Terry Gilliam liebt Fantasmagorien. In seinem neuesten Film inszeniert er die Gebrüder Grimm als Popstars am Tatort deutscher Wald. Will und Jake Grimm, dargestellt von Matt Damon und Heath Ledger, arbeiten im 19. Jahrhundert als Geisterjäger, indem sie dem abergläubischen Publikum Dämonenerscheinungen mit Hilfe von Spezialeffekten vorgaukeln. Die französische Besatzungsmacht, die ihnen auf die Schliche gekommen ist, gibt ihnen den Auftrag, nach zehn verschwundenen Mädchen zu suchen. Gilliam konfrontiert die Brüder mit ihren eigenen Märchengestalten. Frank Arnold sprach mit Terry Gilliam über seinen neuen Film "Brothers Grimm".
Im Nachspann Ihres Films wird Steven Soderbergh als erster bei den Danksagungen genannt. Womit hat er sich das verdient?
Gilliam: Er hat den Ausschlag gegeben bei der Entscheidung, die aufwändigste Szene aus dem Film herauszuschneiden. Wenn ich einen Film mache, schicke ich Kopien an Menschen, die ich kenne, die ich mag oder respektiere, um zu hören, was sie davon halten. Bevor ich eine "Grimm"-Pause einlegte, um "Tideland" zu drehen, gab es eine große Diskussion über diese Monstersequenz, die stattfindet, bevor die Brüder aus dem Wald fliehen. Sollten wir sie drin behalten oder nicht? Sie war nicht einfach zu drehen gewesen, sie war teuer gewesen und wirklich gut. Deswegen fand ich es schwer, sie herauszunehmen. Steven meinte, "du brauchst diese Szene nicht, der Film funktioniert besser ohne sie." Das gab den Ausschlag, es war die richtige Entscheidung.
Bei Ihren Filmen hat es wiederholt Probleme gegeben, bei "Münchhausen" füllte die Produktionsgeschichte ein ganzes Buch. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, den abgebrochenen "Don Quichotte"-Film brauchen sie gar nicht mehr zu drehen?
Vielleicht wollte ich ihn deshalb machen - das wäre endlich mal ein autobiografischer Film. Je größer das Budget, desto größer die Nervosität einiger Leute, die glauben, sie wüssten es besser als sich. Vielleicht stimmt das sogar, aber ich glaube, meine Fehler sind interessanter als ihre Fehler. Es endet immer in Auseinandersetzungen. Davon habe ich erstmal genug - andererseits vermute ich, dass Kämpfen wichtig ist für mich. An einem bestimmten Punkt sage ich, "gut, ich mache hier einen Kompromiss, aber das war es dann auch". Zu viele erfolgreiche Leute in Hollywood verstehen sich zu gut auf die Kunst des Kompromisses. Ich glaube gar nicht, dass ich mehr Kämpfe ausgefochten habe als andere Regisseure, aber meine waren öffentlicher, die meisten finden hinter verschlossenen Türen statt. Aber ich rede gerne über meine Auseinandersetzungen, denn es ist interessant zu verstehen, was vorgeht in Hollywood.
Ein Kompromiss bei diesem Film, der seinen Weg in die Presse fand, betraf die Nase von Matt Damon …
Darüber bin ich ziemlich unglücklich, aber mir wurde tatsächlich angedroht, ich müsste aufhören, wenn ich nicht den Höcker von seiner Nase entfernen würde. Matt hat starke Gesichtszüge, aber eine wirklich reizende kleine Nase. Ich fand, die Figur sähe stärker aus - passend dazu, dass er fortwährend für seinen Bruder kämpfen musste - wenn er an einem Punkt eine gebrochene Nase bekäme. Sein Profil wirkte dadurch viel eindringlicher - wie der junge Marlon Brando. Es veränderte darüber hinaus sein Auftreten, er bewegte sich mit viel mehr Selbstvertrauen. Aber unsere Freunde, die Weinsteins (die Produzenten des Films; Anm.) machten sich sorgen um die Filmplakate - Damon sollte genau wie Damon aussehen. Das machte mich ärgerlich und lenkte mich von meiner eigentlichen Arbeit für ein paar Wochen ab.
Das "unsere Freunde" klingt jetzt ein bisschen ironisch…
Nein, sie lieben das Kino, und jeder, der das Kino liebt, ist mein Freund.
