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  Globalisierung und die Zukunft des Wohlfahrtsstaates
Herbsttagung des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing (12.-14.11.2004)


Dr. Heiner Flassbeck

Globalisierung und die Zukunft des Wohlfahrtsstaates

Ich will ein bisschen das ergänzen, was Herr Radermacher gesagt hat. Ich werde sozusagen an die Knochen, allerdings sehr wichtige Knochen, die er uns geboten hat, noch etwas Fleisch anzuheften, nämlich ein bisschen Ökonomie. Ich glaube, das ist notwendig, damit wir auch zu den realen Fragen kommen, die uns heute beschäftigen.

Wir haben immer eine regelmäßig Runde von den Leuten, die in den verschiedenen UN-Organisationen für Volkswirtschaft, für Makroökonomie und alle entwicklungspolitischen Fragen, zuständig sind. Da hatten wir eine Video-Konferenz, in der wir über Zukunftsaufgaben der UNO sprachen. Mehrere Kollegen und ich waren der Meinung, man müsse gerade in den Ländern, die jetzt aufholen, wie China und Indien, mehr über soziale Fragen reden, z.B. wie man ein soziales Netz in diesen Ländern aufbaut. Und wir steigerten uns da so hinein in gewisse Euphorien: Wir übertragen das europäische Modell, das müsste doch funktionieren, es hat ja auch für uns funktioniert. Bis dann plötzlich ein indischer Kollege sagte: "Sagt mal, worüber redet ihr eigentlich? Das wird doch bei euch gerade abgebaut. Warum wollt ihr uns denn verkaufen, was ihr gerade abbaut? Es war doch offensichtlich nicht erfolgreich. Schaut euch in Europa um: hohe Arbeitslosigkeit, kein Wachstum, alles hat nicht funktioniert, hohe Staatsverschuldung. Wohin man schaut, Probleme über Probleme. Wie könnt ihr sagen, dass ihr dieses europäische Sozialstaatsmodell uns jetzt verkaufen wollt?"

Ich will anfangen damit, dass ich Ihnen einfach ein paar Fakten aufzeige. Und ich will mich mit der Frage beschäftigen, warum Deutschland, das doch nach allem, was wir gehört haben, im Export weiterhin unglaublich erfolgreich ist und damit ja scheinbar doch eine der wichtigsten Herausforderung der Globalisierung bestanden hat, warum dieses Land am Ende schlecht dasteht, obwohl es seine "Hausaufgaben" in Sachen Globalisierung eigentlich gemacht hat?

Dieser Frage müssen wir uns stellen, und will ich versuchen zu zeigen, was da eigentlich schiefgelaufen ist, um dann vielleicht zu einer größeren Frage zu kommen, wie überhaupt die Nationen in dieser globalisierten Welt miteinander umgehen können. Und wie es funktioniert, dass man Entwicklungsländer wiederum einbezieht, wie Herr Radermacher gesagt hat. Wie klappt das denn, dass die einen aufholen und die anderen sich auch weiterentwickeln, ohne dass sie sich verdrängen, ohne dass sie in einen Kampf der Nationen geraten? Das ist doch das eigentliche Problem. Man sagt uns: "Wir sind im Kampf der Nationen und wissen nicht genau, wie wir diesen Kampf bestehen können."

Gibt es diesen Kampf der Nationen? Wie sieht er aus? Was sind die Waffen? Was sind die Instrumente, mit denen er geführt wird? Sollten wir uns überhaupt darauf einlassen, oder sollten wir die Finger davon lassen? Wohin führt er denn?

Beginnen wir mit dem altbekannten Phänomen: Wachstumsrate. Ich habe immer die einfachen Bewegungen aufgezeichnet, nämlich die Bewegung von 1996 - 2004. Sie sehen die Wachstumsrate von 1996 bis heute, aufkumuliert für vier Länder, immer die EU, Großbritannien, U.S.A. und Deutschland. Warum diese Länder? Weil ich zeigen wollte: Es gibt ja Länder, die diese Globalisierung erfolgreich bestanden haben, nicht nur auf der Export-Seite, sondern auch bei den Arbeitsplätzen, bei Wachstum, usw. Da waren erstaunlicherweise die angelsächsischen Länder ganz erfolgreich, während Deutschland und andere Länder zurückgefallen sind.

