My Summer of Love

Eine britische Romanze mit Hintersinn

Für sein Regiedebüt Last Resort gewann Pawel Pawlikowski 2001 den „Most Promising Newcomer in British Film“-Award, und sein zweiter Spielfilm wurde gerade zum „Best British Film 2004“ gekürt. Mit My Summer of Love legt der gebürtige Pole Pawlikowski, der Philosophie studierte, bevor er Dokumentarfilme für die BBC drehte, einen ungewöhnlichen „Mädchenfilm“ vor, hintergründig, doppelbödig und unsentimental.

Ein schläfriger Blick auf ziehende Wolken im blauen Himmel; die Zeit steht still. Mona, die im Gras liegt und träumt, wird von dem Mädchen Tamsin, hoch zu Pferde, angesprochen. Der Märchenprinz erlöst die Schöne aus ihrem Schlaf: Dieser bukolische Beginn zieht einen von Anfang an in seinen Bann. Denn einesteils zeigt er den gesellschaftlichen Abstand zwischen den beiden Teenagern, andererseits liegt in dieser Begegnung das Versprechen eines etwas anderen Märchens. Das Schloss, in das der Märchenprinz sein Dornröschen bringt, ist ein efeubewachsener Landsitz – Tamsins sturmfreie Bude. Ab und zu gleitet ein Jaguar vorbei, in dem ihr Vater sitzt; ansonsten bleibt ihre Familie unsichtbar. Das verwaiste working class girl Mona verbringt zuerst die Tage, dann ganze Nächte bei ihrer neuen, reichen Freundin, die gerade vom Internat geflogen ist. Tamsin verwöhnt Mona mit Croissants zum Frühstück und schenkt ihr teure Kleider. Es ist Sommer, die zwei streunen über die welligen Hügel Yorkshires, reden, trinken, rauchen, schweigen gemeinsam, werden schließlich ein Liebespaar. In einer Zeitblase, in der Klassenzugehörigkeit und Geschlechternormen aufgehoben scheinen, wächst sich die vermeintliche Seelenverwandtschaft wie in einem Treibhaus zur gefährlichen folie à deux aus.

Mit Heavenly Creatures wurde diese Tragikomödie verglichen, doch Pawel Pawlikowski kreiert sehr bewusst traumverlorene Augenblicke, die auch ein wenig an Peter Weirs unheimliche Idylle in Picknick am Valentinstag erinnern und, unterstützt vom schwebenden Elektropop-Soundtrack von Alison Goldfrapp, vor latenter Irritation geradezu vibrieren. Die Anmut dieser Jungmädchenerotik mit Küssen in verschwiegenen Waldbächen und Sonnenbädern in blühender Heide wird stets gebrochen durch das dumme Gefühl, dass etwas nicht stimmt in der zunehmend exaltierten Beziehung, in die sich Mona mit Haut und Haaren hineinbegibt. Die destruktive Eigendynamik dieser Freundschaft und die prekären „rites de passages“ zwischen Fantasie und Realität, Kindheit und Erwachsensein, die die Autorin Helen Cross in ihrer Romanvorlage schildert, werden in der Verfilmung zugespitzt.

Erzählt wird aus der Perspektive von Mona, gespielt von Natalie Press, die mit ihrer Herbheit und sommersprossigen Blässe wie eine junge Tilda Swinton wirkt. Sie ist von einer Vitalität und sarkastischen Unverblümtheit, die Emily Blunts wohlbehüteter Tamsin fehlt. Die schöne Dunkelhaarige gibt sich als weiblicher Dandy, schwärmt von Nietzsche, hasst ihren Vater und schwelgt in Edith-Piaf-Chansons. Eine verzogene höhere Tochter, die in der spontanen Mona jemanden findet, der ihre Fantasien praktisch umsetzt. Gemeinsam sind sie unausstehlich – was besonders Monas Bruder zu spüren bekommt, den Regisseur Pawlikowski den beiden Mädchen als Widerpart zur Seite stellt. Phil, einst aggressiver Kleinkrimineller, ist seit seinem Gefängnisaufenthalt ein wiedergeborener Christ, der im geerbten Pub allen Alkohol fortschüttet und, aus der Sicht seiner rebellischen Schwester, megapeinliche Bibelstunden mit verhuschten Gläubigen veranstaltet. Das schreit geradezu nach Bloßstellung – und wenn Phil predigt, dass „das Böse in diesem Tal“ wohnt, dann hat er auf seine Weise Recht.

