Totgeglaubte leben länger

Unser Mann in Pittsburgh: George A. Romero ist zurück

Kai Mihm

13 Jahre ist es her, seit ein Film von George A. Romero, der mit Night of the Living Dead das Horrorgenre revolutionierte, seinen Weg in die Kinos gefunden hat. Mit Land of the Dead (Start: 4.8.) setzt er nun endlich seine wegweisende Zombie-Saga fort. Die beste Gelegenheit, einen Blick auf die ebenso wechselhafte wie spannende Karriere dieses fast vergessenen Horror-Auteurs zu werfen.

Am 2. Oktober 1968 feierte in Pittsburgh, Pennsylvania, ein kleiner, billiger Horrorfilm Premiere, dem zunächst niemand große Box-Office-Chancen eingeräumt hatte: in grobkörnigem Schwarzweiß gedreht, mit Amateurschauspielern besetzt, einem afroamerikanischen Helden – und ohne Happy End. Der Film hieß Night of the Living Dead und handelt von einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich in einem abgelegenen Farmhaus gegen Horden von Zombies schützen muss. Das Publikum war geschockt von der Gewalttätigkeit des Films, die Kritik begegnete George A. Romeros Kindodebüt mit einer Welle der Entrüstung. Von „Variety“ bis zur „New York Times“: Überall wurde Romeros Film als sadistisches Exploitation-Kino gegeißelt. Schon bald aber mehrten sich jene Stimmen, die den beunruhigend realistischen Film als politische Metapher auf das krisengeschüttelte Amerika der späten sechziger Jahre begriffen. 

Doch obwohl Night of the Living Dead schnell zum „Kultfilm“ aufstieg, das internationale Horrorkino veränderte wie kaum ein Film zuvor, Generationen von Regisseuren beeinflusste und zu einem der profitabelsten Independent-Filme aller Zeiten avancierte, gestaltete sich die Realisierung neuer Projekte für George Romero immer schwieriger. Bei seinen nächsten vier Filmen, der Komödie There's always Vanilla, dem Drama Jack's Wife, dem Viren-Thriller The Crazies und der Vampir-Paraphrase Martin, musste er mit Budgets zwischen 100.000 und 200.000 Dollar auskommen – selbst für damalige Verhältnisse geradezu lächerliche Summen. In den achtziger Jahren wurden die Intervalle zwischen seinen Filmen immer größer und seit Anfang der Neunziger hörte man praktisch gar nichts mehr von ihm.

Jenseits von Hollywood
Wenn man will, kann man darin eine „Abstrafung“ Romeros durch die amerikanische Filmindustrie sehen: Denn von Beginn seiner Karriere an setzte er alles daran, sich nicht von Hollywood vereinnahmen zu lassen. Seine Drehbücher schreibt er bis heute selbst, viele seiner Filme hat er selbst geschnitten. Wann immer es ging, nahm er lieber drastische Budget-Kürzungen in Kauf, als sich den Forderungen des Marktes zu beugen. Zu diesem Zweck gründete er 1973 gemeinsam mit seinem Freund Richard P. Rubinstein die unabhängige Produktionsfirma „Laurel, Inc.“ (die er 1985 verließ). Von den Zentren der Filmbranche hat Romero sich immer ferngehalten. Bis heute lebt er in Pittsburgh, wo er seit seinen Anfängen als Werbe- und Industriefilmer mit einer festen Crew lokaler Schauspieler und Techniker die meisten seiner Filme drehte. Damit ist der ehemalige Kunst- und Theaterstudent der wohl letzte große regionale Filmemacher des amerikanischen Kinos.

Es ist eine bittere Ironie des Schickals, dass trotz dieses Strebens nach totaler Unabhängkeit kaum ein Romero-Film ohne größere Probleme produziert werden konnte: Seien es die nachträglichen Kürzungen durch den Verleih bei dem Biker-Film Knightriders oder die Insolvenz von Orion Pictures während der Arbeit an Stephen Kings Stark (The Dark Half). Die „Cahiers du Cinema“ nannten ihn zur Pariser Retrospektive 2001 denn auch sehr treffend einen „Cineaste maudit par excellence“: einen Filmemacher also, dessen Projekte von Widerständen, Stolpersteinen und Unglücken geplagt sind, der zu qualvollen Kompromissen gezwungen wird, aber dennoch gegen jede Chance versucht, seine Ideen umzusetzen. Das Ergebnis sind sperrige, oft schroffe Filme, denen man die schwierigen Bedingungen ebenso anmerkt wie die Eigensinnigkeit ihres Machers.