Das ist das eine Phänomen, das wir zu behandeln haben: Deutschland ist im Wachstum im Vergleich zu diesen Ländern weit zurückgefallen. Ich will einmal präziser für diese Periode zeigen, was da passiert ist. Die Wachstumsrate ist zurückgeblieben. Das kann verschiedene Ursachen haben. Das nächstliegende, was man sich anschaut, wenn man über Globalisierung spricht, ist natürlich der Export. Was ist mit dem Export passiert? War Deutschland im Export gut oder schlecht? Und was war mit den anderen Ländern? Beim Export waren wir unheimlich gut. Im Export waren wir Spitze - in dieser Periode. Sie können aber auch 20 Jahre zurückgehen, wohin man auch immer blickt: Deutschland war im Export immer Spitze.

Das heißt, wir müssen offensichtlich in der Lage sein, wettbewerbsfähige Produkte für den Weltmarkt zu produzieren. Nun könnte man sagen, da gibt es Leute, einer ist nicht weit von hier weg, der Herr Sinn in München, im Ifo-Institut, der da immer sagt: Aber das ist ja alles aufgefressen worden durch steigende Importe. Alles, was wir exportieren ist im Grunde nur von anderswo hergeholt. Das ist die berühmte Bazar-Ökonomie. Bazar-Ökonomie soll in Deutschland stattgefunden haben, gerade in dieser Periode.

Wir schauen uns einmal die Importe an, und wir sehen: Das ist nicht wahr. Deutschland ist bei den Importen sozusagen am schlechtesten und bei den Exporten am besten. Wir haben relativ wenig importiert und sehr viel exportiert. Daraus folgt: Wir haben im Außenhandel riesige Überschüsse gebildet. Die Überschüsse sind so gewaltig, trotz Ostdeutschland. Trotz Ostdeutschland wird der westdeutsche Überschuss in der Handelsbilanz in diesem Jahr in der Größenordnung von 180 Milliarden Euro liegen. Jetzt müssen wir aber noch bedenken, dass Ostdeutschland ein Riesen-Defizit in dieser Handels- und Leistungsbilanz hat. Die Handelsbilanz ist 180 Milliarden. Bei der Leistungsbilanz, in der dann auch Tourismus, Überweisungen nach Europa usw. abgerechnet werden, haben wir immer noch einen Überschuss von 100 Milliarden. Also: 100 Milliarden Überschuss wird die Leistungsbilanz Deutschland in diesem Jahr haben. Und das ist Folge des Auseinanderlaufens von erfolgreichem Export und einer relativ geringen Importpenetration durch andere Länder. Ostdeutschland hat ein riesenhaftes Leistungsbilanz-Defizit, etwa in der Größenordnung von der Hälfte des Bruttosozialprodukts wird dort importiert; wir haben dort also einen riesigen Überschuss der Importe über die Exporte, was bedeutet: Ostdeutschland lebt über seinen Verhältnissen, und Westdeutschland? Westdeutschland lebt unter seinen Verhältnissen.

Dass hat auch Herr Sinn gefragt in seinem berühmten Buch "Ist Deutschland noch zu retten?". Nein. Es ist nicht zu retten. Weil er nämlich einen so einfachen Vergleich nicht machen kann. Man muss nämlich dann sagen: Wenn Ostdeutschland so schlecht ist in seiner Struktur und seiner Anpassungsfähigkeit an diese weltwirtschaftlichen Dinge, und das zeigt sich in diesem Über-die-Verhältnisse-Leben in diesem Leistungsbilanz-Defizit, dann kann man nicht umgekehrt folgern, Westdeutschland ist auch schlecht, hat aber einen riesenhaften Leistungsbilanz-Überschuss. Das ist unmöglich.

Jetzt schauen wir uns an, was wirklich schiefgegangen ist in Deutschland. Jeder sagt, in Deutschland sind die Kosten so extrem hoch. Die Kosten sind in erster Linie die Lohnkosten. Das ist das Wichtigste, in jeder Volkswirtschaft. Besonders in Volkswirtschaften, die hochwertige Produkte herstellen, dort sind trotzdem die Lohnkosten das Allerwichtigste.