Das Drehbuch Ihres Films stammt von Ehren Kruger, der mit Filmen wie "The Ring" populär wurde…
Das Drehbuch gefiel uns überhaupt nicht, also haben wir es umgeschrieben. Aber der Film hat nur wenig mit Ehren Krugers Drehbuch zu tun. Nach "Don Quichotte" arbeitete ich an vier verschiedenen Projekten, die sich alle, aus den unterschiedlichsten Gründen, zerschlugen. Ich war frustriert und depressiv, als Chuck Rovan, der "Twelve Monkeys" produziert hatte, mich mit diesem Drehbuch geradezu verfolgte. Das Studio wollte es unbedingt machen, also stimmte ich schließlich zu, unter der Bedingung, dass wir das Drehbuch umschreiben dürften. Das machten wir, während wir den Film schon vorbereiteten. Was mir am ursprünglichen Drehbuch gefiel, war die Idee, dass sich zwei Schwindler den Aberglauben der Leute zunutze machen und sich dann plötzlich in einem Wald wieder finden, der wirklich verwunschen ist. Dadurch konnten wir einer Biografie der Gebrüder Grimm entkommen, die mich überhaupt nicht interessierte, und hatten Gelegenheit, die Welt der Brüder zu imaginieren. Tony Grisoni und ich gaben ihnen gegensätzliche Charakterzüge, der eine ein Träumer, der andere Pragmatiker. Die meisten der großen Spezialeffektsequenzen nahmen wir heraus, weil sie nicht sehr viel anders waren als in den ganzen Filmen, die derzeit im Kino laufen, kämpfende Armeen, Monster - das schien uns weniger mit den Geschichten der Gebrüder Grimm zu tun zu haben als mit Filmen wie "The Mummy".
Könnte man sagen, dass die beiden Brüder technisch höher entwickelte Verwandten von Baron Münchhausen sind?
"Time Bandits", "Baron Münchhausen" und "Brothers Grimm" sind sich darin verwandt, dass sie versuchen, ein breites Publikum anzusprechen, Kinder ebenso wie Erwachsene. Sie alle beschäftigen sich mit Fantasy, Verzauberung und der Welt von Kindern. Münchhausen liebe ich, weil er ein großer Lügner war, die Grimms sind keine Lügner, mehr Verkäufer und hustler.
Der Vertreter der Vernunft, der von Jonathan Pryce verkörperte französische General, muss am Ende sterben. Können Sie Sich einen Film vorstellen, wo eine solche Figur der Held des Dramas ist?
Nicht in einem Film von mir (lacht). Ich glaube, das könnte ich nicht überzeugend bewerkstelligen. Wenn die Illusion am Leben halten kann, dass die Träumer gewinnen, bin ich glücklich. Es gibt genügend andere Leute, die dafür sorgen, dass es der Realität gut geht.
Ihr Film war in Amerika ein Kassenerfolg, während einige aufwändige Actionfilme überraschende Misserfolge waren.
Vielleicht stimmt das Publikum mit den Füßen ab. Es sieht die Trailer, hat den Eindruck, alles schon einmal gesehen zu haben und sagt sich: Warten wir, bis der Film auf DVD rauskommt. Ich selber liebe DVDs, denn viele meiner Filme sind im Kino nicht gerade große Hits, die DVD gibt den Menschen die Möglichkeit, sie später u entdecken. "Fear and Loathing in Las Vegas" war kein großer Kinoerfolg, aber ein großer Erfolg auf DVD, das ist wie ein unterirdischer Fluss. Es gibt da wenig verlässliche Zahlen, aber ich sehe es an den Tantiemen, die ich von Zeit zu Zeit bekomme. Criterion ist es mit diesem Titel schließlich auch gelungen, dass er in der WalMart-Kette verkauft wird - und die machen das nur, wenn sie damit verdienen können.
Gibt es für Sie eine Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass "Brothers Grimm" trotz seiner komplizierten Produktionsgeschichte Ihr größter Kassenerfolg in den USA wurde? Rechtfertigt das die Auseinandersetzungen?
Ja, die Auseinandersetzungen sind es immer wert. Der Film, den sie sehen können, ist mein Film. Wäre es der Film eines anderen, hätte ich Kompromisse eingehen müssen, wäre es anders. Ich habe einmal in meinem Leben Kompromisse eingehen müssen, das war bei "Münchhausen", wo das Studio sagte, wenn ich fünf Minuten herausschneiden würde, dann ständen sie hinter dem Film. Die Entscheidungen sind meine Entscheidungen, ich machte die Schnitte und sie begruben den Film. In den USA zogen sie nur 117 Kopien davon. Er taucht immer in der Liste der größten finanziellen Desaster der Filmgeschichte aus - aber was kann man anderes erwarten, wenn ein Film gar nicht verliehen wird?! Seit diesem Moment gehe ich keine Kompromisse mehr ein und sage immer: meine Fehler sind interessanter als ihre Fehler.
Besteht eine Chance, dass Sie Ihren abgebrochenen "Don Quichotte"-Film mit Johnny Depp doch noch drehen?
Möglicherweise. Der Produzent Jeremy Thomas versucht gerade für mich das Drehbuch zurückzukaufen, das momentan in einem Rechtsstreit zwischen der französischen Produktions- und der deutschen Versicherungsgesellschaft hängt.
Kritik "Brothers Grimm"
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