altkluger Junge. Wie alle Kinder liebt er Schokolade über alles – auch wenn er sie nur einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, verzehren darf. Da erhält er die Chance seines Lebens. Willy Wonka (Johnny Depp), der seit Jahren schon nicht mehr gesichtet wurde, hat fünf „Golden Tickets“ in seinen unzähligen Schokoladentafeln versteckt. Wer sie findet, darf Wonkas Imperium besichtigen.

Und nun macht uns Tim Burton mit den vier anderen Kindern bekannt, die von gierig bis verwöhnt, von aggressiv bis ehrgeizig die wichtigsten Untugenden auf sich vereinigen. Es sind kleine Monster, die sich nahtlos einreihen in die Riege der Burtonschen Bösewichter. Für deutsche Zuschauer am amüsantesten: der dicke Augustus Glupsch, der aus Düsseldorf kommt und wie seine rotbäckige Mutter mit breitem deutschen Akzent radebricht. Ein Aspekt, der in der Synchronisation verloren gehen dürfte. Das Düsseldorf, das der Film kurz zeigt, hat es so, mit allen seinen Fachwerkhäusern, wohl nie gegeben. Burton verwandelt die Stadt einfach seiner Märchenwelt an. Er liebt das Spiel mit Klischees. Seine Figuren sind Karikaturen, die ihre Fehler wie einen Bauchladen vor sich hertragen. Von Beginn an weiß man um ihr Scheitern.

Roald Dahls Kinderbuchklassiker von 1964 diente bereits 1971 Mel Stuart als Vorlage für einen Kinofilm – mit Gene Wilder als Fabrikbesitzer. Hier ist es nun Johnny Depp, der Willy Wonka mit unvorteilhafter Prinz-Eisenherz-Frisur, blassem Teint und wechselnden Kostümierungen als verschrobenen Sonderling interpretiert. Ein Melancholiker, der sich weigert, erwachsen zu werden und sich – wie alle Burton-Helden – in seine eigene Welt zurückzieht. In gelegentlichen Rückblenden erklären Burton und sein Drehbuchautor John August, wie Willy Wonka zu dem wurde, der er ist. Christopher Lee spielt darin den strengen Zahnarzt Wilbur Wonka, der seinem Sohn aus übertriebenem Berufsethos jegliche Süßigkeit verbietet. Und so gerät Willy die Schokolade zur Obsession, der er sein ganzes Leben verschreibt. Seine Erfindungen sind ihm – wie Vincent Price in Burtons Edward mit den Scherenhänden – allerdings immer wichtiger als die Konsumenten. Das Zweckgebundene, Praktische ist Wonkas Sache nicht.

Die Fabrik-Tour dient Burton als Anlass, ungehemmt seiner Fabulierlust nachzugeben. Dabei gibt es für Erwachsene und Filmkenner, wie so oft bei Burton, zahlreiche Verweise und Bezüge aus der Filmgeschichte zu entdecken. Die farbenfrohe, detailfreudig arrangierte Landschaft, in der der Rundgang beginnt, ist eine Mischung aus Der Zauber von Oz und Frank Capras In den Fesseln von Shangri-La. Hier ist alles essbar, sogar das Gras. Das Wasserballett, das Wonkas fleißige Helfer, die Umpa Lumpas (übrigens von nur einem Darsteller, Deep Roy, dargestellt), vollführen, ist eine Hommage an Busby Berkeleys ausgetüftelte Körper-Arrangements, selbstverständlich von hoch oben aufgenommen. Endlich erfährt der Zuschauer, was es mit dem Steinquader in Kubricks „2001“ auf sich hat. Und auch Spartacus kriegt sein Fett ab, wenn die Umpa Lumpas, in Achterreihen hintereinander sitzend, ein durchsichtiges Zuckerboot wie ein Sklavenschiff im getrommelten Takt antreiben. Damit nicht genug: Der Soundtrack von Danny Elfman, der gelegentlich an seinen Mars Attacks!-Score erinnert, ahmt für die witzigen Tanz- und Gesangsnummern der Umpa Lumpas die unterschiedlichsten Stile nach – vom Big-Band-Swing der 50er über die psychedelische Musik der 60er bis zum Funk der 70er Jahre. Kindern ist dieser Zitatenschatz herzlich egal. Sie erfreuen sich an Wasserfällen aus Schokolade, Gebirgen aus Butter-Toffee und Zuckerstangen, die auf Bäumen wachsen. Burton hat in einer Mischung aus gebauten Sets und computergenerierten Bildern eine künstliche Welt erschaffen, die genauso fantasievoll und eklektizistisch ist wie jene seiner beiden  Batman-Filme – ohne aber deren Düsternis zu besitzen. Und so sind auch die letzten Worte des Films zu verstehen: „Life has never been sweeter.“                   

Michael Ranze

Charlie Bucket darf  mit vier anderen Kindern das Schokoladen-Imperium von Willy Wonka besichtigen. Eine Fabrik-Tour mit allerlei (bösen) Überraschungen. Tim Burtons witzige, skurrile und fantasievolle Adaption des Roald- Dahl-Klassikers ist auch für Erwachsene ein Spaß.

Charlie and the Chocolate Factory
USA/Großbritannien 2005. R: Tim Burton. B: John August. P: Brad Grey, Richard D. Zanuck. K: Philippe Rousselot. Sch: Chris Lebenzon. M: Danny Elfman. T: Steve Boeddeker. A: Alex McDowell, Leslie Tomkins. Ko: Gabriella Pescucci. Sp: Joss Williams, Neal Scanlan. Pg: Warner/Village Roadshow/Zanuck Company/Plan B. V: Warner. L: 105 Min. Da: Johnny Depp (Willy Wonka), Freddie Highmore (Charlie Bucket), David Kelly (Großvater Joe), Helena Bonham Carter (Mutter Bucket), Noah Taylor (Vater Bucket), Missi Pyle (Mrs. Beauregarde), James Fox (Mr. Salt), Deep Roy (Umpa Lumpas), Christopher Lee (Dr. Wonka).

epd Film 8/2005



Start: 11.8. (D, CH), 12.8. (A)




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