Hier habe ich die Unit Labor Costs aufgeführt. Das sind Lohnstückkosten. Da ist die Frage, um wie viel Herr Bsirske und seine Kollegen die Lohnerhöhung in Deutschland jenseits der Produktivität getrieben haben, und zwar zunächst einmal nominal, d.h. was sie wirklich rausgeschlagen haben in den Verteilungskämpfen. Sie haben also irgendwann 5 Prozent Nominallohnerhöhung herausgeschlagen, und in Deutschland ist die Produktivität um 2 Prozent gestiegen. Dann steigen die Lohnstückkosten logischerweise um 3 Prozent. Das verändert die Kosten der gesamten Volkswirtschaft, und alle Unternehmen leiden darunter, dass die Gewerkschaften 3 Prozent Kostenerhöhung durchgesetzt haben - und nicht 3 Prozent Kostensenkung.

Wenn wir das vergleichen mit anderen Ländern der Welt und wiederum mit den erfolgreichen Ländern dieser Welt, dann kommt etwas Seltsames heraus. Die Gewerkschaften waren offensichtlich überall viel stärker als in Deutschland. Die haben wesentlich höhere Lohnerhöhungen über der Produktivität durchgesetzt als die deutschen Gewerkschaften, und zwar in den letzten 20 Jahren, nicht nur seit 1996. Deswegen war dieses Land Jahrzehnte lang stolz darauf, Stabilitätsweltmeister zu sein. Wie wird man denn Stabilitätsweltmeister, wenn scheinbar, nach den heutigen Diskussionen, die wir seit vier, fünf, sechs Jahren führen, die Kosten dauernd durch die Decke gehen? Wenn nämlich die Lohnkosten weit über die Produktivität hinausgehen, wie kann man dann Stabilitätsweltmeister werden? Das ist völlig unmöglich.

Diese Lohnstückkosten sind die entscheidende Größe, die das Preisniveau in einer Volkswirtschaft bestimmt. Und weil sie das Preisniveau und die Preisentwicklung in einer Volkswirtschaft entscheidend bestimmen, deswegen bestimmen sie auch, wie erfolgreich die Unternehmen auf den Märkten dieser Welt sind. Denn da wird immer noch nach Preisen abgerechnet. Da muss man niedrige Preise haben, damit man erfolgreich ist. So verläuft ja auch die gegenwärtige Diskussion: Wir müssen jetzt die Löhne senken. Das halte ich für fundamental falsch. Weil wir damit etwas Anderes kaputtmachen.

Wir machen nämlich unseren Binnenmarkt kaputt. Eine große, reiche Wirtschaft wie Deutschland besteht nicht nur aus Export. Dieser Erkenntnis hat sich noch nicht sehr weit durchgesetzt, aber es ist eindeutig. Selbst in Deutschland, nach fünf Jahren Konsumflaute, sind der Konsum und die Investition im Inland immer noch viel wichtiger als der Export. Deswegen kann man nicht die ganze Zeit nur auf einem einzigen Bein stehen und Export machen, sondern man muss auf beiden Beinen stehen.

Man muss Export und Binnennachfrage haben. Wie kann man das bekommen? Durch eine vernünftige Lohnpolitik. Das ist die einzige, einfache Regel, was immer eine vernünftige Lohnpolitik sein mag. Nun kann man die Vernunft so definieren, dass man sagt: Das hier war doch offensichtlich vernünftig, Deutschland hat alle anderen aus dem Feld geschlagen, war der Beste. Weltmeister. Nicht nur beim Export selbst, sondern auch bei den Kosten. Dadurch sind wir übrigens auch im europäischen Währungssystem und in Europa die führende Nation in der Währungswertung, sozusagen, über 30 Jahre gewesen. Das kann man nicht werden, wenn dauernd die Kosten durch die Decke gehen und man dauernd zu teuer ist.

Nun schauen wir das ganze einmal im europäischen Währungsraum an. Jetzt könnte ja einer sagen: "Ja, aber innerhalb Europas sind die Leute doch sehr viel stabilitätsbewusster als wir. Die schnallen den Gürtel noch viel enger als die Deutschen und sind noch viel besser, so dass wir nur innerhalb Europas verloren haben."

