In der kontroversen Debatte um den früheren bayerischen Landesbischof Hans Meiser (1881 ? 1956) müssen nach Einschätzung des Bayreuther Theologieprofessors Lukas Bormann die "Entstehungsverhältnisse" der antisemitischen Äußerungen Meisers stärker berücksichtigt werden. Der erste evangelische Bischof in Bayern sei ein "Gegner" der "nationalsozialistischen Rassenantisemiten" gewesen, betont Bormann in einem Beitrag in der Wochenzeitung "Sonntagsblatt" (München). Meiser habe in einem 1926 im Nürnberger Gemeindeblatt veröffentlichten Artikel getaufte und zur evangelischen Kirche übergetretene Juden verteidigt, deren Ausschluss aus der Kirche die nationalsozialistischen Antisemiten gefordert hätten. Bereits 1924 habe das NS-Propagandablatt "Stürmer" Evangelische jüdischer Herkunft diffamiert und Verbote von Taufe von Juden, Judenmission und Mischehen gefordert, schreibt Bormann. Auf diese Provokationen habe Meiser reagiert, indem er die heute anstößige Ansicht vertreten habe, das Christentum habe die Kraft, "die Juden auch rassisch zu veredeln".
Äußerer Anlass für die Äußerungen Meisers sei eine Veranstaltung im Oktober 1925 in Nürnberg gewesen, bei der der getaufte jüdische Jurist Professor Ernst Cahn (1857 ? 1953) sprechen sollte. Gegen den Auftritt Cahns, leitender Jurist der Stadt Frankfurt, habe der "Stürmer" polemisiert Daraufhin sei Meiser von dem Evangelischen Gemeindeblatt Nürnberg um eine grundsätzliche Klärung gebeten worden. Vieles von dem, was Meiser heute "als antisemitische Stereotype und Phantasmen vorgeworfen wird", sei damals "Gegenstand ernsthafter jüdischer Identitätsdebatten" gewesen, betont Bormann.