Das Originelle an dem Film ist sein Sinn für Doppelbödigkeiten und eine düstere Ironie, die Sentimentalitäten oder gar David-Hamilton-Kitsch von vorneherein ausschließen. Die Intensität, Konzentration und Nähe, mit denen das Drama den widerstrebenden Empfindungen dieser Halbwüchsigen nachspürt, lassen sich, unter anderem Vorzeichen, etwa auch in Catherine Breillats A ma Sœur finden. Doch Sex und Männer werden in Pawlikowskis Film provozierend ausgelassen abhandelt – als Test-Objekte launenhafter Begierde, um die eigene Verführungskraft zu erproben. Und wenn Mona für Tamsin ihren groben Ex-Lover, einen „Man-Man“, wie sie in ihrem rauen Cockney-Dialekt sagt, imitiert, dann ist das von einer so grausamen Komik, dass selbst Frauen das Lachen im Halse stecken bleibt. Überhaupt haben die beiden Mädchen eine Lizenz nicht nur zur Unbeschwertheit und zum Ausflippen, sondern auch dazu, richtig gemein sein zu dürfen, ohne vom Drehbuch ernsthaft bestraft zu werden. Anders als in vielen Mädchenfilmen, die sich darauf beschränken, Teenager als Opfer ihrer Umwelt zu zeigen, sind diese beiden ebenso frühreif und schlau wie rührend romantisch und pathetisch; mal manipulative Biester, mal verstörte Kinder, die nicht wissen, was sie tun, und mit bitterbösen Scherzen ihre Nächsten triezen – bis aus Spiel plötzlich Ernst wird. Und nachdem sie das Vertrauen in die Erwachsenen schon seit langer Zeit verloren haben, findet unweigerlich die Entzauberung ihrer eigenen exklusiven Beziehung statt: als abrupte und schmerzhafte, aber notwendige Häutung. In der intelligenten Schlusspointe, die Mona und ihren märchenhaften Sommer kopfüber auf den Boden der sozialen Tatsachen stellt, wird auch der Zuschauer, der so kunstvoll eingelullt und in ihre Welt hineingelockt wurde, auf heilsame Weise entzaubert.

Birgit Roschy

In sommerlicher Idylle in Yorkshire stürzen sich zwei Mädchen aus entgegengesetzten Milieus in eine Liebesbeziehung, die sich zur folie à deux zu entwickeln droht. Eine spannende Ver- und Entzauberung mit mitreißenden Darstellerinnen, die Regisseur Pawel Pawlikowski unsentimental und mit gelegentlich abgründiger Komik inszeniert: ausgezeichnet als bester britischer Film des Jahres.

My Summer of Love
Großbritannien 2004. R: Pawel Pawlikowski. B: Pawel Pawlikowski, Michael Wynne (nach dem Roman von Helen Cross). P: Tanya Seghatchian, Chris Collins. K: Ryszard Lenczewski. Sch: David Charap. M: Alison Goldfrapp, Will Gregory. T: John Pearson. A: John Stevenson, Netty Chapman. Ko: Julian Day. Pg: Content/BBC/Apocalypso. V: Prokino. L: 86 Min. DEA: Berlinale 2005. Da: Natalie Press (Mona), Emily Blunt (Tamsin), Paddy Considine (Phil), Dean Andrews (Ricky), Michelle Byrne (seine Frau), Paul-Anthony Barber (Vater).

epd Film 7/2005



Start: 30.6. (D), 1.7. (A), 8.9. (CH)




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