Auch innerhalb Europas ist das schlich falsch. Europa beginnt 1999 mit der Europäischen Währungsunion. Selbst in der Währungsunion ist Deutschland jetzt päpstlicher als der Papst und setzt Lohnerhöhungen durch, die, gemessen an der Produktivität, weit unterhalb dessen liegen, was die anderen Länder in Europa tun. Was übrigens ein gewaltiger Sprengstoff für dieses Europa sein wird. Dieses Auseinanderlaufen ist katastrophal, weil ja die anderen Länder kein Ventil mehr haben. Was machen in vier, fünf Jahren Spanien und Portugal, wenn sie plötzlich feststellen, dass sie in allen Produkten von Deutschland aus dem Feld geschlagen worden sind? Sie senken massiv die Löhne, machen ein Deflationsprogramm. Super. Richtige Lohnsenkungen, das ist das einzige, was denen noch bleibt. Sie müssen dann die Löhne dramatisch senken.

In Deutschland sind von 1999 bis 2004 die Lohnstückkosten überhaupt nicht gestiegen. Das heißt, wir haben insgesamt über diese fünf Jahre keine Erhöhung der Lohnstückkosten.

Ich gehe noch einmal zurück zur Produktivität. Seit 1980 sind wir immer hinter den anderen zurückgeblieben. Die nationale Währung ist natürlich immer ausgeglichen worden durch Auf- und Abwertungen. Aber das Niveau des Lohnes einer Volkswirtschaft kann sich nie von dem Niveau der Produktivitäten lösen. Deswegen entspricht das Niveau der Löhne fast immer, auch in China und Indien, dem Niveau der Produktivität in dieser Volkswirtschaft. Das ist die entscheidende Regel.

Nun schauen wir die Binnennachfrage in diesen Ländern von 1996 bis heute an. Was ist da passiert? Da ist Deutschland eindeutig am schlechtesten. Warum? Das ist leicht zu verstehen. Auch beim privaten Verbrauch sind wir weit zurückgeblieben, während die U.S.A. und Großbritannien hier extreme Zuwächse hatten.

Woran lag es jetzt, dass der private Verbrauch in diesem gesamten Zeitraum von acht Jahren im Gegensatz zu anderen Ländern nicht gestiegen ist? Es gibt nur zwei Faktoren, die den privaten Verbrauch erklären. Das eine ist die Beschäftigung, das andere ist offensichtlich der reale Lohn, den die Leute bekommen, ihre Kaufkraft. An der Beschäftigung hat es gar nicht gelegen. Deutschland war eine Zeitlang gar nicht so schlecht. Man sieht auch in vergleichbaren Phasen, dass in Deutschland die Beschäftigung in gleicher Weise reagiert wie in den U.S.A., wenn denn ausreichend Wachstum da ist. Dann gibt es diese Reaktionen, der Arbeitsmarkt ist nicht völlig versteinert: Es wird mehr Beschäftigung geschaffen; das ist auch eine Zeitlang passiert, und dann ist es abgebrochen.

Eine völlig andere Welt haben wir beim Lohn. Das ist die Entwicklung der Reallöhne von 1996 bis wiederum 2004. Nun erkläre ich auch, warum ich 1996 gewählt habe. Weil es 1996 ein berühmtes Treffen "Bündnis für Arbeit" in Bonn gab. Damals hat man beschlossen, dass in Deutschland die Reallöhne von nun an viel langsamer steigen sollten als jemals bevor. Was wollte man damit erreichen? Man wollte die Produktivitätszuwächse für die Beschäftigung reservieren. Das heißt, wir geben den Unternehmen sozusagen die gesamte Produktivität, und die machen aus der gesamten Produktivität Beschäftigung, und die Arbeitnehmer halten sich mal ein paar Jahre zurück, dann läuft das schon. Auf der Basis dieser Theorie hat man gesagt, wenn nur die Reallöhne hinter der Produktivität zurückbleiben, wir also einen Teil der Produktivität reservieren für die Unternehmen, dann investieren die Unternehmen umso mehr, und je mehr sie investieren, umso mehr werden wir Beschäftigung haben. Diese Rechnung ist ganz fundamental nicht aufgegangen. Die Löhne sind nicht gestiegen. Und was ist auch nicht gestiegen - die Nachfrage der Menschen, die Löhne bekommen.

