Die Schauspielerin Anne Bancroft ist gestorben

Nicht nur Mrs. Robinson - ihr schauspielerisches Talent ging weit über diese Rolle hinaus

  

And here’s to you, Mrs. Robinson: Die Liedzeile aus dem Simon & Garfunkel-Song ist der Welt in Erinnerung geblieben, ebenso wie Anne Bancroft in ihrer Rolle als jene schöne, verführerische Mrs. Robinson, die in „Die Reifeprüfung“ (Foto) den jungen Dustin Hoffman in ihre Fänge lockt. Mike Nichols‘ moralisch durchaus gewagte Komödie aus dem Jahre 1967 verschaffte ihr endgültig den großen Durchbruch und stülpte ihr gleichzeitig das Image der reifen Verführerin über. Wie schwierig es ist, als Schauspielerin einem publikumswirksamen Etikett zu entkommen, hatte Anne Bancroft bereits am Anfang ihrer Karriere erfahren: Nachdem sie in „Don’t bother to knock“ 1952 als liebes Mädchen an der Seite der verruchten Marilyn Monroe debütiert hatte, wurde sie in ihren folgenden Filmen immer wieder auf die unschuldige dunkle Schönheit reduziert. Dieser Festlegung überdrüssig, verließ sie Hollywood und kehrte an den Broadway zurück, um sich an anspruchsvollen Charakterdarstellungen zu versuchen. Ihr Erfolg als Tänzerin Gittel Mosca in „Two for the Seesaw“ (1957) brachte der in 1931 in den Bronx geborenen Schauspielerin neben dem hand­festen Kompliment „weiblicher Marlon Brando“ ihren ersten Tony Award ein. 1959 brillierte Anne Bancroft in „The Miracle Worker“ als Sprachlehrerin der taubstummen Helen Keller, eine Rolle, die sie fernab von Sentimentalitäten bis zum äußersten auslotete und für die sie in der Hollywood-Verfilmung von 1962 einen Oscar erhielt.

Dass ihr schauspielerisches Talent weit über dunkle Schönheiten und reife Verführerinnen hinaus geht, hat Anne Bancroft in den Jahrzehnten auf Bühne und Leinwand immer wieder unter Beweis gestellt. Brechts Mutter Courage verkörperte sie ebenso eindringlich wie die greise Golda Meir; die Theaterdiva in David Lynchs „The Elephant Man“ (1980) spielte sie ebenso glaubwürdig wie die glamouröse, ewig-junge Mittvierzigerin in „Sein oder Nichtsein“ (1983) unter der Regie ihres Ehemannes Mel Brooks. Sie überzeugte in „Night, Mother“ (1986), dem Dialog einer Mutter mit ihrer Tochter, der mit dem angekündigten Selbstmord der Jüngeren endet, und überzeugte in zahlreichen Nebenrollen mit präzise gezeichneten Charakteren. In Erinnerung wird immer die Energie bleiben, mit der sie ihre Figuren durch die Filme trug. Am 6. Juni ist Anna Maria Louise Italiano, so ihr richtiger Name, im Alter von 73 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Sarah Wüst

epd Film 6/2005




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