Die Alkoholkonsumenten werden immer jünger. Ihre Räusche immer stärker. Diese erschütternde Tendenz bei jungen Süchtigen gehe dahin, den schnellstmöglichen Rausch mit dem möglichst billigen Alkohol zu erzielen, so die Experten beim Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin in München. Sie ließen keinen Zweifel daran: Auf die Gesellschaft kommen anwachsende Suchtprobleme und unabsehbare Folgereaktionen über lange Zeiträume zu.Die jungen Alkohol- und Drogensüchtigen machen ihnen die meisten Kopfzerbrechen, weil diese, von denen mindestens 50 Prozent aus Suchtfamilien stammen, ihr Leiden an künftige Generationen weiter geben werden, wenn nicht Entscheidendes in Aufklärung und Therapie passiert. Süchtige - und dazu rechnen die Suchtexperten auch die Raucher - haben Kinder, die schon im Mutterleib geschädigt werden. Ihre Prognose ist dann besonders schlecht, wenn sie in zerrütteten Verhältnissen aufwachsen müssen.
Sucht-Eltern seien nicht grundsätzlich schlechte Eltern, betonen die Experten. Der emotionale Kontakt zu den Kindern könne sehr intensiv und geglückt sein. Aber viele seien mit den Alltagsanforderungen heillos überfordert und könnten ihren guten Willen nur ungenügend umsetzen. Da bedürfe es der Hilfe von außen, durch die Medizin und die Sozialarbeit. Drogenexperten setzten sich auf dem Kongress intensiv für Substitutionsprogramme, beispielsweise mit Methadon, ein. Studien hätten ergeben, dass Mütter, die diese medizinische Ersatzdroge bekommen, sogar stillen dürfen.
Die Experten warnten davor, sogenannte "weiche" Drogen wie Cannabis zu verharmlosen. Ihr kummulativer Effekt könne ähnlich schädlich sein wie bei stärkeren Rauschmitteln. Da etwa 44 Prozent der Frauen im gebährfähigen Alter schon Kontakt mit "weichen" Drogen gehabt haben und es nicht sicher sei, dass sie den Konsum so einfach einstellen, könne man von tickenden Zeitbomben sprechen. Der Rat der Suchtexperten ist unmißverständlich: Paare, die Kinder haben wollen, sollten sofort auf Drogen- und Alkoholkonsum verzichten und auch das Rauchen aufgeben. Und auch die Väter seien angesprochen, denn Passivrauchen sei für Kinder jeden Alters ungesund.
Wie groß das Problem ist zeigen die neuesten Zahlen: 2,65 Millionen Kinder in Deutschland haben alkoholbelastete Eltern, 30.000 bis 40.000 drogenabhängige. Viele von ihnen versuchen, ihre Probleme zu verheimlichen - auch gegenüber den Kindern. Das sei aber nur begrenzt möglich. Die Kinder spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten, ziehen sie sich zurück und unterdrücken ihre Gefühle. Der Weg zu Kontakt- und Bindungsschwierigkeiten, die ein Leben lang anhalten können, wenn keine therapeutische Hilfe kommt, ist vorgezeichnet. (1138/03.06.09)