Und weil die Nachfrage der Menschen nicht gestiegen ist, deswegen haben dann plötzlich die Unternehmer gar nicht investiert, obwohl sie eigentlich von der Einkommensverteilungs-Situation, die man ihnen zugedacht hatte, hätten investieren sollen. Vergessen hat man dabei nur, dass die Unternehmen, die da investieren sollen, auch ab und zu mal in ihre Auftragseingangsbücher gucken und sehen wollen, ob da etwas reinkommt. Ja, wenn nichts reinkommt, dann investieren sie vielleicht nicht. Genau das ist passiert. Es ist nämlich nichts reingekommen. Der private Verbrauch war total flach, die Einkommensentwicklung war auch flach, die Binnennachfrage in Deutschland stagniert jetzt seit 2001.

Ich kann Ihnen auch sagen, wie es weitergeht. Sie wird auch 2005 stagnieren. Und wenn wir so weitermachen, wird sie 2006 auch noch stagnieren. Oder sogar runtergehen. Was sollen denn die Menschen machen? Wenn gleichzeitig der Zusammenhang, den man da unterstellt, nicht stimmt, wenn nicht gleichzeitig mit der Lohnzurückhaltung (den Gürtel enger schnallen) bei den Unternehmen investiert wird, und zwar in genau demselben Augenblick, so dass Beschäftigung sozusagen ersetzt, was nicht mehr in den Taschen der Arbeitnehmer ist, dann kann dieses Modell niemals funktionieren. Dann werden wir immer diesen Reinfall erleben, den wir jetzt hatten.

Es funktioniert nicht, weil nämlich die Arbeitnehmer, sobald sie weniger Geld in der Tasche haben, auch sofort weniger ausgeben. Und was passiert, wenn sie weniger Geld ausgeben? Nun, dann kommt weniger Geld bei den Unternehmen an. Und wenn weniger Geld bei den Unternehmen ankommt, dann stellen wir plötzlich fest, dass das, was man da eigentlich zugunsten der Unternehmer verteilen wollte, überhaupt nicht bei den Unternehmern ankommt. Es kommt nicht an, weil kein Prozess erzeugt wird, in dem ein solches Einkommen entstehen kann. Nicht nur geeignete Ordnungsbedingungen, sondern auch geeignete makroökonomische Bedingungen müssen vorhanden sein, damit die Unternehmer investieren. Wir haben die Löhne nicht mehr erhöht und haben gehofft, da passiert es. Das war ganz grundlegend falsch. Weil es diese Art von Umverteilung nicht gibt.

Komischerweise ist in den angelsächsischen Ländern, U.S.A. und Großbritannien, nichts dergleichen gemacht worden. Dort sind die Löhne fast durchgängig kräftig gestiegen. Und was passierte? Die haben viel mehr Beschäftigungszuwachs als wir. Die haben viel weniger Arbeitslose als wir. Es ist genau umgekehrt als es in der neoklassischen, neoliberalen Ideologie verkauft wird. Man braucht nämlich nicht einen beliebig hohen Lohnzuwachs, aber wenn man eine Produktivität erwirtschaftet, muss man auch dafür sorgen, dass diese Produktivität produktiv umgesetzt wird. Das heißt, es müssen Menschen da sein, die ein Einkommen entsprechend dieser Produktivität erhalten und dann Güter nachfragen, wiederum entsprechend dieser Produktivität. Dann kann das funktionieren.

Ich will das auch gern in einem längeren Zusammenhang zeigen, weil es heute für viele Menschen so unwahrscheinlich ist. Wenn man betrachtet, was zwischen 1960 und heute passiert ist, dann gibt es da tatsächlich eine fundamentale Änderung der Philosophie und des Ansatzes in Deutschland. Wir hatten nämlich dieses Prinzip, dass die Löhne vernünftig im Rahmen der Produktivität steigen sollten.

Es geht nicht um prinzipiell höhere Löhne, sondern es geht um die Anpassung der Löhne an die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft. Das ist das Prinzip! Und nicht irgendeine wilde Kaufkrafttheorie.