Er lege seit jeher großen Wert darauf, so Romero kürzlich in einem Interview, seinen Filmen stets einen gesellschaftspolitischen „Unterbau“ zu verpassen. Tatsächlich kann man mit Blick auf seine Filme allerdings kaum je von einem „Unterbau“ sprechen: Was der dezidiert „linke" Filmemacher Romero zu sagen hat, findet sich meist ziemlich deutlich an der Oberfläche seiner Arbeiten. So uneinheitlich sein gerade mal 14 Kinofilme umfassendes Gesamtwerk auf den ersten Blick auch erscheint: Viele seiner Filme sind geprägt von einer tiefen Skepsis gegenüber der Tristesse bürgerlicher Normen, den Medien und der Wissenschaft, der politischen Kaste und ihren bewaffneten Handlangern. Speziell seine Filme der siebziger und frühen achtziger Jahre scheinen wie Entwürfe einer counterculture-Utopie. Die splatterige Konsumwelt-Satire Dawn of the Dead ist da nur das augenfälligste Beispiel. Man denke auch an die tumben Militärs in Day of the Dead oder die skrupellosen Politiker und die gesichtslosen, marodierenden Soldaten in dem Viren-Thriller „The Crazies“, die bereit sind, eine amerikanische Kleinstadt auszulöschen, in der sich ein bakteriologischer Kampfstoff ausgebreitet hat.

Zum Scheitern verurteilt
Und wenn es nicht, wie in den Living-Dead-Filmen oder The Crazies, zu einem völligen Zusammenbruch traditioneller Gesellschaftsstrukturen kommt, dann stehen die bürgerlichen Werte und Ideale zumindest auf überaus wackligen Füßen. Immer wieder geht es bei Romero um Menschen, die – bewusst oder unbewusst – eine Subversion erstickender Konventionen betreiben. Eine Haltung, die Romeros Arbeiten auf politischer und moralischer Ebene vom so genannten „reaktionären“ Horrorfilm unterscheidet. Nicht umsonst rät der schwarze Held in Day of the Dead der letzten Frau im Zombiemeer, alle Zeugnisse der vergangenen Zivilisation hinter sich zu lassen, damit ihre Kinder einmal ganz von vorne anfangen könnten. Der feministische Jack's Wife erzählt von einer desperate housewife, die sich aus ihrer festgefahrenen Vorstadt-Ehe in Okkultismus flüchtet. Selbst die Episoden der unterschätzten Gruselkomödie Creepshow, Romeros liebevoller Hommage an die blutigen EC-Comics seiner Jugend, erzählen vom „Horror“, der hinter den neurotischen Fassaden der amerikanischen Bourgeoisie lauert. Und in dem bizarren, im besten Sinne naiven und überaus poetischen Knightriders geht es um eine multiethnische und multisexuelle Gruppe von Bikern in Ritterkostümen, die sich unter dem Ehrenkodex der Ritter von Camelot eine Gegenkultur zum bürgerlichen Leben aufbauen – eine Hippie-Metapher.

Nicht nur in diesem Film sind es gesellschaftliche Minderheiten, Unterdrückte und Außenseiter, die Romero als Helden wählt:  Afroamerikaner und kämpferische Frauen (Dawn, Day), Alkoholiker (Day), geistig verwirrte (Martin) und körperlich behinderte Menschen (Monkey Shines) sind die Sympathieträger seiner Filme – Gesellschaftsgruppen also, die allein auf Grund ihrer Stellung einen distanzierteren Blick auf tradierte Normen haben. Und doch sind die Versuche der Veränderung stets zum Scheitern verurteilt, ein Happy End kennen Romeros Filme nicht.

Das Schlimmste und zugleich Erleichterndste, das einem in Romeros Welt passieren kann, ist, dass die verdrängten Emotionen und Demütigungen in unkontrollierter Form zurückschlagen: Die Hitchcock-Hommage Monkey Shines, in dem das dressierte Äffchen eines komplett gelähmten Mannes all jene Menschen tötet, die ihm Unrecht zufügen, aber auch The Dark Half, The Crazies und Bruiser sind nicht zuletzt Studien über das archaische Gefühl der „Wut“. Entscheidend ist dabei, dass die blutigen Grand-Guignol-Exzesse bei Romero nie zum reinen Schauwert verkommen, sondern immer eine moralische, wenn nicht kathartische Funktion haben.

Wenn man trotz der häufig übernatürlichen Geschehnisse stets das Gefühl hat, dass Romero sich in seinen Filmen einen klaren Blick auf die reale Welt bewahrt, liegt das nicht zuletzt an einer Inszenierung, die zwischen extremer Stilisierung und einem dokumentarischen Gestus changiert – eine Mischung, die vor allem den Zombie-Filmen eine eigenartige, lyrische Qualität gibt. Die schönste Verbindung gehen Realismus und Poesie, Übernatürliches und dokumentarisch Anmutendes freilich in Martin ein. Der Film erzählt von einem sensiblen jungen Mann, dem sein wahnhaft abergläubischer Onkel beständig einredet, er sei ein Vampir. Mit einer Spritze betäubt Martin junge Frauen, schlitzt ihnen mit einem Rasiermesser die Adern auf und trinkt ihr Blut – Szenen, die Romero mit klinischer Trockenheit inszeniert. Der Film ist eine finstere, melancholische Studie über Einsamkeit und Kommunikationslosigkeit. Und ganz beiläufig fängt Romero darin den fortschreitenden Verfall der Industriestadt Pittsburgh ein, die wie das postapokalyptische Trümmerfeld einer gleichgültigen Nation wirkt. Ein Happy End kann es in dieser Tristesse nicht geben. George A. Romero ist, wenn man so will, ein idealistischer Nihilist. Martin ist sein Meisterwerk.

epd Film 8/2005

           




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