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  Bäume für die Seele
Kurenkreuze in Litauen erinnern an Verstorbene, die unter Bäumen begraben sind


Von Dirk Johnen

München/Nidda (epd).

Kurenkreuze auf dem Friedhof von Nida
©epd-bild/Johnen

In der Natur begraben zu sein, ist für viele Menschen heute wieder ein sehnlicher Wunsch. Friedwälder und Friedparks sind in jüngster Zeit bundesweit neu angelegt worden. Die letzte Ruhestätte mitten im Wald zählt zu einer jahrhundertalten Bestattungskultur. Baum-Friedhöfe finden sich etwa im osteuropäischen Litauen bereits im 17. Jahrhundert.

Auf schattigen Wegen durch lichten Mischwald führt der Weg leicht ansteigend zu einem stillen Ort. Es ist dort ruhig, ein paar Vögel zwitschern in den Bäumen, Bienen summen und im Gras raschelt es leise. Eichen, aber auch Kiefern und Fichten ragen meterhoch in den Himmel, Sonnenstrahlen fallen gebrochen auf die Erde und wärmen sie. An und zwischen den Bäumen lehnen und stehen aus Holz geschnitzte Kurenkreuze, sie erinnern im litauischen Nida (deutsch: Nidden) an Verstorbene.

Auf dem malerischen alten Friedhof neben der evangelischen Kirche im 1.500-Seelen-Dorf Nida an der Kurischen Nehrung sind originelle Grabdenkmäler, auch Kurenbretter genannt, zu sehen. Sie zählen zu den ältesten Formen der Grabdenkmäler in Litauen. Einige dieser einzigartigen Kurenkreuze tragen die Inschriften deutscher Verstorbener aus jüngerer Zeit. Die Kurenkreuze wurden aber nicht wie häufig üblich am Kopf, sondern am Fußende des Grabes aufgestellt. Das sollte die Verbindung des Verstorbenen zwischen Erde und Himmel versinnbildlichen.

In Nida waren alle im Umland gefundenen Kurenkreuze zusammengetragen und auf dem Friedhof neu aufgestellt worden. Diese kreuzförmigen Grabmale mit Tier- und Blumenmotiven, die eine symbolische Botschaft tragen, stammen ursprünglich aus vorchristlicher Zeit. Im Gegensatz zum christlichen Leib-und-Seele-Dualismus gibt es bei den Balten wie in allen anderen antiken Mythologien eine Dreiteilung. So verlässt die Seele zwar den Leib eines Toten, nistet sich aber sogleich in einer Pflanze oder einem Tier ein.

Dem Brauch zufolge dringt die Seele meist in Bäume ein, bei Männern vor allem in Birken, Eschen oder Eichen. Letztere galten schon bei den alten Griechen als Symbol der Kraft und der Willensstärke. Die Seele einer Frau sucht sich Fichten oder Linden als Zeichen ehelicher Liebe, der Güte, der Gastfreundschaft und Bescheidenheit. Auch das Schmuckmotiv der Erdkröte war ausschließlich einer weiblichen Verstorbenen vorbehalten.

So wohnen die Geister der Verstorbenen also nach dem Tode zunächst weiter in der Nähe ihrer Sippe auf hohen Sandhügeln an den Rändern der Dörfer. Von Wäldern, Heide- und Dünengebieten geprägt ist die Kulturlandschaft der Kurischen Nehrung in der Umgebung von Nida - knapp 50 Kilometer vom heutigen Klaipeda (Memel) und vier Kilometer von der Grenze zur Russischen Förderation mit dem Kaliningrader Gebiet entfernt.

Im Baltikum gab es früher regelrechte Wälder mit Friedhofsbäumen, vergleichbar mit einem Friedwald heutiger Zeit, deren Idee aus der benachbarten Schweiz nun wieder in Deutschland belebt worden ist. Die Alternative zum Begräbnis auf dem Friedhof jedenfalls gibt es schon lange. Entscheidend für die Angehörigen war und ist, dass sie einen Ort der Trauer aufsuchen können, wo sie sich den Verstorbenen verbunden fühlen und dort auch Blumen niederlegen können.

(1654/23.10.06)








 
 

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