Bei der Reallohn-Entwicklung von 1960 bis heute sehen Sie, dass wir - unterbrochen von einer ganz kleinen Phase Anfang der 80-er Jahre - praktisch immer eine Aufwärtsentwicklung der Löhne hatten, die zum deutschen Modell gehört hat. Das deutsche Modell war eben nur deswegen erfolgreich, weil diese Entwicklung dazugehört hat. Jetzt haben wir dieses beendet. Darum sind wir auch nicht mehr erfolgreich. Deswegen werden wir auch in den nächsten Jahren nicht erfolgreich sein. Weil selbst ein riesiges Konjunkturprogramm, wie wir das in diesem Jahr hatten, nämlich der gewaltige Exportschub, nicht ausgereicht hat, um die deutsche Ökonomie aus der Krise herauszuführen.

Ist dieser Wohlfahrtsstaat jetzt vielleicht von anderen Ländern gefährdet? Ist das erreichte Niveau jetzt gefährdet durch China, Indien und andere aufstrebende Volkswirtschaften? Das wäre in der Tat etwas Neues, was erklären könnte, warum wir heute in so großen Schwierigkeiten sind.

Was passiert im Verhältnis zu China, Indien oder den osteuropäischen Ländern? Diese haben natürlich ein Lohnniveau, das mit unserem überhaupt nicht zu vergleichen ist. Aber sie haben auch ein Produktivitätsniveau, das mit unserem nicht vergleichbar ist. Das heißt, im Durchschnitt dieser Volkswirtschaften können diese Länder mit uns nicht in besonderer Weise konkurrieren, sie können uns jedenfalls nicht in Schwierigkeiten bringen, weil sie eben einen ganz kleinen Kapitalstock haben, mit dem sie nur eine kleine Produktivität erwirtschaften und ein niedriges Lohnniveau haben, so dass die Kostensituation dieser Länder nicht besser ist als unsere. Deswegen ist das Aufholen ja so schwierig. Es gelingt immer mal wieder einer Volkswirtschaft, aber es gibt keine Automatik des Aufholens. Brasilien hat in den letzten 30 Jahren eben nicht aufgeholt, während China aufgeholt hat.

Diese Automatik gibt es genau deswegen nicht, weil es keinen automatischen Wettbewerbsvorteil für solche Länder gibt. Um es einmal plakativ zu sagen: Arme Länder sind arm, weil sie nur einen kleinen Kapitalstock haben und mit diesem kleinen Kapitalstock nur zwei, drei, vier oder fünf weltmarktgängige Produkte herstellen können.

Diesen gewaltigen Kapitalstock - das hat Herr Radermacher sehr schön gesagt - kann man nicht einfach nachholen, den gibt es einfach nicht. Man braucht Jahre, Jahrzehnte, um einen Kapitalstock aufzubauen, der mit unserem vergleichbar ist.

Jetzt gibt es nur eine einzige Störung in diesem Prozess, und die heißt: Es gehen Unternehmen mit ihrer hohen Produktivität aus Deutschland heraus, exportieren ganze Fabriken in die tschechische Republik und nach Polen und produzieren dort mit den niedrigen Löhnen. In der Tat machen diese Unternehmen einen Sprung in Sachen Wettbewerbsfähigkeit. Die Länder machen gewisse Sprünge in der Produktivität, weil sie plötzlich in einem einzigen Standort oder in mehreren Standorten hochspringen von einem sehr niedrigen Niveau der Produktivität auf ein sehr hohes Niveau, nämlich unser westliches. Doch hier kommt der entscheidende Punkt: Das passiert aber nicht überall, das passiert eben nicht quer durch die Bank und quer durch die Volkswirtschaften. Denn wenn es passieren würde - was wäre dann? Dann würden die Löhne in diesen Ländern so schnell steigen, wie die Produktivität steigt, was sie ohnehin tun. Und wenn die Produktivität eben um 5 Prozent stiege, würden die Löhne auch um 5 Prozent steigen. Innerhalb von 10-15 Jahren wäre der Spuk beendet, dann wären sie auf unserem Niveau.

Wissen Sie, wie die Löhne in China im Moment steigen? In China sind in den 90-er Jahren die Löhne real jährlich um 7, 8, 9 Prozent gestiegen. Die Produktivität ist auch gestiegen, und zwar um 5, 6, 7 Prozent, so dass sich das ungefähr entsprochen hat.

Das heißt, jenseits der Verlagerung von einzelnen Unternehmen aus der Welt - es waren ja eine ganze Menge in China - gibt es dennoch den normalen Aufholprozess, der darauf hinausläuft, dass sie über technische Innovation ein ganz normales Wirtschaftswachstum haben. Das ist schneller und leichter - wie Radermacher gesagt hat -, weil sie uns imitieren können und nicht mit jedem dieser Schritte "das Rad neu erfinden müssen". Deshalb geht es eine Zeitlang über 20, 30 Jahre schneller, bevor es sich normalisiert, weil sie dann auch neue Produkte erfinden müssen - so wie wir das tun müssen.

Da ist keine spezielle Dynamik drin, weil dieses Outsourcen, das Verlagern von Arbeitsplätzen, eben kein Massenphänomen ist. Es ist und wird kein Massenphänomen.

Wenn ich das tue, was Deutschland getan hat in den letzten 10, 20 Jahren und jetzt wieder ganz besonders verstärkt, nämlich Überschüsse im Außenhandel zu bilden, dann gibt es eine logische Folge. Was bedeutet es, wenn ich einen Überschuss in der Leistungsbilanz von 100 Milliarden Euro habe? Dann muss ich in jedem Jahr genau 100 Milliarden Euro Kapital in den Rest der Welt transferieren. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass dieser Leistungsbilanzüberschuss überhaupt bestehen kann. Andere müssen sich verschulden um 100 Milliarden Euro. Das ist reine wirtschaftliche Logik! Niemand auf dieser Welt kann sich verschulden, wenn es nicht jemand gibt, der ihm dieses Geld zur Verfügung stellt und dafür den Gürtel enger schnallt. Einer muss, wie Deutschland, um 100 Milliarden unter seinen Verhältnissen leben, damit ein anderer um 100 Milliarden über seinen Verhältnissen leben kann!

Das ist der Punkt: Man muss Kapital exportieren.

Und das ist wieder eine vollkommene Analogie zwischen West- und Ostdeutschland. Der Sieger im Wettbewerb der Nationen muss die anderen bezahlen. Er muss ihnen das Geld geben, mit dem sie seine Güter kaufen können. Deswegen ist die gesamte Idee des Wettkampfs der Nationen so absurd. Denn immer wenn ich siege, verliere ich gleichzeitig. Ich kann nicht ein Land "besiegen". Wenn ich es besiege, muss ich die Menschen dort alimentieren, muss ihnen das Geld geben, mit dem sie die Güter kaufen, weswegen ich diesen Krieg geführt habe. - Ob das sinnvoll ist? Das zu beurteilen überlasse ich Ihnen.

Kann Deutschland Frankreich besiegen im Wettbewerb der Nationen? Oder kann China Deutschland besiegen? Oder wir die U.S.A.? Nichts dergleichen ist vernünftig. Deswegen ist der Versuch mit "Gürtel enger schnallen", um Exporterfolge zu erzielen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Weil es in der Binnenwirtschaft niemals erfolgreich aufgehen kann und weil es gegenüber den anderen Ländern niemals erfolgreich aufgehen kann.

Denn was werden die Amerikaner jetzt tun? Sie haben ein riesiges Defizit: 600 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Werden die das irgendwann zurückbezahlen? Werden die uns dafür schöne Autos liefern oder Panzer oder Flugzeuge oder was auch immer, diese extrem industrieschwache Nation U.S.A.? Was werden die tun? Nun, die werden den Dollar entwerten. Sie werden ihn so weit entwerten, bis wir entweder keine Lust mehr haben, dorthin zu exportieren, oder bis wir ihre Güter kaufen, so schlecht sie auch immer sein mögen, weil sie einfach unheimlich billig geworden sind für uns. - Dieser Prozess läuft gerade ab. Weil wir nämlich die Amerikaner ja gar nicht und auf alle Zeit alimentieren wollen, wie wir das mit Ostdeutschland tun. Deswegen wollen wir diese Überschüsse ja eigentlich gar nicht haben, sie sollen ja irgendwann wieder abgebaut werden. Aber die können nicht abgebaut werden, ohne dass die Amerikaner ihren Dollar massiv entwerten. Das werden wir erleben. Und dann steht Deutschland eben nicht mehr auf einem Bein - dann steht Deutschland gar nicht mehr.





 
 

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